Sylvie Ludwig | Farbe und Filz

FREITAG, 1. MAI 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in

Locked In | 007 – Filz ist ein faszinierender Werkstoff. Er kann aus verschiedenen Ursprungsmaterialien entstehen, zum Beispiel aus Pflanzenfasern durch die trockene Vernadelung, oder, wie bei Sylvie Ludwig, durch das Walken. Die Schafswolle wird dabei immer wieder ineinander gepresst und gerollt, bis die feinen Widerhaken der Wolle sich chaotisch ineinander verhaken und einen stabilen Werkstoff ergeben.

Die Kulturtechnik des Filzens ist eine der frühesten der Menschheit und definitiv einige Jahrtausende alt, ob sie älter ist als die Herstellung von Gewebe, darüber streiten sich die Fachleute bis heute (bleiben Sie also auf dem Laufenden!). Sylvie Ludwig hat diese Technik für ihre Kunst aufgenommen, sie erschafft Stoffkreationen aus der selbstgewalkten Wolle, Objekte die man gerne anfassen möchte, weil sie so gemütlich aussehen.
Filz ist auch ein bekanntes Material der Kunstgeschichte. Als erstes denkt man als Kunstwissenschaftler vermutlich an die sehr persönlichen Arbeiten von Joseph Beuys, der immer industriellen Filz verarbeitet hat, oft auf eine düstere, mitunter unappetitliche Art, die für den Blick auf das Material aber bis heute prägend ist. Ganz anders sind da die Werke von Sylvie Ludwig, die farbenfrohen Flächen fließen ineinander, werden mitunter zu süßen Alienpuppen oder leuchtenden Kleidungsstücken. Auf ihren Teppichen entstehen darüber hinaus Orte des Handelns und der Begegnung, und so schimmert doch auch hier eine Idee der sozialen Plastik von Beuys durch die Fasern.
 
Im Interview erzählt Sylvie Ludwig vom Malen mit Filz, Meditation beim Walken und begrenzten Räumen:
 
Marian Wild: Deine Arbeiten haben durch das bestimmte Material Filz und die Farbigkeit eine hohe skulpturale Qualität, gleichzeitig werden die Kleidungsstücke dadurch, dass man sie tragen kann, auch zu Mode, die du in deinem Atelier verkaufst. Wo würdest du dich selbst gefühlsmäßig einordnen in diesem weiten Feld zwischen Filzkünstlerin und Modedesignerin?

Sylvie Ludwig: Tatsächlich sehe ich mich eher als Malerin. Nur dass ich eben nicht mit Farbe und Pinsel male, sondern mit Wolle. Mit der bereits gefärbten Wolle habe ich wunderschöne Farben, mit denen ich, "pinselstrichgleich" Schicht für Schicht male. So entstehen Filzstoffe für Kleider und Mäntel und auch Filzteppiche, bzw. Teppichbilder.
Die Filzkleider sind für mich tragbare Bilder und auch die Teppichbilder können zum Verweilen, Draufliegen, Yoga machen und vieles andere verwendet werden.
 
Filz ist in der Kunstwissenschaft ein stark vorbelastetes Material, weil die Künstlerübergestalt Joseph Beuys ihn zu einem seiner Hauptmaterialien gemacht hat. Ihm geht es um die "Wärme" des Materials, und er ist ein wichtiger Bestandteil seiner "Krim-Mythologie", nach der er nach seinem Flugzeugabsturz im 2. Weltkrieg von Krimtartaren durch Filz und Fett vor dem Tod gerettet wurde. Wie schwer ist es, so einem Material eine eigene, neue Erzählung einzuimpfen und warum ist es bei dir gerade der Filz, der dich so fasziniert?

Mich fasziniert an dem Material Filz die sinnlichen Eigenschaften: es ist ein weiches, wärmendes und natürliches Material, das sich wunderbar bearbeiten lässt. Da geht es mir wie dem "Übervater" Beuys: Filz ist ein sehr ursprüngliches, uraltes Material, das bis heute eine Kraft in sich birgt. Man kann es ohne Maschinen herstellen, nur mit der Geduld der Hände und der Kraft der Beine. Und es hat etwas  Umhüllendes, Schützendes. Man fühlt sich geborgen.
Beuys hat selber nicht gefilzt, aber er hat mit seinen Arbeiten den Filz neu "aufgeladen". Vielleicht sogar eine Verbindung zu einer alte Zeit hergestellt.
So geht es mir jedenfalls, wenn ich filze: das Legen der Wolle, also das "Malen" ist der meditative Teil meiner Arbeit und das Rollen der Wolle, das Verdichten, erdet mich. Ich arbeite immer draußen, da ich mit viel Wasser den Filz rolle. Im Sommer auch barfuß. Und so entsteht die direkte Verbindung zum Filz.
 
Du stellst den Filz für deine Werke selbst her, was eine sehr alte Kulturtechnik ist. Wie entstehen bei dir aus diesem Material neue Werke, wie findest du zu der letztendlichen Form?

Meine Werke entstehen entweder beim Fahrradfahren oder Laufen: ich kann am Besten in der Bewegung planen und neue Ideen generieren. Oder aber direkt aus dem Material heraus: das heißt, ich nehme mit spontan die Farben, die mich gerade ansprechen und lege drauflos. Bei Kleidungsstücken arbeite ich auch gerne mit dem Menschen zusammen, der das Kleidungsstück bestellt hat. Ursprünglich waren meine Filzkleider Hüllen, also Skulpturen, die nicht für den Alltag gedacht waren. Inzwischen finde ich es spannender, die Filzkleider zu tragen und alltagstauglich zu machen.
 
Für LOCKED OUT planst du Teppiche herzustellen, also Orte der Begegnung zwischen Menschen. Wie nimmst du die momentanen Einschränkungen wahr, die leeren öffentlichen Orte, die Distanz zwischen den Menschen?

Ich habe vor, jede Woche einen Filzteppich herzustellen. Das klappt ganz gut (gerade bei dem schönen Wetter!) und tut mir gut! So entstehen während der Corona-Krise farbenfrohe Teppiche, die einen begrenzten Raum markieren. Auf dem einen Teppich kann man lesen, auf dem anderen Teppich schlafen oder meditieren. Es ist dann eher ein Ort der Begegnung mit sich selbst.
So nehme ich auch die momentanen Einschränkungen war: wir begegnen jetzt sehr intensiv uns selbst. Und das ist nicht immer einfach! Ich fühle mich wie in einem Traum: surreal. Manchmal meine ich aufzuwachen, aber der Morgen ist noch lange nicht in Sicht. Dann setze ich mich raus in den Garten und filze den nächsten Teppich. Geerdet.
 
Weitere Informationen zur Künstlerin (KLICK)
 




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