Veronika Haller | Zu ABBA in den Schnauzer gerotzt

FREITAG, 23. APRIL 2021

#ABBA, #Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Queer, #Schnauzer, #Veronika Haller, #Video

Locked in | 058 – Hilarious, das ist ein großartiges, englisches Wort. Übersetzt würde man es einfach mit „komisch“, aber das wird der Lautmalerei von „hilarious“ nicht gerecht finde ich. Ruft es mal laut aus: „HIILÄÄÄRIÄÄÄS“, da schwingt so viel Freude, Absurdität, Spontanität mit. So ist das ABBA-Video von Veronika Haller, einfach hilarious.

Mit angeklebtem Pornobesen bewegt die Akademiestudentin sich mehr oder weniger grazil zum legendären MusikerInnenquartett, verdrückt Tränen. „Wie schlimm war deine Trennung, auf einer Skala von eins bis Adele?“, so hat mal ein Reddit-Nutzer ein Album der Musikerin beschrieben, und da wurde ich mit Veronikas Video emotional abgeholt. So viel Pathos, so viel Melancholie, und dieser Pornobesen, mit dem sie die Geschlechterrollen fröhlich-anarchisch überschreitet. Veronikas Arbeiten sind oft lustig, aber bei Weitem nicht nur: Hinter dem Aufspießen solcher Momente stehen hochaktuelle Fragen nach Diskriminierung, Feminismus, Diversität und den Mechanismen in den Sozialen Medien. Urlaubsfotos, Influencerlebenseindrücke, neokapitalistische Selbstvermarktung, alles kommt auf den Prüfstand und wird durch die Mangel gedreht. Und dann: eine Installation in der Vitrine mit fechtenden Puppen und einem klassizistischen Säulenflur als tapezierte Perspektive, direkt neben dem Aschenbecher vor der Königstorpassage. Das ist wirklich hilarious.
 



Im Interview erzählt Veronika von dirty places, dem Mehrwert durch Vielfalt und vom Lachen beim Hässlichsein.

Marian Wild: Deine Portraitfotos haben mich in ihren Bann gezogen, weil du da ja mitunter so richtig böse zerstört aussiehst. Mir scheint sowas kommt nur mit viel Selbstironie zustande. Wie lustig darf Kunst sein?
Veronika Haller: Ich denke, dass Zerstörtsein oder ugliness [Hässlichkeit, Anm. d. Interviewers] genauso ein Teil vom „real life“ ist wie alle anderen, gefälligeren Zustände – vielleicht sogar ein größerer Teil. Im Social Media ist das ziemlich unterrepräsentiert. Es ist ja auch eigentlich wie ein kleiner Aufstand, sich nicht im besten Licht zu zeigen auf einer Plattform, die genau darauf ausgerichtet ist, Makellosigkeit rüberzubringen. Ich steh‘ schon auch auf glossy, aber für mich fühlt sich ugliness oft realer an, es vermittelt einen Zustand von Scheitern und hat etwas Erfolgloses an sich. Das gefällt mir auch in der Kunst. Darum geht es oft in meinen Arbeiten, sich scheiternd zu zeigen und nicht zu ernst zu nehmen. Und wenn das dann auch lustig oder weird rüberkommt fällt das connecten den Betrachter*innen leichter.

Du spielst immer wieder mit Rollenbildern, wie in diesem fabelhaften Instagram-Video, in dem du mit Schnauzbart ABBA lipsyncst. Für die Jahresausstellung hast du die Omni Love Bar kreiert, einen Treffpunkt zur Diskussion über Queer- und Genderthemen. Gendertheorie und Humor kommt mir ehrlich gesagt in der Kombination selten unter, aber ich liebe es. Was ist die Message deiner Arbeiten?
Durch Projekte wie die Omni Love Bar will ich dazu beitragen, dass auch in der Praxis feministische Strukturen sichtbar werden. Die Bar funktioniert als kollektiv bespieltes Element, denn das ist auch die Konsequenz aus intersektional [über Untergruppen hinweg agierend, Anm. d. Intrviewers] gedachtem Feminismus. Diversität macht uns ausdrucksstärker und erweitert unser Blickfeld. Als Subjekt bin ich nur ein Bruchteil von Erfahrung und ich möchte zum Beispiel mit der Bar dazu beitragen, dass verschiedene Perspektiven zusammenkommen und sichtbar werden. Ich arbeite oft auch in meiner künstlerischen Praxis in kollektiven Zusammenschlüssen, denn ich verweigere mir die Aneignung von anderen Perspektiven, die mir nicht gehören. Ich finde heutzutage kann es nicht mehr nur um eine ignorante Selbstdarstellung gehen, die sich an Erfahrungen anderer bereichert. Wir müssen nachfühlen, woher diese Tradition der Aneignung kommt und was wir eigentlich ohne diese wären. Ich behaupte mich zwar auch selbst in meinen Arbeiten, dabei dreht es sich aber um eine Frage nach Material. Ich benutze mich in meinen Arbeiten als Material, weil ich von meiner Perspektive ausgehe, von meiner Realität – eingebunden in meine Gegenwärtigkeit und Gesellschaft die mich umgibt. Queerness und Gender(theorie) sind dabei wichtige Themen. Queerness wird wortwörtlich genommen. Es geht darum, sich queer zu stellen. Ich verdrehe und verzerre die Erwartungen und Idealvorstellungen meines mir zugeschriebenen Geschlechts – Queerness in all beauty, ugliness and humor.
 


