Cherchez la femme. Perücke, Burka, Ordenstracht

14. MAI 2018 - 14. OKTOBER 2018, JüDISCHES MUSEUM FüRTH

#Ausstellung, #Jüdisches Museum Franken, #Kunst, #Natalie de Ligt

Gleich die erste Wechselausstellung im Fürther Erweiterungsbau des Jüdischen Museums Franken in Fürth wartet mit einer Thematik auf, die durchaus Zündstoff für eine ohnehin schon größtenteils kontrovers und emotional aufgeladene Diskussion birgt. Stichwort «Kopftuchstreit».

Wie im Titel der Schau allerdings apostrophiert, befasst sich «Cherchez la femme. Perücke, Burka, Ordenstracht» mit Verhüllung und religiöser Kopfbedeckung in Judentum, Christentum und Islam. Anhand unterschiedlicher Exponate, Video- und Interviewbeiträge und künstlerischer Werke wird dem Besucher sachlich und anschaulich zugleich nicht nur die Geschichte und Bedeutung der Kopfbedeckung in den drei Religionen nahegebracht, sondern auch wie individuell und selbstbewusst der Umgang der Frauen heute mit dem Thema Kopfbedeckung ist und dass es – so vermittelt es die Schau indirekt – Selbstbestimmung derjenigen sein sollte, die es betrifft. In einem Video etwa zeigt eine Jüdin ihre Perücken, jiddisch «Scheitel», die sie für verschiedene Gelegenheiten nutzt. Sie setzt sie nacheinander auf und erläutert, wie sie jeweils ihren Typ verändern. In echt hat sie kurzes, fast graues Haar. Das natürliche Haar darf laut der religiösen Tradition die verheiratete Frau allenfalls im Privaten zeigen. Sie darf es aber mit Haar bedecken, das von natürlichem kaum bis gar nicht zu unterscheiden ist. So vereint die fromme jüdische Frau ihr Recht auf Schönheit mit der Pflicht zu äußerlicher Bescheidenheit, auch wenn Letztere durch den mimetischen Akt ad Absurdum geführt wird.

Ursprünglich war die Verhüllung nicht religiös begründet. Vor 3000 Jahren war sie für die Frauen an Euphrat und Tigris ein Zeichen ihrer herausgehobenen gesellschaftlichen Stellung. Juden, Christen und Muslime übernahmen den Brauch später und verliehen ihm eine religiöse Bedeutung. Er ist vor allem im Judentum und Islam bis heute ein Symbol weiblicher Sittsamkeit. Vielen Gläubigen gilt das Haar von Frauen als zu intim, um es in der Öffentlichkeit zu zeigen. Fromme Jüdinnen und Musliminnen bekunden mit der Kopfbedeckung ihre religiöse und ethnische Zugehörigkeit (Ausstellungstext).

Die Ausstellung erscheint wie ein Gegenmodell zu der Aufgeladenheit der medialen Debatte. Allein deshalb, weil es hier nicht nur um die – fast ausnahmslos diskutierte – muslimische Tradition geht. So stehen die Bräuche der verschiedenen Religionen selbstverständlich nebeneinander. Und teilweise zeigt sich eine große Ähnlichkeit, wie etwa zwischen dem sogenannten Burkini und dem Badekleid für Jüdinnen. Ein Angst schürendes Verknüpfen von Kopfbedeckung mit religiösem Extremismus und mit Unterdrückung der Frau bleibt in der Ausstellung auch durch das Aufzeigen alltäglicher Handhabung mit Verhüllung außen vor, ohne jedoch die Frage auszusparen, ob oder wie viel Zwang auf den Frauen, die sich verschleiern, lasten mag. Subtil, kritisch und bisweilen mit humoriger Ironie kommen die Werke der bildenden Künstlerinnen daher. Metaphorisch aufgeladen ist das Objekt «Chelgis I» (2002) der iranisch-schwedischen Künstlerin Mandana Moghaddam (*1962). Es zeigt eine mit einer bodenlangen Haarflut komplett umschleierten Figur, deren Identität verborgen bleibt und die vom Symbol ihrer Sinnlichkeit beherrscht und wie in einem Käfig eingesperrt ist. In der Videoperformance von Nilbar Güres (*1977, lebt in Istanbul und Wien) sieht man die Künstlerin, wie sie zunächst von Tüchern umhüllt, Schleier um Schleier ablegt, um am Ende im Wortsinn Gesicht und Persönlichkeit zu zeigen.
Die sehenswerte Schau kommt unaufgeregt daher, und genau das ist ihre Stärke.

[Text: Natalie de Ligt]

14. Mai bis 14. Oktober 2018
CHERCHEZ LA FEMME. PERÜCKE, BURKA, ORDENSTRACHT

JÜDISCHES MUSEUM FRANKEN IN FÜRTH
Königstraße 89, Fürth.
Di-So 10-17 Uhr
juedisches-museum.org




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#Ausstellung, #Jüdisches Museum Franken, #Kunst, #Natalie de Ligt

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