Luca Hien | Beim Drehen der Wörter

FREITAG, 8. MAI 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in

Locked in | 008 Ein bunt beleuchteter Raum, glitzernde Einrichtung, Musik von Gigi D’Agostino. Die ersten Sekunden des Videos lassen eine sehr typische Disco-Szene erwarten. Aber die Teilnehmer im Video „Disko Party“ sind Schaufensterpuppen und ein unbeschreibliches Viech, der unbekannte Cousin von Flat Eric wahrscheinlich. Der Künstler ist der einzige lebende Mensch in dieser Videoperformance, die stark schwankt zwischen lustig, bedrückend und unfallhaft.

Die Mischung mag einem realen Discobesuch nicht fremd sein. Luca Hiens Arbeiten schwanken zwischen Graffiti-Ästhetik, Konzeptarbeit und Performance, Räume werden umlaufend beschriftet, mit beklebten Regalen ausgestattet und mit Film und Sound bespielt wie in der Installation „Remember to Remember“. Hier entsteht ein Erlebnis zwischen Museumsrundgang und klinischem Experiment, ein radikaler Blick in den Kopf eines besessenen Künstlers. Ein konzeptionelles Gegenstück ist „Managing Transitions“. Der Film ist die Dokumentation einer Handlung im öffentlichen Raum, am Nürnberger Hauptbahnhof. In eng anliegender Sportfunktionsunterwäsche schauen wir Luca Hien beim Joggen zu, die gesamte Haupttreppe der U1 nach oben, Stufe für Stufe einmal komplett hin und her. Stören andere Menschen die Trainingseinheit oder kommt er aus dem Tritt, wechselt der Film in Slow Motion. Die Skurrilität des Vorgangs ist bestechend und schnörkellos.
 


Für “Locked out” ist Luca Hien ein Stück weit zu seinen Anfängen zurückgekehrt, Graffiti und Malerei in Form klassischer Leinwandbilder. Ein Bild voller Fenster, aus denen heraus die Eingeschlossenen sich übergeben. Wir sollten alle hoffen von dieser Phase der Quarantäne verschont zu bleiben.

Im Interview erzählt Luca vom Aufbauen einer Rauminstallation, künstlerischen Sinnkrisen und der Verführungskraft, sich in akademische Phrasen einzuwickeln:

Marian Wild: Deine Aktionen finden oft im Freien oder an öffentlichen Orten statt. Wie beeinflusst dich die aktuelle Krise und wie sehr vermisst du es gerade, mit einem hautengen Ganzkörperanzug jede einzelne Treppenstufe am Nürnberger Hauptbahnhof einmal ganz entlang zu joggen?

Luca Hien: Ich empfinde die Gesamtsituation wie wahrscheinlich alle anderen auch als absolute Ausnahmesituation. Wahrscheinlich fände ich es momentan falsch jede Stufe des Hauptbahnhofs einzeln entlang zu joggen…… und würde mir dabei etwas affig vorkommen……..
Im Moment male und zeichne ich sehr viel und habe ein großes Zeitfenster mich mit mir selbst zu beschäftigen. Eigentlich sind das für mich sehr gute Voraussetzungen zum Arbeiten. Ich mache ja zum Glück nicht nur Videoperformances im öffentlichen Raum und selbst wenn, dann wären diese Plätze als leere Kulisse evtl. sogar noch spannender als im Normalfall. Sport darf ich ja noch treiben!
 


Du arbeitest mit deiner Kunst in verschiedenen Genres. Teils raumfüllende bauliche Strukturen werden bespielt, beklebt und angestrahlt mit Zeichnungen, Schrift, Sprache, Performance, Malerei, Fundstücken, Figuren und Filmarbeiten. Würdest du sagen du drückst mit den verschiedenen Medien verschiedene Dinge aus? Wie entscheidest du, welches Medium du nutzt?

Ich mag es einfach Dinge zu kombinieren, zu dekorieren und „rum zu probieren“. Ich habe zu meinen Rauminstallationen immer einen malerischen Zugang. wie die verschiedenen Materialien und Medien dann kombiniert werden entscheidet sich im Arbeitsprozess. So wie ich in einer Malerei mit verschiedenen Farben und Arten des Farbauftrags arbeite, will ich in meinen Räumen mit Licht, Sound, Objekt und Film bzw. Projektion arbeiten. Wie ich diese Versatzstücke auswähle entscheidet sich schlichtweg danach wie die Dinge zueinander passen. Ich glaube viele solche Entscheidungen treffe ich im Arbeitsprozess und nicht wirklich rational. Verschiedene Medien drücken für mich also nicht zwangsläufig verschiedene Dinge aus. Im Prinzip kann für mich jedes Medium jeden Inhalt tragen. Ich will mich nicht innerhalb meines eigenen Handelns selbst durch irgendein selbst gebautes Regelwerk limitieren. Das würde sich nicht gut anfühlen.

