Dominic Hafner | Auf der hohen See des Erlebens

FREITAG, 18. DEZEMBER 2020

#Dominic Hafner, #Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Malerei

Locked in | 040 – Bei Locked in versammeln sich aktuell über 60 Künstler*innen, und womöglich ist das Sternchen – bezogen auf die Künstleridentität – genau die Repräsentation von Dominic Hafner: Seinem Selbstverständnis nach ist er kein Künstler, sondern jemand, der Dinge aus allen möglichen Bereichen wahrnimmt, wie er im Interview beschreibt.

Ein Mensch mit hochempfindlicher Antenne, der Ereignisse empfängt und wie ein Transformator in Kunst übersetzt. Das erklärt womöglich das auf den ersten Blick so zerstreute Werk, eine Melange aus Zeichnungen, partiell abstrakter Malerei, Film, Performance, Kohleportraits und Materialgemengen zwischen Skulptur und Fundstück. Manchmal maskieren kleinformatige Arbeiten sich an der schrundigen Wand als Narbe in der Putzfläche, manchmal stehen die Gemälde frei als Triptychon im Raum. Ebenso die Filmmitwirkenden: Es sind manchmal vereinzelte, manchmal aufeinander reagierende, menschliche Körper, die vor reliefartigen Wänden tanzen und agieren. Ein verbindendes Element in den verschiedenen Arbeiten könnte die Strichführung sein: Gestische, breite, lineare Korridore aus Farbe oder Graphit, im Duktus ebenso bestimmt, egal ob als Streifen oder als feine Linie ausgefgührt, oder als um die Darstellerinnen gewickelte Klarsichtfolie. Ich weiß nicht, ob er selber weiß, wohin das alles führen soll. Das könnte ein Hinweis auf etwas grundlegend Neues sein, das hier gerade im Zeichen des Sternchens passiert.

Im Interview erzählt Dominic vom neuen Raum im Lockdown, zwangsläufigen Bildentscheidungen und dem Stranden in der Kunst.

Marian Wild: Du bist vor etwa einem Jahr von Nürnberg nach Prag übergesiedelt und erlebst dort momentan auch die Quarantäne. Was hat sich durch den Umzug für deine Kunst verändert, und wie nimmst du die Krise in Prag wahr?
Dominic Hafner: Die Umstände und Gründe, wegen derer ich nun in Prag bin, waren vielfältiger Art und zeigen, wenn man so will, eine Parallele zu meiner künstlerischen Praxis auf: Ich nehme Situationen so, wie sie kommen und gliedere sie relativ intuitiv in meine Arbeit ein. Ich mag die unbekannten Faktoren, die einem das Leben serviert, die mich und mein inneres System aushebeln. Das schafft den Rahmen für einerseits intuitive und auch geplante Auseinandersetzung. Das mag jetzt ziemlich banal und allgemein klingen und ist sicherlich im Kern auf vielleicht alles anwendbar. Für mich ist das aber wesentlicher Bestandteil meiner künstlerischen Auseinandersetzung und mittlerweile finde ich dieses Erklärungsmodell für mich absolut befriedigend. Was mich zu deiner Frage nach den Auswirkungen auf meine künstlerische Arbeit bringt. Als ich nach Prag ging, wollte ich wissen, welchen Einfluss dieses ganze Paket aus neuer Sprache, neuem Umfeld, nicht abzusehenden Höhen, Tiefen und ungeahnten Herausforderungen auf mich und auf meine kreativen Aktivitäten haben würde. Damals hatte ich das Gefühl, in einem System festzustecken und mich zu wiederholen und wollte sehen, ob ich neue Horizonte abstecken kann. Jetzt, fast zwei Jahre später, bin ich sehr froh, nach einer langen Entscheidungsfindung, diesen Weg gemacht zu haben. Ich hinterfrage hier meine Systeme, finde Antworten und Fragen, die sich aus dem neuen Kontext speisen, vergewissere mich der Dinge, die mich ausmachen und ergänze sie um den ein oder anderen Aspekt. Ein riesiger Vorteil ist, dass man sich hier alter Rollenmuster entziehen kann, nochmal einen kleinen Individualitäts-Blankoscheck bekommt und sich selbst ein bisschen neu überzeichnen kann. Schlussendlich habe ich in den fast zwei Jahren etwas mehr an Selbstverständlichkeit und Verständnis für meine Arbeit erlangt und mir noch einmal vor Augen geführt, welche Bereiche für mich als Künstler wichtig sind. Die tragische Situation in Zeiten der Pandemie und der Lockdown gaben mir letzten Endes viel Raum. In der anfänglichen Einsamkeit habe ich, vielleicht aus Sublimation heraus, so viel gearbeitet, wie in den eineinhalb Jahren vorher nicht, was sehr fruchtbar war, da ich endlich einige Projekte in Angriff genommen habe, wie mein Performance-Projekt und einen Videodreh, die vorher lange noch im Winterschlaf steckten. Das hat mir viel Auftrieb gegeben und mich hier in Prag als Künstler komplettiert. Weil ich nicht per se zu einer gefährdeten Risikogruppe gehöre, konnte ich unter den gegebenen Umständen relativ angstfrei leben, wofür ich sehr dankbar bin. Denke ich an die Menschen, die dieses Glück nicht haben, fällt mir ein Fazit für diese Zeit im Nachhinein schwer.

