Mathias Otto | Der Mond hinter den Wolken

FREITAG, 6. NOVEMBER 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Locked out, #Malerei, #Mathias Otto

Locked in | 034 – Drei Gehhilfen stehen auf dem Gemälde „Kirchenbesuch“ vor dem Eingangstor der Sebalduskirche. Der linke Türflügel ist einen Spalt nach innen geöffnet, hell strahlt der gepflasterte Vorplatz im – ja was, Mondlicht?

Dafür ist es beinahe zu hell. Wie eine fotografische Langzeitbelichtung hebt der Ort sich von dem schwarzen Nachthimmel ab. man kann nur hoffen, dass die wohl älteren Besucher um diese späte Stunde keine ungehörigen Dinge in der Kirche tun. Szenenwechsel: Wir stehen in einem weiß gekachelten Raum, wohl eine Toilette, und blicken auf die nächtliche Straße, die von Laternen in ein warmgelbes Licht getaucht wird. Der Innenraum spiegelt sich im Glas und überlagert die Außenwelt. Das Ganze wirkt unheimlich, wie ein zeitgenössisches „Fenster zum Hof“. Man hat das Gefühl etwas zu beobachten, eine Geschichte oder ein Ereignis, das man aber im Bild nicht sehen kann. Mathias Otto malt lakonische Geschichten, man bleibt über die genauen Vorgänge im Dunkeln. Die Motive sind gleichzeitig fast fotorealistisch und irrational, kalt beleuchtet durch das Mondlicht, Momente die man intuitiv wiedererkennt und an die man sich zu erinnern glaubt.

Im Interview erzählt Mathias vom Wald, der medialen Coronaflut und der Ästhetik des Verschwindenden.

Marian Wild: Viele deiner Bilder erwecken den Eindruck, dass du nachts durch die entvölkerte Metropolregion streifst und besondere Situationen einfängst, nur selten sind reale Menschen zu sehen. Wie sehr beeinflusst die aktuelle Quarantäne deine Arbeit?
Mathias Otto: Eigentlich gar nicht, bei mir ist der Mensch sowieso nicht auf der „Bühne“.

Mit deinen Motiven gelingt es dir immer wieder, einen eigentlich unattraktiven Ort mit einer ganz neuen Spannung aufzuladen, man sieht die altbekannten Orte neu. Wie ist dein Verhältnis zur Stadt? Wo hältst du dich am liebsten auf wenn du die Wahl hast?
Die Stadt ist natürlich mit ihrer kulturellen Vielfalt interessant, auch bildet sie mit ihrem „zivilisatorischen Schutzraum“ einen Gegensatz zur Natur, da liegt dann auch der Reiz. Auf dem Land, in der Natur, im Wald halte ich mich gerne auf.

Dein Malstil ist sehr realistisch, aber im Gesamteindruck fast klinisch und dadurch aufgeräumter, aber auch kälter als die Realität. Mir sind einerseits die Fotografien von Hilla und Bernd Becher, andererseits aber auch die surrealen Bilder von René Magritte in den Sinn gekommen. Gibt es künstlerische Vorbilder, die dich auf deinem Weg begleitet haben?
Besonders beeindruckt haben mich Francis Bacon und Edward Hopper. Mit den Hillers liegst Du insofern nicht verkehrt, weil ich durchaus ein Faible für serielles Denken und Dokumentationen von Verschwindendem habe. Besonders faszinierend finde ich auch die inszenierten Fotografien von Gregory Crewdson, das was ich male fotografiert er, nur mit befremdlichen menschlichen Szenerien.

Für die geplante Ausstellung LOCKED OUT planst du eine Bilderserie. Kannst du dazu bereits etwas Konkretes sagen oder ist es noch zu früh?
Ich werde den medialen „Coronaregen“, der auf uns alle niederprasselt anhand einer Tageszeitung ästhetisch aufarbeiten und dokumentieren. Alle Worte auf dem Titelblatt mit Corona, Covid19 und so weiter werden ausgeschnitten. Mit diesen Worten wird täglich ein A4 Blatt gestaltet und spiegelt so auch den Corona-Erregungszustand wieder. Das erste Blatt beginnt am 9. März, der Tag des ersten Corona-Toten in Deutschland. Wann oder mit was die Serie endet, ist noch nicht abzusehen.

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