Deine Rauminstallation „Remember to Remember“ sah damals ausgesprochen aufwändig aus. Wie planst du so eine Arbeit? Entsteht sie während du sie baust, oder gibt es vorher Entwürfe?

Diese Arbeit ist im Prozess entstanden. Ich habe hierfür knapp zwei Monate in den Raum „hineingearbeitet“. Es gibt für solche Arbeiten keine Skizze. Sie wären auch nicht reproduzierbar. Wie gesagt meine Entscheidungen sind oft nicht ganz rational. Ich glaube ich könnte gar nicht „nach Plan“ bauen, dass würde mich wahrscheinlich nach einer Stunde nerven und am Ende ganz anders aussehen als auf der Skizze. Ich wäre dann wahrscheinlich superfrustriert. Ich habe immer eine inhaltliche Idee oder einen narrativen Ausgangspunkt für eine Arbeit. Bei „Remember to Remember“ gab es auch so etwas wie den Gedanken, dass der Raum am Ende irgendwie einem verlassenen Bühnenbild ähneln soll; wie das Ganze dann aber letztendlich aussieht ist abhängig vom Arbeitsprozess. Auch wenn ich Bilder male habe ich keine direkte „Bild-Idee“ oder mache eine Skizze. Die Form kristallisiert sich in meinen Arbeiten meistens durch die Zeit heraus.

Deine Arbeiten wirken in vielen Details autobiografisch, auch dokumentarisch. Wie viel von deinen eigenen Erfahrungen findet sich in deinen Arbeiten wieder, und aus welchem Antrieb heraus entstehen sie?

Für mich ist dieser autobiographische Anteil meiner Arbeiten sehr wichtig. Es fällt mir schwer mich als Person von meiner Arbeit zu distanzieren oder zu lösen, eigentlich will ich das auch nicht. Der Auslöser für meinen kreativen Prozess ist immer eine persönliche Erfahrung, Beobachtung oder auch nur das Gefühl zu etwas. Ich will mit dem was ich da mache auf das reagieren was mich bewegt und beschäftigt. Niemand hat die Weisheit mit Löffeln gefressen. Ich denke ich kann nur meine subjektive Sicht auf etwas zeigen und die ist eben immer vermischt mit meiner eigenen Wahrnehmung und Erfahrung. Ich will ja im besten Fall etwas eigenes Neues erschaffen und wie das aussehen soll kann ich nur subjektiv entscheiden.

„Praxis 2“ ist eine frühe Videoarbeit, in der du dich nackt Runde für Runde in ein Schriftband einwickelst und es am Ende komplett wieder von dir abstreifst. Was hat dich zu der Arbeit bewogen?

Lustig, dass du dieses Video gefunden hast. Das war meine erste Arbeit an der Akademie, das ist jetzt mittlerweile fünf Jahre her. Ich finde der Ausgangspunkt und die Motivation für dieses Video ist ein ähnlicher wie in den anderen Arbeiten. Ich war damals etwas überfordert mit diesem ganzen „Kunst-Zeug“. Ich kam aus dem Graffitikontext und empfand den Kunstdiskurs am Anfang als sehr hochtrabend und unzugänglich bis hin zu überfordernd. Ich habe dann mein ganzes erstes Semester über in den Klassenbesprechungen einzelne Textfetzen und Sätze mitgeschrieben, die mich gelangweilt oder genervt haben oder die ich schlichtweg nicht verstanden habe. So ist der Text entstanden, in den ich mich in dem Video einwickle. Im Grunde genommen ging es mir darum einen Umgang mit dem „Neuen“, eventuell „Abschreckenden“ oder „Überfordernden“ zu finden. Ich glaube der beste Umgang ist mit den Dingen zu arbeiten die einem Schwierigkeiten bereiten. Ich wollte ein Bild dafür finden, dass man die Regeln kennen muss um sie zu brechen und einen Kontext verstehen muss um sich darin frei zu bewegen.

Weitere Informationen zum Künstler (KLICK)




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