Dein Schaffen beinhaltet Malerei, Zeichnungen, Grafiken und aktuell auch Performance. Wie kommt es zu dieser Mischung und wie verbinden diese Gattungen sich für dich?
Diese Bereiche haben mich schon immer fasziniert. Ich empfinde mich weniger als Künstler, sondern eher als Mensch, der in seinen Machenschaften Dinge wahrnimmt, Rollenmuster ausprobiert und Grenzen in verschiedenen Kontexten erfahren will. In dieser Auseinandersetzung habe ich mich in unterschiedlichen Bereichen ausprobiert und in der Folge bin ich in oben genannten Feldern gestrandet. Generell habe ich über die Jahre zu akzeptieren und zu schätzen gelernt, eher intuitiv veranlagt zu sein. In der Auseinandersetzung mit konkreten Inhalten lote ich dabei Spannungsfelder aus, in denen ich mir schlussendlich keine konkreten Antworten gebe. Ein Schlagwort hier ist für mich der kausale Determinismus [die Vorstellung, dass jede Ursache eine zwangsläufige Wirkung hat; Anm. des Interviewers]. Diese Perspektive habe ich jetzt schon seit geraumer Zeit im Gepäck und das damit verbundene Interesse ist wohl die Triebfeder für alle meine künstlerischen Elemente. Die dabei gesammelten Ergebnisse verzeichne ich als Spurensammlung. In meiner Auseinandersetzung ist das verbindende Element aller Medien ein inhaltlicher Grenzgang. Meine Performances lege ich häufig als inszenierte Malerei an, die Situationen und einzelne Elemente stehen am Ende häufig für sich. Eine Interaktion findet indirekt durch die Einbettung in ein räumliches Umfeld statt. In meinen Grafiken setze ich stark abstrahierte Elemente in Kontexte, die nicht definitiv lesbar sind, Fragen aufwerfen und als Komposition für sich steht. Ebendiese Elemente suche ich – aktuell noch nicht zufriedenstellend – in der Malerei.

Mir sind deine grafischen Zeichnungen aufgefallen, weil ich Zeichnungen sonst wegen des speziellen Strichs mag, an dem man viel über Künstler lernen kann. Diese Bereiche gibt es bei dir auch, aber viele Areale haben eine nahezu technische Anmutung. Wie entstehen diese Werke?
Meine Skizzen sind nahezu immer eine Mischung aus konkretem Inhalt, beziehungsweise konkretem Vorbild und intuitiver Reaktion. In der Vergangenheit war es mir ein Anliegen, in kurzer Zeit die für mich notwendige Information eines Objekts in möglich wenig Strichen festzuhalten. Vorbild standen hier japanische Zeichner, die in ihren Werken eine meditative Reduktion anwendeten und nicht die Abbildung von Wirklichkeit, sondern die Wiedergabe einer allgemeinen Wirklichkeit oder Wahrheit in ihrem Kern in den Vordergrund stellten. Dieser formulierte Minimalismus hat mich schon immer fasziniert und maßgeblich geprägt. Teils erstelle ich Skizzen nach Vorbildern anderer Künstler, wie beispielsweise Michael Borremans oder Adrian Ghenie. Hierbei ist mir ein lebendiger Strich wichtig. Anschließend definiere ich den Umraum mit akkuraten, wie du sagst technisch anmutenden Skizzen, gestalte mit Unterbrechungen und Irritationen Horizonte und Landschaften, die sehr intuitiv gesetzt sind. Wichtig ist mir hierbei, dass das Bild am Ende einen Eindruck vermittelt, der dem Betrachter genug Raum lässt, um die Komposition inhaltlich frei fertigzudenken.

Weitere Informationen zum Künstler: (KLICK!)




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