Visionen für die Regenbogen-Zukunft: Das Manifest zum Kunstwerk, exklusiv bei curt

MITTWOCH, 16. DEZEMBER 2020, NüRNBERG

#Akademie der Bildenden Künste, #Kulturpolitik, #Kunst, #Manifest, #Regenbogen, #Regenbogenpräludium, #Soziale Plastik, #Zeppelintribüne

Wenn es so etwas wie einen Günther-Jauch-mäßigen Jahresrückblick auf Nürnberg 2020 gäbe, das eine Bild, das keinesfalls fehlen dürfte, ist allen klar: Das Regenbogenpräludium hat sich, nicht nur wegen der Farbe an der Zeppelintribüne, sondern auch wegen der daran anschließenden Diskussion über Intervention und Kunst im öffentlichen Raum und den Umgang mit dem Reichsparteitagsgelände, ins kollektive Regionalgedächtnis eingebrannt. Bald zwei Monate später ist die Auseinandersetzung wieder etwas abgekühlt, hinter den Kulissen werkeln die Künstler*innen aber weiter. An ihrer Vision und der Zukunft der Gruppe. Jetzt hat das Regenbogen-Präludium sein Regenbogen-Intermezzo verfasst, ein Thesenpapier, ein Manifest, mit konkreten Vorschlägen, wie es jetzt weitergehen könnte, erstveröffentlicht hier, bei curt.
Im Intermezzo beschreibt die Gruppe ihre erste Arbeit als ein längst überfälliges Gegendenkmal, das ein Vakuum fülle: die von der Stadt festgelegten Leitlinien zum Umgang mit dem Gelände seien in 16 Jahren weder mit finanziellen Mitteln noch mit konkreten Konzepten ausgestattet worden. Als eigentliches Werk sei jedoch nicht der Regenbogen, sondern der daran geknüpfte Diskurs zu verstehen, der in Auseinandersetzung mit dem Gelände immer neue Ausdrucksformen findet. Um zu diesen Ausdrucksformen zu gelangen, fordert das Kollektiv jetzt die Schaffung einer Sozialen Plastik in Form eines selbstverwalteten Künstler*innenhauses in direkter Umgebung des Reichsparteitagsgeländes. Auch ein Finanzierungsvorschlag ist im Manifest enthalt. Das gesamte Regenbogen-Intermezzo im Wortlaut:

1. 2004 hat die Stadt Nürnberg „Leitlinien/Leitgedanken zum künftigen Umgang der Stadt Nürnberg mit dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände“ verabschiedet. Zu den in diesem Leitfaden angestrebten künstlerischen Auseinandersetzungen gab es jedoch bisher weder konkrete Konzepte noch finanzielle Mittel.

2. Mit dem an der Hitlertribüne angebrachten interventionistischen Kunstwerk „Regenbogen-Präludium“ hat die Künstler*innengruppe die seitens der Stadt angestrebte künstlerische Auseinandersetzung umgesetzt. Dabei handelt es sich um ein Kunstwerk an einem nationalsozialistischen Baudenkmal, das dessen ideologische Aussage temporär überschrieb. Das Regenbogen-Präludium ist Gegenkunst, es war ein lange überfälliges Gegendenkmal.

3. Vielmehr als um die Frage der Verstetigung des Regenbogens geht es nun darum, den dadurch angestoßenen Diskurs zu nutzen und fruchtbar zu machen. In der Broschüre „Lernort Zeppelinfeld“ der Stadt Nürnberg von 2017 heißt es, dass es keine „abschließende künstlerische Antwort auf die baulichen Zeugnisse der NS-Zeit“ geben kann, weshalb „nachfolgenden Generationen ihre eigenen Formen der Auseinandersetzung“ nicht verbaut werden dürfen. Das Regenbogen-Präludium ist in diesem Sinne als Vorspiel zu einer generationenübergreifenden kunstvermittelten Auseinandersetzung mit menschenverachtenden Ideologien zu verstehen. Dafür braucht es jedoch eine angemessene und
verstetigte Form.

