Petra Weigle: Drei Dekaden Kunst für alle Sinne

DIENSTAG, 1. AUGUST 2023, NüRNBERG

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Über 30 Jahre lang hat Petra Weigle, die dieses Jahr formal in den Ruhestand geht, einige Dutzend Ausstellungen des Instituts für moderne Kunst, sowie diverse andere als Kuratorin verantwortet. Entstanden sind mal vielschichtige, mal minimalistisch präzise Setzungen in den verschiedensten Räumen Nürnbergs. Höchste Zeit, mit einer der erfahrensten Ausstellungsmacherinnen der Stadt ein paar Worte zu wechseln.

MARIAN WILD: Liebe Petra, du beschäftigst dich seit Jahrzehnten intensiv mit der Platzierung und dem In-Beziehung-Setzen von Kunstwerken. Hattest du mal Werke, die sich entgegen deiner Erwartung partout nicht miteinander vertragen haben? Oder anders gefragt: An welcher Ausstellung bist du in all der Zeit am meisten verzweifelt?
PETRA WEIGLE: Ja, da gab‘s tatsächlich zwei Ausstellungen, die mich an meine Grenzen gebracht haben, beziehungsweise: die nicht so gelungen waren, wie ich es gerne gehabt hätte. Es lag aber in erster Linie an der fehlenden technischen Ausstattung – was heute kein Problem mehr wäre. Einmal war es eine Ausstellung in der Schmidtbank-Galerie, wo sehr großformatige Zeichnungen ohne Rahmen gezeigt wurden, sie sollten auch nicht mit Fotoklammern oder kleinen Stahlstiften angebracht werden, sondern „an der Wand schweben“. Ich hatte mit dem Künstler eine Präsentation mit vorgeblendeten Plexiglasscheiben vereinbart, leider aber ist Plexiglas über große Flächen viel zu flexibel und biegt sich leicht durch. Und dann hatten wir im damaligen Ausstellungsraum im zumikon für eine Weitwinkelprojektion nicht die adäquaten Beamer zur Verfügung. Zu der Zeit waren HD-Beamer und Tageslichtbeamer mit hoher Lumenzahl noch nahezu unerschwinglich, zumindest aber für unser Budget nicht möglich, weder zu leihen und schon gar nicht zu kaufen. Mit großem Geschick haben dann die damaligen Aufbauhelfer dennoch eine passable Projektion hinbekommen und erfreulicherweise war die Künstlerin recht unkompliziert.

Deine erste Ausstellungsreihe in Nürnberg 1992 hieß „Interim“. Was hast du da gemacht?
INTERIM – Zwischenräume für Kunst war ein temporärer Kunstraum, den Anette Stufler und ich zwischen Juli 1992 und Oktober 1994 bespielt haben. Ermöglicht und finanziert wurde diese Zwischennutzung von der RENTA-Gruppe. Initiiert hatte diese Plattform Norbert Schmidt-Sedghi, ein sehr kreativer Kopf, der damals schon äußerst vernetzt war. Die leerstehenden Räumlichkeiten im Altstadthof“am Nürnberger Burgberg, eine ehemalige gewerbliche Ladenfläche, waren als eine Art Offspace gut geeignet Kunst, zu zeigen. Und das Modell der Selbstorganisation von INTERIM ermöglichte es den Ausstellenden zudem, zu experimentieren und ihre Werke ohne Abzüge zu verkaufen. In den nur 28 Monaten konnten 62 Künstler*innen überwiegend aus Franken sowie Studierende und Absolvent*innen der Nürnberger Kunstakademie ihre Arbeit einem breiten Publikum zugänglich machen. Der temporärere Kunstraum INTERIM wurde nicht nur zum beliebten Podium von zeitgenössischen Kunstausstellungen, sondern war mit 33 Präsentationen auch lebendiger Teil der gesamten Kunstszene in Nürnberg geworden.

