Johanna Schreyer | Da hat jemand ein Auge auf uns geworfen

FREITAG, 4. SEPTEMBER 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Johanna Schreyer, #Kunst, #Locked in

Locked in | 025 – Eine Krawatte ist bei Licht betrachtet ziemlich absurder Gegenstand. Mit einem manchmal mehr, manchmal weniger virtuosen Knoten wird das längliche, keilförmige Stoffstück um den früher meist männlichen, heute zunehmend genderneutralen Hals geschlungen. Die Länge und Farbe des Gebindes und die Ausführung des Knotens wird sorgfältig bemessen und der restlichen Garderobe angepasst, die Krawatte ist Ausdruck von Stand und Geschmack, und beinahe könnten diese Eigenschaften darüber hinwegtäuschen, dass man sich immer wieder einen kleinen Galgen um den Hals legt.

Da gibt es einen Teddybären, eingewickelt in Kreppband wie eine kurzbeinige Mumie: Wer knuddelt diesen Bären noch? Das flauschige Kinderspielzeug wird zur gruseligen Heimsuchung des albtraumgeplagten Kindes, ein aus den Untiefen der Spielzeugkiste hervorgekrochener Untoter, ein Walking Ted. Kein Wunder, dass diese heraufbeschworenen Objekte auch das eigene Leben als Künstlerin in Frage stellen, reflektieren lässt sich das alles bei einer gemütlichen Tasse Depressionsaufguss, der blutrot aus dem Beutel ausschwemmt, ein langer dunkler Fünfuhrtee der Seele. Es sind diese kleinen und großen Seltsamkeiten, die Johanna Schreyer mit viel Humor aufspürt, sei es die Atemmaske mit Reißzähnen oder eben die hungrige Krawatte, die sich selbst verschlingt wie eine verknotete Version der Schlange im „kleinen Prinzen“. Die gesellschaftliche Dimension der Kunst steht bei ihr immer wieder im Fokus, die Arbeiten hinterfragen Nachhaltigkeit, Ängste und Gewohnheiten in normalen und schwierigen Zeiten.

Im Interview erzählt Johanna von Einwegbechern, schnellen Skizzen und der Macht der Selbstironie.

Marian Wild: Bei der Durchsicht deiner Arbeiten haben bei mir natürlich sofort zwei Arbeiten getriggert, die so perfekt auf die aktuelle Situation passen: Die Serie der Türspion-Augen und der Fangzahn-Mundschutz. Du arbeitest offenbar mit der Stimmungslage der aktuellen Situation, was fällt dir momentan in  dieser Krise besonders auf?
Johanna Schreyer: Bei den Türspion-Augen handelt es sich um gesammelte Kaffee-To-Go-Becher. Die Augen sind mit Öl auf die Unterseite gemalt. Damals war diese Arbeit für mich vor Allem eine Auseinandersetzung mit Unsicherheit in der Öffentlichkeit. Jeder hat sein ganz persönliches „Klammer-Objekt“, an welches er sich beim Zugfahren, beim Einkaufen, Reisen, etc… klammert, ob Smartphone, Buch, Tasche, oder in meinem Fall der To-Go-Becher. Die Augen auf der Unterseite sind Blicke von Menschen, denen man ausweicht, die einen vielleicht sogar verfolgen. Auf die Corona-Krise bezogen ist die Arbeit natürlich besonders für mich hoch aktuell geworden. Der To-Go-Becher ist die Verbindung des Menschen der sich momentan im Kauf-Entzug befindet zu seiner sonst so vielfältigen Auswahl an geöffneten Einkaufsmöglichkeiten. Momentan stapeln sich die To-Go-Becher in und um öffentliche Mülleimer. Und zum Thema Unsicherheit in der Öffentlichkeit im Nahverkehr oder beim Einkaufen braucht man zu Corona-Zeiten wirklich nicht viel sagen. Jeder kennt das Gefühl! Der Mundschutz war für mich ebenfalls schon vor der Corona-Krise ein Gegenstand, den ich sehr spannend finde. Er verhüllt, gibt ein Gefühl von Sicherheit, lässt den Träger jedoch aus der Menge herausstechen. Besonders in unserem Kulturkreis war der Mundschutz in der Öffentlichkeit bis jetzt etwas Unübliches, etwas Interessantes, wenn nicht sogar Skurriles. Beim Thema Mundschutz und Verhüllung denkt man außerdem schnell an Das Verhüllungsverbot auf Demonstrationen. Eigentlich möchte ihn niemand aber trotzdem braucht in momentan jeder und das Bild des Mundschutz-tragenden Passanten ist längst Teil unseres Bildgedächtnisses geworden. Meine Mundschutze schützen auf besondere Art und treiben die Aufmerksamkeit, die ein Mundschutz-Tragender erregt ins Absurde.
In der Krisenzeit momentan fällt mir vor Allem auf, wie sehr die Menschen damit konfrontiert werden ihre teilweise luxuriösen Gewohnheiten zu reflektieren. Plötzlich ist eine Krise greifbar und man kann verstehen, wie es Anderen gehen muss, die aus politischen Gründen immer mit Sorge das Haus verlassen und die Öffentlichkeit betreten müssen. Man erkennt, wie „gut“ es uns geht, trotz einer weltweiten Krise. Man schätzt die sozialen Beziehungen plötzlich noch viel höher ein, wenn sie einem genommen werden und denkt in Verbindung dazu über den Begriff der Freiheit nach. Man wird zwangsläufig darauf aufmerksam, wie wichtig manche Berufe, Tätigkeiten und Aufgaben wirklich sind, die wir normalerweise als selbstverständlich hinnehmen. Das Verhältnis von Arbeitszeit und Lebenszeit wird zwangsläufig hinterfragt. Man bekommt vor Augen geführt wie eine Welt sein müsste, wenn der CO2-Ausstoß deutlich verringert ist. Dann kommt noch die zwangsläufige Auseinandersetzung mit sich selber und der eigenen Zeitgestaltung dazu. Oder politische Aspekte, wie zum Beispiel die absolute Abwesenheit von AFD-Skandalen in den Nachrichten. Gegen dieses Virus kann man nicht hetzen… Ach ich könnte ewig weitermachen…. Auch wenn es bitter ist, für Künstler/innen bieten Krisen oft einen Pool an Inspirationen.

