Ab 15. Mai wieder geöffnet: Kunst und Künstlich

12. MAI 2020 - 24. MAI 2020, KUNSTPALAIS ERLANGEN

#Ausstellung, #Besprechung, #Dr. Marian Wild, #Kolumne, #Kunst, #Kunstpalais Erlangen

Marian Wild über die Ausstellung “Survival of the Fittest” – Ein blubberndes Aquarium mit schimmernder Flüssigkeit empfängt den Besucher hinter einem Vorhang im dritten Raum der Ausstellung, darin gut sichtbar schwebend: ein unförmiger, leuchtender Organismus, der über allerlei Versorgungsstränge mit dem Kasten verbunden ist.

Das Werk „ArchaeaBot“ ist eine Kollaboration von Anna Dumitriu und Alex May mit Amanda Wilson, laut Titel wird hier eine neuartige Lebensform erweckt, für die Zeit „nach Klimawandel und Singularität“, also dem Moment, an dem künstliche Intelligenz sich selbst verbessern kann. Ist das schon Leben, das wir hier beobachten, die etwas triste Zukunft unserer ziemlich selbstmörderischen Spezies? Beim Gang durch die Ausstellung verdichten solche Visionen sich zu einem bestechenden Blick auf die Realität. Künstlich geschaffene Wesen gibt es ja bereits, in Genforschungslabors, gezüchtet in Reagenzgläsern und der normalen Evolution entzogen. Mensch und Affe gehen fortan getrennte Wege, schrieb ein Zeitungskommentator einst nach Bekanntwerden der Existenz des Klonschafs „Dolly“.
Der Ausdruck „Survival of the Fittest“ wurde 1864 von dem Biologen Herbert Spencer kreiert, um eine Beobachtung zu veranschaulichen, die er in der Natur machte: die bestangepasste (wohlgemerkt, nicht „stärkste“!) Spezies überlebe den Wettkampf der Natur. Zu Ruhm kam die Phrase freilich erst durch Charles Darwin, der sie in der fünften Auflage seiner „Entstehung der Arten“ von 1869 zu einem der programmatischen Leitsätze machte. Und angepasst an seine Umgebung ist dieser Einzeller im Glas allemal, wird er doch scheinbar nur durch künstliche Bestandteile am Leben gehalten.
Dieser Blick in Zukunft gerät auch immer wieder zum Blick zurück. Die auf konstruktivistischen Sockeln präsentierten Ammoniten der Installation von Jonas Staal haben nicht nur eine hohe skulpturale Qualität, auf beunruhigende Weise wirken sie durch die Präsentation gleichzeitig sehr alt und sehr aktuell, wie ein Mahnmal an uns Betrachter, dass auch wir irgendwann so ein Fossil sein könnten. Wenn wir uns nicht anpassen.
Geradezu meditativ wirken dagegen die Visualisierungen von Alexandra Daisy Ginsberg. Friedliche, kleine, an Beeren erinnernde Gelballons, „selbstaufblasende antipathogene Membranpumpen“ bevölkern moosbedeckte Baumstämme. „Designing for the sixth extinction“, also „Gestaltung für das sechste Massensterben“ (in dem wir uns gerade befinden) heißt die sehr viel ernstere Idee dahinter. Auch die Dinosaurier fielen einer solchen Welle zum Opfer, darauf weisen die diversen Klimabewegungen zu Recht hin. Weil die Dinosaurier nicht ausreichend angepasst waren. Die Tatsache, dass diese so verstörend schönen, postapokalyptischen Bilder mit digitaler Bildbearbeitung entworfen wurden, also mit Computern, der wohl leistungsstärksten und sich am schnellsten entwickelnden, verbessernden und anpassenden Technologie unserer Zeit, ist dabei eine bemerkenswerte zweite Ebene der Arbeiten.

Diese und viele weitere Positionen zum Menschen und der Kunst in der Natur von heute und morgen lassen sich im Kunstpalais entdecken. Eine Fachtagung, zu dem ein kostenloser digitaler Tagungsband geplant ist, sollte die spannenden Betrachtungen ergänzen.


Dieser Artikel ist der erste Baustein einer plattformübergreifenden Berichterstattung. Die Fortsetzung findet sich ab sofort unter www.gallerytalk.net


Wieder geöffnet ab 15. Mai, verlängert bis 6. September 2020
SURVIVAL OF THE FITTEST – ZUM VERHÄLTNIS VON NATUR UND HIGHTECH IN DER ZEITGENÖSSISCHEN KUNST

KUNSTPALAIS
im Palais Stutterheim
Marktplatz 1, Erlangen
Di–So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr
www.kunstpalais.de




Twitter Facebook Google

#Ausstellung, #Besprechung, #Dr. Marian Wild, #Kolumne, #Kunst, #Kunstpalais Erlangen

Vielleicht auch interessant...

NüRNBERG. Über 30 Jahre lang hat Petra Weigle, die dieses Jahr formal in den Ruhestand geht, einige Dutzend Ausstellungen des Instituts für moderne Kunst, sowie diverse andere als Kuratorin verantwortet. Entstanden sind mal vielschichtige, mal minimalistisch präzise Setzungen in den verschiedensten Räumen Nürnbergs. Höchste Zeit, mit einer der erfahrensten Ausstellungsmacherinnen der Stadt ein paar Worte zu wechseln.  >>
NEUES MUSEUM. Marian Wild im Gespräch mit Holger Rieß. Fotos: Instagramer*innen der @igers_nürnberg
Die Gegenwart wirft alte Gewissheiten zunehmend über Bord. Da scheint der „kontroverse Tabubruch“, nämlich Kunst und Design im direkten Gegenüber zu zeigen, im Rückblick tatsächlich recht niedlich. Seit 2020 präsentiert das Neue Museum in seinem Erdgeschoss mit der „Mixed Zone“ eine direkte Mischung aus Kunst und Design, die im Frühjahr 2022 mit der aktuellen Ausstellung „Double Up!“ in die bildgewaltige, zweite Runde ging.  >>
20240401_Pfuetze
20240401_Staatstheater
20240401_Stadttheater_Fürth
20240401_Idyllerei
20230703_lighttone
2024041_Berg-IT
20240507_NueDigital
20240401_Theater_Erlangen
20240401_Wabe_1
20240401_ION
20240411_NbgPop_360
20240401_Comic_Salon_3
20240401_Neues_Museum_RICHTER
20240201_mfk_PotzBlitz
20240201_VAG_D-Ticket
20240401_D-bue_600