Blaue Nacht Burgkünstler: Hombre SUK

DIENSTAG, 4. APRIL 2023

#Blaue Nacht, #Burgillumination, #Burgkünstler, #Graffiti, #Hombre SUK, #Street Art

Interview: Helene Schütz

Pablo Fontagnier alias Hombre SUK ist Burgkünstler der Blauen Nacht 2023. Warum das jetzt doch eine etwas andere Projektion sein wird und was seine Kunst von anderen Formen unterscheidet, hat er uns in einem Interview verraten.

Wann hast du denn erfahren, dass du der neue Burgkünstler bist?
Pablo: Gute Frage. Ich habe ganz unkompliziert eine Instagram-Direktnachricht bekommen.

Echt, wie?
Also, ich wusste auch nicht so genau, wer das ist. Mit der Bitte um Rückruf. Das war letztes Jahr im Juli. Ich dachte, die wollen mich fürs Rahmenprogramm, Workshop, Kids-Kurs, irgendsowas. Aber dass es gleich das Filetstück ist, hätte ich nicht gedacht. Ich war echt sehr, sehr baff.

Das heißt, man kann sich nicht bewerben, sondern man wird ausgewählt.
Ich glaube, so pauschal kannst du es nicht sagen. Manchmal gibt es wahrscheinlich auch Jahre, in denen sich Künstler*innen bewerben. Aber mich hat es komplett kalt erwischt. Ich hatte keine Bewerbung losgeschickt und ich hatte auch nicht damit gerechnet.

Und dann war für dich eigentlich direkt klar: Ja, das machst du?
Wir haben da ein zweistündiges Gespräch geführt. Ich habe mir das Konzept kurz erklären lassen und ich habe denen noch mal erklärt, was ich genau mache. Damit die Philosophie dahinter klar wird. Und ich wollte mich auch absichern, dass nichts verdünnt wird. Wenn ich schon gewählt werde und diese Ehre habe, da was zu zeigen, dann möchte ich auch das zeigen, was ich zeigen will, und nicht am Ende irgendwie zensiert werden. Es musste klar sein: Okay, ihr wisst, dass ihr Graffiti auf die Burg bekommt? Keine domestizierte Street-Art, sondern ihr bekommt halt Buchstaben und Tags und Drips. Und das werden nicht alle geil finden. Nachdem das geklärt war, war für mich klar: Ich mach´ das. So eine Plattform sollte man schon mitnehmen.

Also war der Stadt schon von vornherein klar, sie wissen, worauf sie sich einlassen und du musstest dann in dem Gespräch gar nichts mehr aushandeln?
Ja, entweder das oder sie haben ihre Überrraschung gut überspielt. Also schockiert waren sie nicht.

Sondern dann an der Blauen Nacht, vielleicht.
Ich bin darauf eingestellt. Also, es wird auch safe Gegenstimmen, kritische Stimmen geben. Da bin ich mir 100% sicher.

Wie läuft dieser Gestaltungsprozess? Musst du Entwürfe zwischendurch wieder abstimmen?
Nein, gar nicht, weil es ja im Grunde keine Auftragsgestaltung ist. Also klar, am Anfang habe ich ein bisschen gezeigt, in welche Richtung das geht. Da haben wir uns kurz abgestimmt, weil ja auch schon Bilder für die Pressekonferenz und die Verteiler gebraucht wurden. Seitdem lassen sie mich im Grunde arbeiten und am Ende sind sie genauso überrascht wie alle anderen.

Hast du die letzten Burgprojektionen mitverfolgt?
Ich habe nicht alle live gesehen, aber ich habe jetzt im Rahmen der Vorbereitung alle noch auf YouTube geschaut. Da habe ich mich gewundert, warum so wenig Animation stattfindet und wenn, dann wurde sehr einfaches Bewegtbild verwendet. Das ist aber tatsächlich eine technische Komponente.  Es ist wirklich nur ein Beamer. Ein Großteil sind ganz klassischen Filmprojektoren. Und da sind die Möglichkeiten ein bisschen begrenzter. Ich habe versucht, zu verstehen, wo sind die Grenzen: Was geht, was geht nicht?

Hat dir eine Illumination besonders gut gefallen?
Die Projektion von Julian Vogel habe ich noch gut im Gedächtnis, der kommt ja auch eher aus meinem Sektor. Es ist ein krass breites Feld mit viel akademischer, klassischer Kunst. Also Menschen, die normalerweise mit anderen klassischen Werkzeugen arbeiten. Superhochwertig, aber nicht mein Stil. Muss es ja auch nicht.

