Theresa Stemplinger | Reisen mit dem Eierfach

FREITAG, 16. OKTOBER 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Theresa Stemplinger

Locked in | 031 – Wer kennt das nicht. Man sitzt im Zug, hat eine längere Reise vor sich, und plötzlich bemerkt man einen drückenden Unkomfort: Man hat keine Eier im Gepäck. Die Situation ist vertrackter als man auf den ersten Blick denkt, denn der Transport von Eiern ist meistens ein kulturelles Fiasko. Die Eier werden hart gekocht, in Tupperdosen versenkt, in Frischhaltebeuteln eingeknotet, mit weichen Materialen wie Küchentüchern oder Papier umwickelt, zum Schutz.

Für gekochte Eier mag das noch ganz planbar sein, spätestens beim Transport roher Eier beginnt aber die Sorgenfalte. Wohin mit den fragilen kleinen Miststücken, wo sie nicht unkontrolliert zerbrechen und das neue Buch von Juli Zeh mit Eidotter durchtränken? Theresa Stemplinger hat dafür das Eierfach entwickelt, zwei Laschen vorne an der Reisetasche, bestückbar mit links und rechts jeweils drei Eiern, roh oder gekocht (in allen Härtegraden). Die Laschen sind bequem erreichbar, luftig, und getrennt vom restlichen Gepäck, im Falle eines stumpfen Stoßes von außen fängt das Fach Eiklar und Eidotter für das Omelette am Zielort auf.
Immer wieder taucht man im Werk der Künstlerin auf solche absurden Momente: Angeln in der heimischen Badewanne, psychedelische Zeitraffervideos, surreale Stoffobjekte, die oft als Grenzgänge zwischen Objekt und Designstück funktionieren. Wie Theresas Ouroboros zum Beispiel: Das werkwürdige altgriechische Symbol der sich ringförmig selbst verzehrenden Schlange wurde scheinbar zum Anlass für eine mehrteilige Rauminstallation, an der Wand hängt ein Stoffwappen, dessen polygones Schildmuster an Schlangenhaut erinnert, flauschig umrandet mit gelben Wülsten. Dalí gefällt das.
 



Im Interview erzählt Theresa von Grenzgängen zum Design, dem Potential von Stoff und dem Auspendeln von wichtigen Fragen.

Marian Wild: Du arbeitest mit skulpturalen und malerischen Positionen auf Textil, manche der Werke wirken fast wie Designstücke, auch wenn die Funktion manchmal kryptisch bleibt. Welche Beziehung hast du zu deinen Materialien?
Theresa Stemplinger: Also grundsätzlich hab ich glaub ich schon immer irgendwie so rumgenäht, schon als Kind. Woher das kommt weiß ich nicht. Stoffe sind auf jeden Fall ein ziemlich cooles Material, eigentlich jede Art von Textilien. In meiner künstlerischen Arbeit hat sich das wahrscheinlich etabliert, weil es das Material ist, das am besten der Form-Inhalt-Beziehung meiner Arbeiten gerecht wird. Irgendwann hat sich das verselbstständigt bis hin zu einem sehr intuitiven Umgang mit dem Material. Ich finde auf jeden Fall jede Art von Textilbearbeitungstechnik interessant, besonders Färberei und Siebdruck. Das Material ist wahnsinnig wandelbar und vielseitig bearbeitbar. Zudem spielt in meinen Arbeiten immer Modularität und Neukombination eine Rolle. Das ist vielleicht auch ein Grund für das Material. Wenn ich es mir so recht überlege, ordnet es sich doch nach wie vor immer einem Zweck unter, auch wenn der Umgang zunehmend intuitiver ist als das bei früheren Arbeiten der Fall war. Das Ganze endet meistens in einem installativen raumgreifenden Aufbau, der meist eine Kombination aus textilen Elementen und Videos ist und im besten Fall ein großes Ganzes ergibt. Ich versuche bestimmte Phänomene, biografische Aspekte etc. in allgemeingültigere Bilder zu übersetzen, die im Optimalfall einen breiten Interpretationsspielraum aufmachen. Und ja, mit Malerei hat das ganze meiner Meinung nach relativ wenig zu tun, das ist eher Streichen als Malen. Ich begreife das mehr als Markierung mit Farbe um etwas zu betonen oder Elemente miteinander in Beziehung zu setzen. Zu „echter Malerei“ bin ich aus übermäßiger Ungeduld gar nicht im Stande. Ursprünglich hab ich was mit Textildesign studiert, deswegen vielleicht die Designstücke. Das ist wie ein Spagat zwischen angewandter und bildender Kunst, Designstücke ohne Funktion oder Designstücke, die so tun als hätten sie eine Funktion.
 

Es scheint bei dir eine besondere Beziehung zwischen den fertigen Arbeiten und den Vorarbeiten zu geben, weil diese einerseits wie eigenständige Bilder funktionieren, andererseits aber die technische Ausführung gar nicht erklären. Wie konzipierst du deine Arbeiten?
Da müsste man jetzt recht weit ausholen, denn das hat alles einen unglaublich hohen intellektuellen Anspruch ;)
Ich finde so Psychologie und Philosophiezeugs wahnsinnig interessant. Jeder sollte mal Maurice Merleau-Ponty (KLICK!) lesen, da gibt es krasse Bücher. Besonders spannend find ich auch diese ganze Esoterikschiene, weil das wie die Schnittstelle zwischen der Wirklichkeit und einer komischen Gläubigkeit ist. Beides Dinge, die zwar eigentlich konstruiert sind, sich aber gleichzeitig wahnsinnig sinnstiftend auswirken. Wenn die Vorarbeit also viel mit Recherche und bestimmten Phänomenen zu tun hat manifestiert sich das erst mal in der Zeichnung oder in einer möchtegern-wissenschaftlichen Illustration. Wenn einem dann aber in der Umsetzung die Intuition in die Quere kommt, gibt es zwischen der Vorarbeit – wenn man das überhaupt so nennen will – und dem Rest keine erkennbare Verbindung mehr, sondern unterschiedliche eigenständige Ausdrucksformen, die sich aber trotzdem gegenseitig bedingen.

Durch Corona war jetzt ja viel Zeit für Theorie. Wie hast du die Lockdown-Zeit ausgefüllt?
Mir ist alles andere als langweilig. So schlimm das alles ist, für mich war und ist diese ganze Zeit ziemlich stressig, denn sobald man freie Zeit zur Verfügung hat explodiert der Kopf weil es so viele Möglichkeiten gibt: Liegengebliebenes wegarbeiten, schöne Sachen machen, wie Töpfern, Batiken, Haushaltskram. Wenn alle Cafés und Kneipen zu haben, kann ich viel Geld sparen und das kann man wiederum in Bleichmittel, Ton und Putzmittel investieren. Eine tolle Sache. Sollte sich doch einmal eine kleine Lücke im Tagesablauf auftun, befrage ich mein Pendel zu unglaublich relevanten Fragen der Krisenzeit und muss mich so nicht nur auf die Medien verlassen. Vielleicht brennt dir ja auch was unter den Nägeln. (Wer der neue amerikanische Präsident wird wüsste ich gern... :D, Anm. des Interviewers)

Weitere Informationen zur Künstlerin (KLICK!)




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