4. Diese Form für den künstlerischen Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe, das Hauptspiel des Regenbogen-Präludiums, definieren wir als Soziale Plastik. Im Unterschied zu einem skulpturalen Gegendenkmal mit seiner erstarrten Form entsteht Kunst in der Sozialen Plastik durch öffentliche Teilhabe und im lebendigen Austausch von Produzenten und Rezipienten. Das Erinnern und der Umgang mit menschenverachtenden Ideologien werden in dieser Sozialen Plastik diskursiviert und lebendig gehalten. Das verunmöglicht die Dekontaminierung des Täterorts und erfordert die kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Historizität des Ortes. Dafür gibt es keine Handlungsanweisung, keine Blaupause. Die soziale Plastik übt, strauchelt, findet und sucht ständig von neuem.

5. Der Prozess der Sozialen Plastik verwirklicht sich gesellschaftsimmanent als tatsächlicher Ort in unmittelbarer räumlicher Nähe zur Hitlertribüne. Damit meinen wir die Schaffung eines Ortes, eines Freiraumes für Künstler*innen im weiteren Sinne; eine morphologische und fluide Form, die die Begegnung zwischen der Kunst, der politischen Bildung und der Zivilgesellschaft in Nürnberg als einem Ort mit besonderer Verantwortung stärkt und verstetigt.

6. Die Soziale Plastik wird finanziert als Kunst am Bau.*

* Gemäß des Leitfadens „Kunst am Bau“ des Bundes sind ausdrücklich „alle dauerhaften Ausdrucksformen der bildenden Kunst“ bei der Auswahl zu berücksichtigen. Kunst am Bau soll ein „eigenständiger Beitrag zur Bauaufgabe sein, der einen Bezug zur Architektur bzw. zur Funktion des Bauwerks herstellt“ und „auf die Umgebung reagiert“. Als Baumaßnahmen im Sinne des Leitfadens sind u.a. auch Sanierungsmaßnahmen an Bauwer ken mit besonderen kultur- oder kunsthistorischen Bezügen einzustufen.

Durch strenge denkmalschutzrechtliche Vorgaben ist ein direktes dauerhaftes Anbringen von Kunstwerken an der Gebäudesubstanz nur schwierig oder nicht befriedigend umsetzbar. Daher bietet sich die in räumlicher Nähe verortete Soziale Plastik auch als Antwort auf die rigiden Vorgaben des Denkmalschutzes an. Die hier vorgeschlagene Soziale Plastik ist der künstlerisch-kritischen Auseinandersetzung mit dem Reichsparteitagsgelände und menschenverachtenden Ideologien verpflichtet. Durch das Betreibeneines selbstverwalteten Künstler*innenhauses als Soziale Plastik am Gelände wird sowohl durch die lokale Künster*innenszene als auch durch regelmäßig vergebene Residencies und internationale Calls dauerhaft für wechselnde Kunstwerke am oder um das Reichsparteitagsgelände gesorgt.

Die Finanzierung der Sozialen Plastik als Kunst am Bau dürfte in diesem besonderen Fall daher einer Prüfung standhalten: Setzt sie sich doch in dauerhafter Form konkret künstlerisch mit dem Bau auseinander und wirkt auf die Auseinandersetzung mit der Substanz und ihrer ideologischen Bedeutung hin. Die Soziale Plastik ist längst fester Bestandteil eines zeitgenössischen Kunstbegriffs, dessen weite begriffliche Auslegung in der Vergangenheit auch immer wieder verfassungsrechtlich bestätigt wurde. Bis zu 2 % der für den Bau eingeplanten Mittel sind üblicherweise für Kunst am Bau vorzuhalten. Bei ca. 82 Mio. veranschlagten Sanierungskosten für das Reichsparteitagsgelände wäre eine solide Startfinanzierung für die Soziale Plastik gesichert. Für den dauerhaften Betrieb ergeben sich verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten wie kommu nale und überstaatliche Förderung, private Stiftungen und Verkäufe von kunstmarktrelevantem Output.


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Die Akademie der bildenden Künste hat derweil ein Podium akademischer Expertise zusammengestellt, das die Möglichkeiten der Kunst auf dem Reichsparteitagsgelände diskutieren wird. Die Online-Veranstaltung, Mit Hochdruck ins Postludium, findet am 21. Januar statt:
adbk-nuernberg.de/termine/mit-hochdruck-ins-postludium 
 




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