Die Technik mit den Filmprojektoren ist ja so komplett neu für dich. Wer erklärt einem das?
Ich habe von den Leuten aus Wien, die das machen, ein ausführliches PDF bekommen und wir haben ein paar Telefonate geführt. Und ich war bei der Burgkünstlerin Sascha Banck. Das hat mir sehr geholfen, weil die Leute in Wien haben das natürlich sehr technisch und professionell erklärt ... Für die ist das völlig klar, aber als Laie checkt man das am Anfang gar nicht.

Dabei will man nur wissen: Wie muss ich das jetzt konkret zeichnen?
Genau, ganz genau so. Bei den Jungs aus Wien habe ich mich wirklich wie ein absoluter Amateur gefühlt. Sascha Banck hat mir gesagt: Mach dir keinen Stress. Gerade wenn man ein bisschen versiert ist und digital arbeitet, ist es echt kein Hexenwerk. Da bin ich dann mit einem guten Gefühl raus und konnte daraufhin wirklich anfangen zu arbeiten.

Du zeichnest also verschiedene Ebenen. Und kannst dann dem Team sagen: Ebene soundso kommt nach soundso viel Sekunden von links nach rechts geschoben und dann kommt von oben das und so weiter … ?
Ganz genau. Im Grunde ist das einfach. Du musst dabei nur bedenken,
dass du nur diese zwei Projektoren hast. Sprich, immer nur zwei Ebenen, die miteinander interagieren. Man muss seine Zeichnungen auf diese Gegebenheiten runterbrechen.

Du kommst aus Mannheim und hast mit 13, 14 Jahren mit Graffiti angefangen. Wie kam es dazu?
Wir haben zum neuen Schuljahr damals neue Mitschüler aus Frankfurt in die Klasse bekommen, die haben das mitgebracht. Frankfurt war einen Ticken urbaner. Mich hat das echt infiziert, muss ich sagen. Und zwar gar nicht so sehr die Bildsprache, also, das war auch cool, aber vor allem dieses Drumherum: Man wartet nachts, bis die Eltern schlafen, schleicht sich raus, trifft sich mit den Jungs und macht etwas, was keiner wissen darf. Dieses Ding hat mich als 13-Jährigen schon hart abgeholt. Wir sind mit Masken durch die Vorstadt getingelt. So ein Bullshit hat uns getriggert. Das fanden wir gut.

Kannst du dich noch an dein erstes Piece erinnern?
Damals wussten wir noch nicht mal, wo wir Dosen herbekommen. In einem Modellbaugeschäft haben wir die winzig kleinen Dosen von Revell gefunden, einer Modellbau-Marke. Mit denen malt man eigentlich kleine Flugzeuge und so Sachen an. Da gingen nur so drei, vier Striche raus und dann war‘s das halt. Viel mehr hätten wir uns aber eh nicht getraut. Mein allererstes Tag war Coke, nicht wegen Kokain, sondern wegen der Cola. Davon habe ich so 15 bis 20 Stück gemacht, in einem Neonorange, das mir da im Laden extrem auffällig erschien.

Hast du zu der Zeit auch angefangen, dich für Comics zu begeistern?
Das war lange vorher. Ich bin ein 80er-Baujahr. Meine Mama hat zwei Schichten gearbeitet, Schlüsselkind Classic. Wir haben so viel Fernsehen geschaut. Meine Mama hat samstagmorgens nach der Nachtschicht geschlafen und wir saßen vor der Glotze, haben echt alles konsumiert und Comics abgezeichnet. Insofern bin ich in einem Pool von 80er-90er-Popkultur aufgewachsen: Comics, Bewegtbild und die ersten Konsolenspiele. Ich hab das aufgesaugt wie ein Schwamm und lange vor Graffiti angefangen, selbst zu zeichnen: Batman abzeichnen, Turtles malen. Graffiti war nur noch ein neues Werkzeug, um mehr umzusetzen.

Was war dein Lieblingscomic?
Ninja Turtles, das ist bis heute echt einfach zeitlos gut.

