Lukas Ulrich | Berühmte letzte Worte

FREITAG, 14. MAI 2021

#Dr. Marian Wild, #Fotografie, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Lukas Ulrich

Locked in | 061 |
(…) ES LEUCHTET
DIR EIN, ERHELLT ES ENTHÄLT WAS NICHTS
VERSPRICHT: OFFENE RÄUME IM GEGENLICHT.
(Barbara Köhler, [RETINA])


Als die Lyrikerin Barbara Köhler Anfang dieses Jahres mit 61 Jahren starb, hinterließ sie ein rätselhaftes sprachliches Werk: Da waren Sätze, die einen wie Blicke fixierten, und Absätze, die über das Parkett des Buchs klapperten wie eine ferne Demonstration. Die flüchtigen Sprachbilder der Dichterin verwehen, kaum dass man sie gelesen hat, und hinterlassen doch ein Gefühl. Und hier treffen sie auf die Fotografien von Lukas Ulrich: Kurze Augenblicke, oft monochrom, manchmal kräftig bunt, reihen sich aneinander. Szenen im öffentlichen Raum, Street Art, Handshakes. Die Sonne, fotografiert durch ein rotes Gespinst: Wie eine Bildergeschichte reihen die vier quadratischen Bilder sich aneinander, links der Fotograf, dann die Linse, dann das abstrahierte Gestell des Fotoapparats, dann der Portraitierte. Ein Selbstportrait der Fotografie. Gegenübergestellt eine Maskenserie: Sieben Jugendliche mit Mund-Nasen-Schutz, die vermeintlich Bösen der Pandemie, auch wenn Statistiken das widerlegt haben; dahinter der verwaiste Biergarten, ein deutsches Corona-Selbstportrait.

Im Interview erzählt Lucas von Inspiration, der Straße als Kunstraum und dem Weitergeben des Feuers.

Marian Wild: Da gibt es dieses Bild von einem einzelnen Vogel auf der Oberleitung, und man fragt sich unweigerlich, ob das ein Foto sein kann oder eine Grafik sein muss. Wie kommst du zu deinen Bildern? Wo bleibst du mit dem Auge hängen?
Lukas Ulrich: Ich bin immer auf der Suche nach neuen Perspektiven auf die Welt, die mich umgibt. Fotografieren ist für mich sowohl ein bewusster als auch ein intuitiver Prozess. Beides ist für mich in meiner Arbeit wichtig. Durch das Spiel mit unterschiedlichen Formaten und Medien, wie der Nähe zur Grafik, lade ich den Betrachter dazu ein, seinen Blick auf die Kunst und die Welt zu reflektieren.

Gerade Schwarzweißfotografien rufen sehr schnell Erinnerungen und Vergleiche auf, oft auch formal an solche GigantInnen des Fachs wie Elgar Esser, Hilla und Bernd Becher oder Walker Evans, in deren Tradition du dich scheinbar mit manchen deiner Fotografien stellst. Wie schwer ist es für dich als Fotograf, mit diesen Vorbildern umzugehen? Hemmt es eher, oder hilft es?
Für mich persönlich sind solche Vorbilder inspirierend. Die Auseinandersetzung mit ihren Werken hilft mir, bewusster mit meiner eigenen Arbeit umzugehen. Wenn das Schaffen eines Künstlers aber zu sehr im Hinblick traditioneller Vorbilder einkategorisiert wird, kann ein eingeschränkter und verkürzter Blick auf den Künstler und seine Arbeit entstehen. Ich schätze das Zitat, das oft Gustav Mahler zugeschrieben wird: „Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche."

Mit deinen Maskenportraits gehst du in den Stadtraum, auch setzt du immer wieder Street Art und Offspaces in Szene. Wo siehst du dich künstlerisch selbst in diesem ganzen Wust aus Kategorien und Genres?
Viele meiner Arbeiten entstehen im öffentlichen Raum oder sind, wie die „Maskenportraits“, für die Ausstellung im öffentlichen Raum konzipiert. Ich finde, Kunst in all ihren Ausdrucksformen sollte mehr Platz im Straßenbild einnehmen. Denn viele Stadtbilder sind heute vor allem von Konsum und Werbung geprägt. Mich interessiert es, dieser schönen bunten Werbewelt etwas entgegenzusetzen und so die ganze Bandbreite des menschlichen Daseins im öffentlichen Raum zu zeigen. Wenn man im öffentlichen Raum ausstellt erreicht man außerdem Menschen, die man in einer Galerie nicht erreicht.

Einige deiner Szenerien scheinen durch die Pandemie jedenfalls nicht an Aktualität verloren zu haben. Wie hat dich und dein Arbeiten diese Zeit beeinflusst? Leere Städte zum Fotografieren gab es vermutlich zur Genüge...
Die Stille und Ruhe des ersten Lockdowns konnte ich sehr konstruktiv nutzen, um konzentriert zu arbeiten und mich ohne Ablenkung mit den Grundsätzen meines bisherigen künstlerischen Arbeitens auseinanderzusetzen. Inzwischen empfinde ich die Einschränkung aber als sehr hemmend. Pulsierende und lebendige Großstädte sind für mich eine wichtige Inspirationsquelle, auch wenn ich oft nur ein stilles Detail in den Blick nehme. Ich mag es, anonym zwischen vielen Menschen zu agieren, um selbst in Ruhe und konzentriert zu arbeiten.

Weitere Informationen zum Künstler: (KLICK!)




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