Des Museums neue Kleider?

10. MäRZ 2016 - 17. JULI 2016, NEUES MUSEUM

#Kolumne, #Kritik, #Kunst, #Natalie de Ligt, #Neues Museum

Die Sammlungspräsentation “Steinle Contemporary Revisited“ im Neuen Museum Nürnberg im Blick von Natalie de Ligt.

 

Kürzlich war ich im Neuen Museum, betrachtete die Exponate, sinnierte über ihre mögliche Bedeutung und ihre Zusammenstellung und las, sofern vorhanden, die dazu ausgelegten Texte.

Ich verweilte in einer mit „Steinle Contemporary revisited“ betitelten Präsentation, in der drei Neuzugänge der Sammlung vorgestellt werden: Carsten Fock zeigt, verkürzt gesagt, gestische Malerei auf knallgelben Wänden; Tilo Schulz u.a. eine Räume füllende, begehbare Installation aus Cordstoff, die den Schall schluckt, und Simon Wachsmuth zeigt u.a. eine Reihe von schwarzen Blechtafeln, auf die kleinere rechteckige, weiße Flächen lackiert sind und auf denen Kugelmagnete heften, in denen man sein Spiegelbild sehen kann, wenn man nahe genug herantritt.

Das alles erschien mir nicht besser oder schlechter als andere Kunst, die man heute in Galerien, Kunstvereinen, Museen usw. zu sehen bekommt. Es bildet gewissermaßen einen derzeitigen Standard ab. Dazu zählt auch die Art der Vermittlung. Nicht das Werk ist der Einstieg ins Werk, sondern dessen nicht sichtbarer Kontext. Er wird über Informationen mitgeliefert, die sich um den Künstler, dessen künstlerischen Ansatz, vor allem dessen Referenzen, den allgemeinen Kunstkontext sowie -diskurs ranken. Hierbei ist weder die Erklärungsbedürftigkeit, also die Kontextualisierung von Kunst neu, noch, dass es vor allem die Idee ist, die ein Werk erst zum Kunstwerk macht. Relativ neu ist allerdings die bisweilen komplette Verselbstständigung des Kontextes und der – auf immer mehr Spezialwissen beruhenden – Referenzen, auf die sich Künstler beziehen. Bei Simon Wachsmuth sind das z.B. der Kunsthistoriker Aby Warburg (1866-1929), der Mathematiker Charles Babbage (1791-1871) oder Vitrinen im Archäologischen Museum im türkischen Sanliurfa. Sie und der Akt der Bezugnahme werden zum eigentlichen Artefakt, während das Werk, spätestens nach dem Lesen des Begleittextes, kaum mehr als die Bebilderung ihres intellektuell und wissenschaftlich bedeutsamen Kontextes wahrgenommen werden kann. So hängt oder steht das Werk im Raum und muss die ganze Komplexität, die ihm zugesprochen wird, verkörpern und erfahrbar machen. Aber wenn der Funke, der überspringen soll, gar nicht im Werk ist, weil er ja in den Kontext ausgelagert wurde, wie soll er da auf mich überspringen. Da wird dem Werk manchmal zu viel zugemutet und zugetraut.

Bei der Arbeit von Wachsmuth dachte ich zunächst an eine Auseinandersetzung mit Hardedge Malerei und Minimal Art. Ich assoziierte ein Interesse, das bei formalen, formalästhetischen und kompositorischen Aspekten liegt. Und hätte ich den Begleittext dazu nicht gelesen, wäre ich nicht nur in Bezug auf Simon Wachsmuth klüger und dümmer zugleich geblieben. Ich hätte mir zum Beispiel nicht die Frage gestellt, wie und weshalb er, Carsten Fock und Tilo Schulz, bzw. ihre Werke, in die Sammlung des Neuen Museums aufgenommen wurden. In der Erläuterung heißt es, über eine Schenkung von Erben der Münchener Galerie Steinle Contemporary, die von 2007 bis 2012 „mitten in Schwabing ein ausgesprochen junges Programm mit konzeptioneller Ausrichtung“ präsentierte. Zur Erinnerung an die 2015 verstorbene Galeriegründerin erfolgte die Schenkung, die die Sammlung um drei Künstler bereichert, „die national und international verstärkt Anerkennung finden“. Ob diese Referenz stimmt oder nicht, ob sie glaubhaft ist oder nicht – sie bietet keine inhaltliche Argumentation. Gerade weil es sich hier aber um eine Schenkung handelt, noch dazu aus einem kommerziellen Betrieb, sollten Auswahl und Verfahren über Zweifel und Dünkel erhaben sein. Was in diesem Fall nicht recht gelingen kann – getragen von dem durchaus bekannten Umstand, dass die Museumsleiterin einst Steinle Contemporary mitgegründet und bis 2012 geleitet hat. Das ist mir alles zu persönlich. Da sehne ich mich auf einmal nach dem intellektuell-wissenschaftlich bedeutsamen Kontext.


Bis 17. Juli 2016
NEUES MUSEUM NÜRNBERG
Klarissenplatz, Nbg.
Di-So 10-18 Uhr, Do 10-20 Uhr.
www.nmn.de
 




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