Dieses Verbotene, das nachts Rausschleichen und so, ist das für dich jetzt immer noch Teil der Szene?
Ja, ich finde es schon wichtig, dass es nach wie vor illegales Graffiti gibt. Das wird es auch immer geben. Und du kannst es auch mit noch so vielen Freiflächen nicht abschaffen. Du kannst es ein bisschen regulieren. Gerade, wenn du das am Anfang ausprobieren willst, ist Tageslicht eine geile Sache und Freiflächen sind wichtig. Wenn man sich Städte ansieht, wo es viel Graffiti gibt – geh´ nach Berlin, geh´ nach Hamburg – das ist immer ein Zeichen für eine aktive Jugendkultur. Für eine Jugend, die mitbestimmen möchte. Das ist, wie wenn ich bei mir zu Hause irgendwann sage: Meine Mama hat die Wände gestrichen, als ich neun war. Aber jetzt bin ich 13, ich will meine eigenen Poster aufhängen. Jugendliche, die in einem Kiez voller Werbebanner aufwachsen, entwickeln einfach den Drang, mitzubestimmen. Wenn man dann sagt, ich mache es trotz der Tatsache, dass es verboten ist und trotz der Konsequenzen, dann zeugt das von einem unheimlich starken Charakter und auch dem Willen, in meiner Welt etwas beizutragen.
Natürlich gibt es daneben auch Menschen, die einfach nur kaputt
machen wollen, gar keine Frage. Aber ich versuche so ein bisschen, ein romantisiertes Bild dieser Motivation aufrechtzuerhalten. Und es gibt diese Menschen, die rausgehen, weil sie etwas verändern wollen.

Steht dieser Aspekt des Illegalen dann so ein bisschen im Widerspruch zu dieser Auftragsarbeit von der Stadt Nürnberg?
Naja, ja und nein. Seit ich es beruflich mache, versuche ich immer einen Spagat hinlegen zwischen: Du willst das alles ernst nehmen und ein Geschäft aufbauen und trotzdem diese Straßenkomponente nicht vergessen. Wenn ich einen Auftrag male und drunter war etwas von einem anderen, kann der im Grunde in zwei Minuten alles mit einem Strich alles zerstören, wenn er möchte. Das heißt, diesen Kodex, aus dem man kommt, darf man auf gar keinen Fall vergessen, sonst tut man sich selbst keinen Gefallen. Gerade wenn es ein Auftrag ist, muss man diese Regeln des öffentlichen Raums respektieren. Ich werde außerdem im Rahmen der Vorproduktion versuchen, allen Nürnbergern, die möchten, eine Plattform zu geben. Jeder darf eine Arbeit einreichen, die unterliegt so ganz kleinen Parametern. Sonst darf man machen, was man will, egal was, solange es nicht zu aggressiv politisch ist. Und die bekommen dann auch alle einen Slot auf der Burg. Natürlich, denn ich gehe ja für die Graffiti-Kultur an den Start.

Und den Aufruf gab es schon?
Der Aufruf war schon und es gibt auch schon was. Man darf nicht vergessen, das Ganze ist immer noch eine Subkultur. Für so was musst du dann erst mal eine anonyme Mailadresse einrichten, dass die das nicht an mich schicken, damit nicht klar ist, wo das herkommt. Ein paar Leute sind natürlich sehr, sehr vorsichtig. Das heißt, ich habe schon ein paar, ich hoffe aber, dass noch ein Haufen dazukommt.

Wenn du einen Auftrag bekommst, eine freie Fläche neu zu bemalen und da war jetzt aber schon irgendwas drunter – wie gehst du damit um?
Ich mache nichts, ohne vorher dem Künstler Bescheid zu sagen. Wenn man respektlos über ein Bild drübergeht, dann wiederspricht das einem erlernten Kodex. Da tut man sich keinen Gefallen weil man riskiert, dass ein Bild so nicht alt wird. Und danach trifft es vielleicht noch den ein oder anderen Auftrag als Vergeltungsschlag. Da tut man sich einfach keinen Gefallen. Man geht also hin und sagt Bescheid und ist höflich. Und meistens, wenn man den Leuten auf Augenhöhe begegnet, ist es auch völlig in Ordnung. Manchmal heißt es dann halt, es wär cool, wenn du einen Gruß für uns mit reinschreibst. Oder: Das war eine extrem aufwendige Aktion, wir hätten gern sechs, sieben Dosen dafür. Alles gut, lässt sich alles regeln. Diese Art von Respekt innerhalb der Kultur ist einfach ganz wichtig.

Du hast weltweit Fassaden bemalt. Was war der krasseste Ort?
Vor fünf Jahren war ich in Jakarta. Vom Bild her war das gar nicht so krass, aber es war einfach am anderen Ende der Welt. Und die laden dich ein, nur damit du dein Graffiti an die Wand malst.
Es ist so krass, dass man das mit ein bisschen Farbe an der Wand schaffen kann. Bis nach Jakarta!

