Jonas Höschl | Es gibt keine richtige Kunst in der falschen

FREITAG, 11. DEZEMBER 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Jonas Höschl, #Kunst, #Locked in

Locked in | 039 – Sich Jonas Höschl als ernsthaften und politisch wachen Künstler vorzustellen, während man seine Werkreihen genauer studiert, ist ein wichtiger Baustein zum Verständnis: Es wird von ihm kein Zweifel daran gelassen, dass er sich seiner Rolle als Stachel im Fleisch der Gesellschaft bewusst ist, von jeher ist das eine der vornehmsten Künstlerpersonas.

So strahlt das Selbstportrait auch folgerichtig den Charme des intellektuellen Kosmopoliten aus, dessen bildgewordene Beobachtungen den Alltag enthüllen, die Verfehlungen der Mächtigen geißeln und die ungehörten Stimmen verstärken. Die Holzschnitte von „Europe is lost“ sind gleichsam an mittelalterliche Flugblätter und an Steckbriefe aus den 1960er Jahren angelehnt, die Protagonisten grinsen, manche sind verhüllt: Archetypen eines vielfältigen Kontinents einerseits, Schreckgespenster einer Zukunft des Kontrollverlusts andererseits. Wenn er sich selbst in Handschellen abführen lässt oder Polizisten im Einsatz als Fotoreihe portraitiert, die Themen bleiben persönlich und etwas schmutzig, wie auch die schnappschusshaften Portraits und Szenerien. Sich Jonas als Künstler vorzustellen, der für seine Haltung bis zum Äußersten geht, ist darum sicher zielführend.

Im Interview erzählt Jonas von dem Umgang mit der Krise, dem Mehrwert der Gemeinschaftsprojekte und der richtigen Entfernung der Wohnung zum Bayerischen Landtag.

Marian Wild: Du widmest dich in deinen Arbeiten immer wieder politischen Themen, in „Europe is lost“ der EU in der Flüchtlingsfrage, in „Das Wort ‚Krise‘ besteht im Chinesischen aus zwei Buchstaben“ der Wahl Thomas Kemmerichs zum Ministerpräsidenten von Thüringen. Dein „Selbstportrait mit Handschellen“ zeigt dich, während du von einem Polizisten abgeführt wirst. Wie politisch muss, wie politisch kann Kunst in der momentanen Zeit sein?
Jonas Höschl: Ich würde eher fragen: Wie unpolitisch kann die Kunst sein? Unpolitisch sein heißt politisch zu sein, ohne es zu merken! Das hat Rosa Luxemburg festgestellt und ich denke dieser Satz hat bis heute nicht an Bedeutung verloren. Die Welt in der wir leben ist eine politische und so hat all unser Tun – sei es in der Kunst oder sei es privat – auch einen politischen Impact. Die Arbeiten, die du als Beispiele aufführst, sind ganz offensichtlich an einem realpolitischen Moment unserer jüngsten Geschichte aufgehängt. Aber auch leisere und intimere Arbeiten von mir, wie beispielsweise „der Arktis gegenüber“, in der es um zwischenmenschliche Beziehungen geht, würde ich nicht als weniger politisch beschreiben. Für mich ist es wichtig das Publikum bei den Themen abzuholen, die sie ohnehin tagtäglich beschäftigen, um eine Sogwirkung zu erzeugen. Dahinter verhandle ich dann meist medientheoretische Fragestellungen. Mein Anspruch ist es, die Widersprüche unserer Gesellschaft in Diskussion zu stellen und weiter zuzuspitzen. Das finde ich aktuell umso wichtiger, wenn scheinbar die Erwartung an die darstellenden und bildenden Künste ist, den Zustand der Isolation mit dem nächsten Theatermitschnitt aus dem Archiv, noch einer Livelesung und der hundertsten Online-Ausstellung für alle über schwarzverspiegelte Oberflächen zu Hause erträglicher zu machen.

Deine Fotografien sind schnappschusshaft mit Hochglanzoptik, eine Anmutung, die man auch von den Portraits Jürgen Tellers kennt. Eine deiner Fotoserien heißt auch „Team Teller“, darum frage ich ausnahmsweise: Was ist das Wichtigste, das du aus dieser Zeit in der Klasse Teller für deine Kunst mitgenommen hast?
Ich glaube, das ist vor allem offen und respektvoll auf sein Gegenüber zuzugehen und sich begeistern zu lassen. Ich bin dankbar dafür, mittlerweile mit Personen aus der Popkultur, wie mit der Rapperin Haiyti, den Musikern von Erotik Toy Records oder der Balletttänzerin Ivy Amista, zusammenarbeiten zu dürfen. Vor deren Schaffen hatte ich zumeist davor schon den größten Respekt oder durfte es neu entdecken und lieben lernen. In offener und wertschätzender Begegnung und Anerkennung entsteht Raum für größeres. Das haben mir vor allem meine Kommiliton*innen und meine bisherige Erfahrung an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg gezeigt, dass man als Team oft mehr erreicht.

Auf den ersten Blick verwunderlich ist die Druckserie aus Holzschnitten; auf den zweiten Blick sind die Portraits aus "Europe is lost" eine Art Kombination aus historischen Holzschnitten und der Portraitfotografie. Bist du ein nostalgischer Mensch?
Ich bin sicherlich in der Hinsicht nostalgisch, dass mich Druckgrafik als Medium und vor allem die Geschichte des politischen Plakats fasziniert. Doch bei „Europe is lost“ interessiert mich vor allem das Spannungsfeld zwischen den Medien Fotografie und Druckgrafik. Oder genauer: Mich interessiert in der medialen Verschiebung dieser Arbeit der Diskurs in der Fotografie um den Begriff „Wirklichkeitsversprechen“ und der Diskurs in der Druckgrafik um den Begriff „Propaganda“. Für mich sind das Medium sowie die Geschichte des Mediums und verhandelter Inhalt untrennbar miteinander verbunden. Sie bedingen sich gegenseitig. Die beiden angesprochenen Punkte sind sicher Themenfelder, die mich in meiner künstlerischen Praxis immer wieder beschäftigen. Doch mittlerweile verhandle ich sie immer multimedialer und installativer, so wie ich es bereits 2018 mit „Europe is lost“ begonnen habe.

Bereits während deiner Studienzeit in der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg bist du für ein Parallelstudium nach München gegangen. Was ist in München für einen Künstler anders als in Nürnberg?
Die Mietpreise sind noch teurer als in Nürnberg. Ansonsten nehmen sich die Städte leider nicht viel. In München gibt es, ebenso wie in Nürnberg, relativ wenig Offspaces oder Projekträume für Künstler*innen. Als beispielhafte Ausnahmen seien hier natürlich der fructa space in München oder das Edel Extra in Nürnberg genannt. Mein Studium für Freie Kunst / Bildhauerei bei Prof. Olaf Nicolai, ein Internship bei VOGUE Germany, sowie die Dichte an Kulturinstitutionen mit internationaler Strahlkraft haben mich dann trotzdem in die Landeshauptstadt gezogen. Außerdem gibt es mir ein wenig Sicherheit neben der Isar auch den von der CSU regierten Bayerischen Landtag nur einen Steinwurf entfernt zu wissen.

Weitere Informationen zum Künstler (KLICK!)




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