Orte zum Verlassenwerden: Fotografien von Laurenz Berges

MONTAG, 3. JUNI 2019

#Ausstellung, #Fotoausstellung, #Fotografie, #Kunst

Dem damals noch unbekannten Fotografen Laurenz Berges (*1966), dem das Studium an der Düsseldorfer Kunstakademie bei Bernd und Hilla Becher noch bevor stand, ist mit seiner 1989/1990 entstandenen Serie «Cloppenburg» etwas Erstaunliches gelungen.

Nach einem einjährigen New York-Aufenthalt kehrt er in seine im tiefen Niedersachsen gelegene Heimatstadt zurück, um sie mit der Mittelformatkamera einer freundschaftlichen und zugleich von dokumentarischer Distanz geprägten Inspektion zu unterziehen. Heraus kam das fotografische Porträt einer typischen deutschen Nachkriegkreisstadt, die, vermittelt durch den Blick des Fotografen, zu einem Stück Zeitgeschichte wird und zu einer Erzählung über uns selbst und wie wir unsere Welt gestalten. Betrachtet man in Ruhe die circa 30 Bilder dieser Serie, verfängt man sich in eine Zeitreise. Das kleine Format der Fotografien von 21 x 28 cm lockt den Betrachter nah heran und dann umso tiefer in die seltsam stille Welt des winterlich-laublosen Ortes von 1989. Laurenz Berges fotografierte an Tagen mit bedecktem Himmel. Meist hängt ein dunstiger Schleier über der Szenerie, als drücke es nicht nur die Sättigung der Farben nieder, sondern auch die Stimmung. Berges wählte offensichtlich Tageszeiten, wo Menschen im Haus oder auf Arbeit sind. Die leeren Straßen suggerieren nur noch ein Restleben und Restlebendigkeit, als hätten sich die meisten schon auf und davon gemacht. Immer wieder nimmt Laurenz Berges die Ortsränder ins Visier, die in ihrer Skurrilität Fragen aufwerfen, aber auch für ein Lächeln sorgen: Eine betonierter Straßenzug mit Häusern findet ein absurd abruptes Ende und grenzt unvermittelt an ein Feld. Konnte oder wollte der Ort sich nicht mehr ausdehnen an dieser Stelle? Ist die scharfe Trennlinie Pech oder Glück, beginnt da die Bronx bzw. das Ländliche?
Immer wieder geraten auch parkende PKW in den Fokus des Künstlers. Er führt sie dem Betrachter aber nicht als parkende Fahrzeuge vor, sondern als abgestellte, im Sinne von vergessen. Ihr gleichsam erstarrtes Stehen am Fahrbahnrand macht sie zum Widerspruch ihrer selbst als Inbegriff individueller Mobilität. Sie erscheinen auf den Fotos wie lieblos ausgesetzte Haustiere oder wie ein Gegenstand, den man besser nicht anrührt. Ganz gleich, wohin Laurenz Berges sein Auge richtet, ob auf die Auslage des Einzelhandels, Grabsteine, Friedhofseingang, Umland, die gute Stube, Supermarktparkplätze, Firmen- oder Bahnhofsgelände, nie ist man sicher, ob hier alles kurz vor der Stilllegung ist oder sie schon längst statt gefunden hat. Immer herrscht Stille, im doppelten Sinn. Die Bilder von Laurenz Berges sind tonlos und man wähnt im Abgelichteten eine tatsächlich existierende, vollkommene Geräuschlosigkeit.
Dabei ist der Blick, den Laurenz Berges auf diese unspektakuläre und wie in der Zeit verhedderte Umgebung samt ihrer großen und kleinen Details richtet, kein sentimentaler, eher einer mit Zuneigung. Das macht auch die Stärke seiner späteren Arbeiten aus. Er ist ein genauer Beobachter, der sich mit dem Gegenstand seiner Betrachtung zu identifizieren vermag und sich zugleich den fotokünstlerischen Anspruch sowie eine dokumentarische Distanz bewahrt, wodurch seine Bilder immer auch auf etwas Charakteristisches und sogar Elementares einer bestimmtem Zeit, eines Umfeldes oder eines Zustands verweisen.

Im Kunsthaus ist erstmals die gesamte Serie «Cloppenburg» zu sehen. Sie steht im Dialog mit aktuellen Fotografien seit 2005. Nicht verpassen sollte man das Künstlergespräch mit Laurenz Berges in Form eines Rundgangs am Mittwoch, 5. Juni, 18 Uhr.

Bis 23. Juni 2019
LAURENZ BERGES: ORT & ERINNERUNG
KUNSTHAUS, Königstraße 93, Nbg. Di, Do-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr.
www.kunstkulturquartier.de/kunsthaus

Text von Natalie De Ligt




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