Die Welt als War Porn

24. MäRZ 2016 - 29. MAI 2016, KUNSTHALLE

#Ausstellung, #Kolumne, #Kunst, #Kunsthalle, #Natalie de Ligt

Fiona Banners eindrucksvolle Schau „Scroll down and keep scrolling“ im Blick von Natalie de Ligt.

Die Ausstellung „Scroll Down And Keep Scrolling“ der britischen Künstlerin Fiona Banner (*1966 in Liverpool) ist wie das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse: Irgendwo drückt’s immer. Die Werke bilden hierbei die Erbse, die die Künstlerin unerbittlich unter die Matratze unserer Wahrnehmung schiebt. Zum Beispiel, wenn sie bei einer Sitzung mit einem Aktmodell dieses nicht zeichnet, sondern im Detail niederbeschreibt, was sie sieht: „... DIE BRÜSTE BEWEGEN SICH SYNCHRON AUF UND AB MIT DER ATMUNG ... NIPPEL ROSA, BEWEGEN SICH EBENFALLS ... DER BLICK GEHT IN DIE FERNE ODER NACH INNEN, WIE GEDANKENVERLOREN, PUPILLEN VERLIEREN SICH IM SCHWARZ, ... IRIS SCHIMMERT NASS, FEINSTE LINIEN WIE KURZ VORM AUFREISSEN ODER RISSE IN PORZELLAN, ...“ (dt. Übersetzung). Dies ist ein verschwindender Auszug aus dem mit Bleistift dicht beschriebenen Blatt „Nude Standing“ (2007) im Format von etwa 300 x 120 cm. Ein Buchstabenteppich, dem aufmerksam und in Gänze zu folgen schier unmöglich ist. Eine Überforderung sondergleichen. Folgendes kommt hinzu: Das eigentliche Kleid des Aktmodells ist seine Nacktheit, die gemäß einer unausgesprochenen Übereinkunft der Beteiligten eine neutrale zu sein hat. Fiona Banner macht diese Neutralität, mit der auch das Unschuldige und Keusche einhergehen soll, zunichte. Das gleichermaßen zärtliche und schonungslose Scannen mit Worten und die schroffe Poesie der Formulierungen sind ein viel stärkeres Eindringen in die Intimsphäre des Aktmodells als gezeichnete Linien. Die Machtposition der „Zeichnerin“gegenüber ihrem Modell tritt krass zu Tage, ebenso das traditionell männlich-weiblich besetzte Machtgefälle. Die Eine stellt sich stumm zur Verfügung, damit die Andere Kunst, also etwas Hehres erschaffen kann. Es ist ein Geschäft mit Intimität, bei dem die Künstlerin in die traditionell für den Mann vorgesehene Rolle schlüpft und sie zugleich mattsetzt. Sie eignet sich das System Aktzeichnen an und definiert es um, in dem sie Sprache zum systemrelevanten (Macht)-Instrument erhebt. Ähnlich verfährt Fiona Banner in weiteren Textarbeiten, wobei ihr allerdings ikonische Kriegs- oder Pornofilme als Vorlage für die minutiöse, handschriftliche Nacherzählung dienen. In „War Porn“ (2004) kreuzt sie in einer Zeichnung die Geschehnisse eines Kriegs- und Pornofilms.

Macht, Gewalt und Militarismus sind die Themen, die die Künstlerin in ihrem bisher 20-jährigen Schaffen ebenso faszinieren wie umtreiben. Die Textarbeiten sind nur ein kleiner Teil ihres vielfältigen und durchweg zwingenden Schaffens, dem es an Eindringlichkeit, Aufwand und Komplexität nicht mangelt. Dabei haben die meisten Arbeiten auch einen wunderbar subtilen Humor. Etwa die Videoinstallation „Chinook“ (2013). Bei einer militärischen Luftschau ließ Fiona Banner einen Chinook-Helikopter ein choreografiertes Luftballett aufführen. Solche geradezu feminin-antimilitärischen Sperenzien stehen im krassen Widerspruch zum Äußeren dieses behäbig wirkenden Großraumhelikopters mit seinen beiden gegenläufigen Rotoren. Diese Luftkür nimmt einerseits das Spektakel samt dem eingepflanzten Militärkult aufs Korn, entlockt ihm aber auch eine ungeahnte – vielleicht weibliche – Seite.

Wie sehr die Künstlerin ihre gleichzeitige Faszination und Abscheu in überzeugende Kunst zu wandeln vermag, zeigt sich vor allem in der bild- und tongewaltigen Videoarbeit „Mistah Kurtz – He Not Dead“ (2015). Eine Serie von Schwarzweiß-Fotos zeigt Londons Bankenviertel in der Ästhetik und aus dem Blickwinkel, wie man es von Kriegsfotografien kennt: kontrastreich, unheilschwanger, dynamisch und manchmal wunderschön. Die Bilder sind zu einem im Stakkato ablaufenden Film geschnitten und mit dem Sound der Börse sowie mit einem Trommelrhythmus unterlegt. Kapitalismus ist eine Form von Krieg. Man kann es spüren, auch ohne Prinzessin zu sein.


FIONA BANNER – SCROLL DOWN AND KEEP SCROLLING
vom 24. März bis 29. Mai 2016

KUNSTHALLE NÜRNBERG
Lorenzer Str. 32, Nbg
Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr
kunsthalle.nuernberg.de




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