Und welches Kunstwerk ist dein persönlich stärkstes, wichtigstes?
Da würde ich in die Heimat gehen. Ich habe vor zwei Jahren in Mannheim eine Fassade gemalt. Es ist mir eine sehr große Herzensangelegenheit, das Stadtbild meiner Heimat mitzugestalten. Auch inhaltlich war es eine sehr persönliche Sache: Es geht da um meine Jugendzeit, ein bisschen vorausschauend, für meinen Sohn, der ist jetzt neun. Es geht um den Ballast, den man sich auflädt in seinem Leben, vieles davon ist unnötig, so manches ist unvermeidbar. Und dass man ab und zu so ein bisschen innehält und überlegt, was schleppe ich mit mir rum, was möchte ich davon mit mir herumtragen, was muss ich rumtragen und was kann ich jetzt schmeißen, damit es ein bisschen leichter geht?

Wie lässt sich das ganze Reisen mit der Familie und deinem Sohn vereinbaren?
Es ist nicht einfach natürlich. Mein Sohn lebt bei der Kindsmutter. Durch diese Wochenendregelung kann man die Slots da hinpacken, wo man das Kind sowieso nicht da hat. Aber ja, selbst wenn ich nicht reise: Bei der Auftragsmalerei gibt es halt kein Wochenende. Es ist eine Selbstständigkeit, in einer relativ extremen Form. Das verlangt viel Energie und Zeit. Man braucht da Menschen um sich herum, die wirklich sehr flexibel sind und das auch tolerieren, akzeptieren. Künstler mit ihrer Zeit und auch ihrem Ego sind schon schwierig zu händeln. Diese Menschen habe ich zum Glück. Danke an Rina an dieser Stelle, ohne dich ginge nichts.

Interessiert sich dein Sohn für deine Arbeit?
Er malt er superviel auf dem iPad, weil da hat er halt alle Farben der Welt und nicht nur die aus dem Wasserfarbkasten. Klar finde ich es supercool, wenn er da Interesse zeigt, aber ich möchte ihn auch nicht drängen. Er malt viel und gerne, vor allem so Star Wars-Schlachten mit Raumschiffen und so.

Findest du es schade, dass du die Steine an der Burg nicht direkt ansprayen kannst?
Nein. Ich finde, Vergänglichkeit ist so ein Faktor, der ganz wichtig ist. Bei Graffiti muss auch klar sein, es kann morgen weg sein. Und ich bin auch aufgewachsen mit gewissen Regeln. Dass zum Beispiel Fachwerk, Sandstein, historische Gebäude gar nicht angesprüht werden. Das ist einfach tabu. Von daher ist es eher cool, dass es auf diese Weise geht.

An der Blauen Nacht gibt es Workshops mit dir. Was machst du da genau?
Ich habe Motive erstellt, die dann quasi mit Jugendlichen oder mit jungen Erwachsenen gemeinsam ausgearbeitet werden. Und ich hoffe, die auch anleiten zu können, auch etwas Eigenes zu malen. Und mit diesen entstandenen Werken wird dann noch was passieren, was wir nicht verraten dürfen.

Mit Kaweco hast du ja auch schon mal einen eigenen Stift gemacht.
Ja, einen Roller Pen. Das war super. Wir hatten damals so ein bisschen gegenseitig Beiträge geliked und nach einer Weile habe ich die einfach angeschrieben, weil ich gesehen habe, dass die auch für Brands wie Supreme limitierte Weihnachtsgeschenke für die Mitarbeiter herstellen. Also habe ich gefragt, was das kosten würde, ein paar zu machen.
Und die hatten dann direkt die Idee: Lass uns doch mal zusammensetzen, ob wir eine Collab machen wollen. Klasse Firma, familiengeführt. Also voll auf Tradition, aber auch offen für neue Sachen. Der gemeinsame Nenner war total schnell gefunden. Die Aktion war dann eine reine Pro-Bono-Kiste und der Erlös ging komplett an die Kinderklinik hier. Das Projekt war super, hat mir Spaß gemacht plus guter Charity-Zweck – na, was willst du mehr?!

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Pablo / Hombre SUK

ist in Mannheim aufgewachsen. Trotz Abbruch des Gymnasiums wurde er mit seiner allgemeinen Schulausbildung an der Akademie für Kommunikation Mannheim angenommen. Dort schloss er als Grafik-Designer (Schwerpunkt: Illustration) seine Ausbildung ab.




 

DIE BLAUE NACHT
Samstag, 06.05.2023

NüRNBERG




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