Eva Winter | Verträumt ins Hasenei geblickt

FREITAG, 14. AUGUST 2020

#Collage, #Dr. Marian Wild, #Eva Winter, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Malerei, #Objektkunst

Locked in | 022 – „Wenn es das Absurde gibt, dann nur im Universum des Menschen. Sobald dieser Begriff sich in ein Sprungbrett zur Ewigkeit verwandelt, ist er nicht mehr mit der menschlichen Hellsichtigkeit verbunden. Dann ist das Absurde nicht mehr die Evidenz, die der Mensch feststellt, ohne in sie einzuwilligen. Der Kampf ist dann vermieden. Der Mensch integriert das Absurde und läßt damit sein eigentliches Wesen verschwinden, das Gegensatz, Zerrissenheit und Entzweiung ist. Dieser Sprung ist ein Ausweichen.“ (Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos: Ein Versuch über das Absurde, 1942.)

Die arme Seele, die – vermutlich prekär – angestellt wurde um für die Installation „Unterirdisch“ in einem dunklen Forchheimer Keller die wortwörtlich endlos vorhandenen, kleinen Papierschnipselchen farblich zu sortieren, kann einem wirklich leidtun. Nun gibt es nicht wenig hochgradig absurde Arbeit in der Welt, wie Albert Camus in seiner Betrachtung zum alten Steinschubser Sisyphos ja schon vor Langem feststellen musste, wie man im Zitat am Anfang erkennen kann. Kein Minijobber kam übrigens bei Ausführung des Kunstwerks, dem mühsamen Sortieren des Konfettis, zu Schaden, die Künstlerin hat die ordnende Arbeit selbst verrichtet. Mit einer kleinen Waage portionierte sie die Papierhäufchen, die aus dem Schacht in der Wand scheinbar endlos nachströmten, mit einer Pinzette schied sie rot und gelb von grün und blau, am Ende standen handverlesene Beutelchen in der Nische.
Subtile Arbeiten wie diese tummeln sich in Evas Portfolio immer wieder: Da sieht man in einer großformatigen Arbeit in Collagenmischtechnik den Riddler und einen etwas gealterten Batman im trauten Gespräch, man kann nur spekulieren, worüber. In einem anderen Bild schreiten die beiden Figuren und drei weitere fast in Beatlesmanier vor einer schlichten Wand entlang: Das ist stylisch, das ist ikonisch, aber was passiert da eigentlich? Man bleibt ratlos und etwas wehmütig zurück, wie das „Funny Girl“, vermutlich Rotkäppchen, das mangels Selbstkontrolle den Kuchen für die Großmutter selber aufgegessen hat.

Im Interview erzählt Eva von der Schere im Kopf, wenn man Kunsttheorie und -praxis parallel macht, von surrealen Eiern und der Zukunft der Kunst.

Marian Wild: Wir beide haben vor Kurzem (naja, vor ein paar sehr kurzen Jahren) zusammen Kunstgeschichte studiert, du davor ja schon Freie Kunst an der Akademie Nürnberg, und schon damals habe ich mich gefragt wie man das im Kopf hinkriegt, einerseits ständig mit den etablierten Kunstwerken konfrontiert zu werden und andererseits dann noch eigene Kunst machen zu können. Was macht das mit einem, gleichzeitig Kunst zu erschaffen und Kunst von außen zu analysieren?
Eva Winter: Als ich freie Kunst studiert habe, war mir die praktische ebenso wichtig wie die theoretische Auseinandersetzung mit der Bildenden Kunst. Daher war neben den Werkstätten, die grundlegende künstlerische Praktiken vermitteln, gerade die Bibliothek für mich eine wichtige Anlaufstelle. Es ging mir nicht nur darum zu erfahren, was Künstler vor mir gemacht haben, sondern auch um die Rezeption, die wissenschaftliche Annäherung sowie die damalige und heutige Kunstkritik. Als Künstler kann man sich meiner Meinung nach nicht von diesen Schatten der Vergangenheit distanzieren. Man ist immer Kind seiner Zeit, geprägt vom kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft – bewusst oder unbewusst. Das kann das eigene künstlerische Schaffen durchaus erschweren, aber auch wichtige geistige Nahrung liefern. Gerade die Werkzeuge der wissenschaftlichen Analyse, der genaue, sezierende Blick, das sorgsame Abtasten des zeitgenössischen Kontextes etc. haben mich fasziniert. So kam es, dass ich ein paar Jahre später - mit dir zusammen zwischen hunderten Notizzetteln sitzend - versucht habe, in kürzester Zeit unzählige kirchliche Ausstattungsprogramme auswendig zu lernen.

Dein Werk ist sehr vielschichtig, mal entstehen Malereien auf ungewöhnlichen Untergründen, mal Zeichnungen höchst surrealer Geschehnisse (ja, ich meine hier das Hasenei) und manchmal performative Installationen. Du wanderst rastlos durch die Gattungen, was suchst du da?
Wenn ich das wüsste! Ich bin jedenfalls gerne ein Pendler zwischen den Welten und bediene mich unterschiedlichster Mittel. Damit entkomme ich vielleicht unbewusst auch dem Narrativ, das die kunstwissenschaftliche Betrachtung so gerne strickt. Zu den Haseneiern kann ich nur sagen: Die Brutzeit beträgt insgesamt zirka 26 bis 28 Tage.

Für eine Ausstellung im Kolpinghaus in Forchheim hast du 2018 eine Konfettimanufaktur in einem alten Kellerabteil erschaffen. Da wurde buntes Konfetti mit einer Pinzette farblich in einzelne Tütchen sortiert, und im Hintergrund war eine Rutsche in der Wand, von der immer neues Konfetti nachgeliefert wurde. Das scheint mir ein ideales Kunstwerk für die Coronakrise zu sein, und allein die Vorstellung macht mir Angst. Wie übersteht man das, stundenlang in einem Keller Konfetti zu sortieren?
Ich interessiere mich für manische Verhaltensweisen. Für das Sortieren von Konfetti in einem dunklen kalten Keller kann ich warme Handschuhe, gutes Licht und einen bequemen Stuhl empfehlen. Eine Tasse Tee tut auch gut.

Noch eine Frage an die Kunsthistorikerin: Mit deiner Erfahrung aus beiden Welten, der Kunst und der Kunstgeschichte, was denkst du ganz persönlich wo die zeitgenössische Kunst hinsteuert? Welche Strömungen sind für dich gerade relevant?
Ich glaube, dass die zeitgenössische Kunstszene stark von der Macht des Marktes, also der Käuferschaft geprägt ist, die nach Investitionspotentialen sucht. Von der zeitgenössischen Kunst – die ja an sich nicht als homogene Einheit existiert - wünsche ich mir jedenfalls, dass sie sich nicht vom Markt gängeln lässt und nicht in Versuchung gerät, sich der Propagandastrategien der Werbeindustrie zu bedienen. Vielleicht ist Leise das neue Laut. Ich mag Werke, bei denen der zweite und dritte Blick fast noch besser als der erste ist.

Weitere Informationen zur Künstlerin (KLICK!)




Twitter Facebook Google

#Collage, #Dr. Marian Wild, #Eva Winter, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Malerei, #Objektkunst

Vielleicht auch interessant...

20200601_Staatstheater
20200801_BuendnisfK_160
20201001_Consumenta_GinTonic
20200801_Tucher
20200920
20201001_Consumenta
20200520_Umweltbank
20200801_Losteria
20200801_Symphoniker
20200801_NMN_Stadtmacherei
curt_Corona_Nachbarhilfe