Am Nürnberger Hauptbahnhof kuratierst du die Vitrine, ein Schaufenster für zeitgenössische Kunst am Anfang der Königstorpassage. In Quarantänezeiten sind solche Angebote ein Kunstvergnügen ohne schlechtes Gewissen. Was macht für dich das Besondere der Vitrine aus?
Also leider muss ich mitteilen, dass seit Ende Oktober die Vitrine geschlossen hat. Wir sind aber aktuell auf der Suche nach einer neuen Vitrine. Und es liegt mir echt am Herzen da schnell was zu finden, denn es ist so wichtig für uns Kunststudent*innen einen Raum zu haben, auf welchen wir leicht Zugriff haben und in dem wir experimentieren können. Die Vitrine, wie wir sie kennen, war eigentlich ein richtiger dirty place, aber das war auch so schön daran. Es war eben nicht dieser perfekte white cube, dadurch war die Hemmschwelle, auch mal was anderes zu versuchen, nicht so hoch. Im Winter 2019 zum Beispiel verwirklichte ich recht spontan zusammen mit einigen anderen Studierenden die Themen Woche „Emotion Week“. In dieser Woche war die Vitrine jeden Tag von jemand anderen bespielt. Durch das Thema und auch die kurze Zeit, haben die Teilnehmenden oft ganz andere Arbeiten gezeigt als für sie üblich. Und das ist eine Qualität der Vitrine, den künstlerischen Prozess aufzulockern und neuen Ideen Raum zu geben. Die Vitrine ist seit Jahren an der Akademie von Studierenden selbstverwaltet. Das ist auch gut so, so haben wir direkt Zugriff auf einen Raum außerhalb der Akademie und können uns auf so vielen Ebenen ausprobieren. Das macht großen Spaß und ist sehr inspirierend.

Die Krise bringt momentan sowohl viel Solidarität in der Bevölkerung hervor, aber gleichzeitig könnte vieles auch ein Rückschritt in weniger liberale Zeiten sein. Frauen werden durch das Homeoffice wieder stärker in das traditionelle Familienbild gedrängt, gesellschaftliche Minderheiten werden weniger sichtbar. Wie nimmst du die Krise wahr und wohin wird sie deiner Meinung nach führen?
Am Anfang, hatte ich noch Hoffnung, dass es sich doch ein wenig verändert. Nach dem ersten Lockdown wurde aber schnell klar, das Kapitalismus nun mal keine Zugeständnisse macht, zumindest nur unmerklich kleine. Mir stößt dabei vor allem auf, dass die systematischen Diskriminierungsstrukturen unserer Gesellschaft durch die Pandemie so sehr verdeutlicht werden, aber nicht systematisch dagegen gehandelt wird. Wenn sich Initiativen gründen, um gegen diese Ungleichheiten vorzugehen sind es wie immer freiwillige, ehrenamtliche Zusammenschlüsse. Es gibt so viele zu kritisierende Missstände, die diese Krise aufzeigt, die aber nicht gehört werden. Stattdessen aber werden Meinungen und Propaganda von Nationalsozialisten und Faschisten auf den öffentlichen Plattformen laut. Und wie damit umgegangen wird, finde ich furchtbar peinlich. Ich glaube, dass die Pandemie Langzeitfolgen mit sich bringen wird. Dabei meine ich nicht nur die so umsorgte Marktwirtschaft, sondern vor allem politische. Es ist wichtig, in der Krise als privilegierte Person nicht ins bürgerliche Heim zu verfallen. Es ist wichtig, dass wir unsere Möglichkeiten nutzen und hate and misery nicht wortlos gegenüberstehen.

Weitere Informationen zur Künstlerin: (KLICK! und KLICK!)




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