Deine Arbeiten sind in Technik, Material und Ausführung sehr vielfältig, gleichzeitig gibt es immer einen manchmal lustigen, manchmal skurrilen oder auch ernsten Dreher auf den zweiten Blick. Woher kommt dieses Repertoire? Mir schien bei der Durchsicht, dass du ein ziemlich gut sortiertes Materiallager haben musst…
Humor ist für mich in der Tat sehr wichtig. Ich finde, dass man sich erst dann ernst nehmen kann, wenn es möglich ist, über sich selbst zu lachen. Außerdem lässt mich einfach so vieles um mich herum schmunzeln. Das Leben ist ein Absurditäten-Kabinett. Ich als Künstlerin fühle mich dazu berufen, diese Absurditäten anzusprechen. Gut sortiert eher weniger, aber Materialien habe ich schon viele. Manche Dinge kann man nicht wegwerfen. Jedes Objekt und Material hat einen eigenen Reiz und eine Geschichte, die mich mit ihm verbindet. Manchmal sind es einfach ausgelagerte Erinnerungen und Ideen, die enorm wichtig für mich sind, manchmal ist da auch „nur“ die ästhetische Seite, die mich reizt.

Du malst in manchen Serien ganz klassisch auf Leinwand, in einer anderen Arbeit auch auf dir selbst, erst mit schwarz, dann mit weiß. Welches Verhältnis hast du zu Malerfarben?
Die Farbe ist für mich in erster Linie ein Werkzeug um Flächen zu bemalen, also etwas Neues entstehen zu lassen. Das (Be)malen mit Farbei ist vermutlich die unmittelbarste Art, etwas außerhalb seines Körpers zu veranschaulichen. Verbindet man Farbe mit dem Körper, wird es sehr intim. Für mich selber ist dieses Erleben gar nicht wirklich für Andere übersetzbar. Es ist, als wird man Teil seiner eigenen Arbeit, wobei man gleichzeitig durch sich selber zum Gegenstand degradiert wird. Außerdem hat das Malen mit Farbe für mich etwas mit dem Thema Zeit zu tun. Beim Malen vergeht die Zeit für mich ganz anders. Jede ausgemalte Fläche steht für eine bestimmten Zeitraum, den man sich selber geschaffen hat.

Aktuell werden wieder verstärkt Ausstellungen zur Konzeptkunst gezeigt (oder nicht gezeigt), und als Kunstwissenschaftler bin ich da auch immer neugierig, das geht vermutlich auch nicht mehr weg. Wie stark "durchdenkst" du deine Arbeiten im Vorfeld? Gibt es Vorskizzen, Studien, oder spürst du die Gelegenheiten intuitiv auf?
Wenn ich eine klassische Malerei anfertige, dann läuft das alles ganz unspektakulär ab, Motivsuche, Malgrund und Farben aussuchen und fertig machen und dann wird gemalt. Bei allen anderen Arbeiten arbeite ich doch sehr intuitiv. Ich würde das anhand des Geruchsgedächtnisses beschreiben: Wenn man an etwas riecht, ist es der allererste Eindruck innerhalb eines Sekundenbruchteils, an den man sich erinnert und der beeinflusst, ob man etwas oder jemanden mag und welche Assoziationen durch den Geruch entstehen. So ähnlich ist es auch bei mir. Ich habe einen Gedanken und halte den möglichst schnell fest, um ihn nicht zu vergessen. Und diese Skizzen sind dann meist auch so toll, dass sie zu einer eigenen Arbeit werden. Schnelle Skizzen sind ja immer eine direkte Verbindung vom Kopf zur Hand. Allerdings gibt es auch größere Projekte, bei denen eine Idee „nur“ der Ursprung der eigentlichen Arbeit ist. Wobei es bei mir nicht so ist, dass durch lange Assoziationsketten die ursprüngliche Idee verloren geht. Das ist mir sehr wichtig. Manchmal hat eine Idee das Potential, zu etwas noch besserem zu werden und dann versuche ich, mich an dieses Bessere heranzutasten.

Weitere Informationen zur Künstlerin (KLICK!)




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