Bei dir sind die Künstler*innen im Rahmen der Ausstellungen regelmäßig ein und aus gegangen, etablierte Leute ebenso wie Altstars, genauso wie aufstrebende Kunstschaffende. Welche Persönlichkeiten und Ausstellungen sind dir besonders im Gedächtnis geblieben und warum?
Eine der besonderen Ausstellungen war die Präsentation der Fotoarbeiten „Mes Églises“ von Elger Esser. Beeindruckende, wunderschöne Bild-Werke, die Herwig Graef sehr poetisch als „Erinnerungsinseln“ beschrieb, geschaffen von einer sehr eigenen, feinsinnigen Künstlerpersönlichkeit, die kenngelernt zu haben ich sehr froh bin.
Unter den großen Ausstellungsprojekten sind die beiden Ausstellungen aus der Reihe positionen und tendenzen von 1992 im Schloss Stein und von 2000 im öffentlichen Raum unvergessen. Und natürlich auch 30 Künstler 30 Räume. Diese Großprojekte — wo allein die Zahl der beteiligten und entsprechend zu betreuenden Künstler*innen schon eine „kleine“ Herausforderung darstellte und überdies die Kooperation mit städtischen und staatlichen Einrichtungen mit großem, organisatorischem und auch bürokratischem Aufwand verbunden war — haben letztlich aber gezeigt, wie unkompliziert und flexibel eine Einrichtung wie das Institut (als Verein) in solchen Zusammenhängen ausgelegt ist und seine Freiräume nutzen kann.

Die Ausstellungen des Instituts für moderne Kunst waren immer eine Mischung aus regionalen, nationalen und internationalen Positionen, von Tal R über Takeshi Makishima und Böhler&Orendt bis zu Werner Büttner. Aktuell stehen die internationalen Beziehungen weltweit stark unter Druck. Wie wird sich das aus deiner Sicht auf Ausstellungen in Städten wie Nürnberg auswirken? Wird es schwerer, internationale Positionen zu zeigen?
Nicht nur für große Museen und Ausstellungshäuser wird die aktuelle politische wie auch die wirtschaftliche Lage sich sicherlich nachteilig auswirken und in den jeweiligen Ausstellungsbetrieb eingreifen, wie wir das ja hier in der Stadt auch sehen. Allein die aktuellen Energiekosten „regulieren“ die Budgets nach unten und beeinflussen somit die Ausstellungskonzeptionen.

In der seit 1. Juli laufenden Ausstellung von Marie Jeanne Turnea-Luncz, die sich mit vom Aussterben bedrohten Vogelarten auseinandersetzt, vermischen sich ökologische, formalästhetische und gesellschaftliche Fragestellungen. Geht der Trend in deinen Augen stärker zu interdisziplinären Projekten in der bildenden Kunst?
Ob es sich da um einen Trend handelt? Es zeichnet sich ja schon seit vielen Jahren, insbesondere an den Akademien ab, dass die klassischen Disziplinen Malerei, Bildhauerei und so weiter, nicht mehr der Praxis entsprechen und die statischen Parameter aus der Kunstgeschichte der aktuellen künstlerischen Praxis nicht mehr genügen. Naheliegend, wie ich meine, denn nicht nur seit Entdeckung und Aufkommen der Fotografie greifen die künstlerischen Disziplinen ineinander, stehen im befruchtenden Austausch und bringen neue Formate wie zum Beispiel Videoinstallation hervor. Zudem sind Künstler ja auch immer Kinder ihrer Zeit und stehen im Kontext der gesellschaftlichen, politischen und technischen Entwicklung, was natürlich Einfluss auf das künstlerische Schaffen nimmt.

Rund 32 Jahre später, was würde die heutige Petra der Petra von 1992 zurufen, wenn sie könnte?
„Dich erwarten drei hochinteressante, intensive und nahezu alle Sinne ansprechende Dekaden …“

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PETRA WEIGLE
wurde 1957 in Dinkelsbühl geboren, absolvierte in Regensburg ihr Studium der Kunstgeschichte und Germanistik, ist seit 1993 Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Institut für moderne Kunst und leitete von 2002 bis 2008 das Kunsthaus Nürnberg.

 




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