Ludwig Hanisch: Vom Himmel hoch, da kommt er her

MITTWOCH, 16. DEZEMBER 2020

#Dr. Marian Wild, #Interview, #Kultur, #Kunst, #Ludwig Hanisch, #Marius Raab, #Printmagazin, #Stadtmagazin, #Verschwörungstherorien

Ludwig Hanisch hat einen schwarzen Ritter gebaut, der aus der Umlaufbahn zu uns auf die Erde niederfährt. Teile der Erklärung könnten euch gerade kurz vor Weihnachten verunsichern.
Durch dunkle Machenschaften der Regierung sollten die Freiheiten der Bürger beschnitten werden, die nun die Gunst der Stunde nutzten, um das Militär im Land einzusetzen, Familien zu trennen und fortan uneingeschränkt und unwidersprochen zu herrschen. Überhaupt wohne man vielmehr einer göttlichen Strafe bei, keiner Krankheit, die durch lächerliche, unsichtbare Erreger verbreitet würde. Mancherorts, so ist es überliefert, leckten die entschiedensten Fürsprecher zum Beweis öffentlich an herumlaufenden Ratten, um zu beweisen, dass die Pest nur Einbildung sei.
Was sich im 18. Jahrhundert in England und anderen europäischen Staaten abspielte, kommt einem aktuell, in Zeiten von Corona und ihren huckepack grassierenden Verschwörungstheorien, gar nicht so fremd vor. Wie kann man sich künstlerisch und kulturell mit diesem Mechanismus befassen, der aus Bedrohungen und Ängsten Mythen und Legenden generiert?

Im curt-Doppelinterview mit dem freischaffenden Künstler Ludwig Hanisch und dem promovierten Psychologen und Informatiker Marius Raab kommen damit auch zwei Welten zusammen, die auf den zweiten Blick dann gar nicht so wenige Gemeinsamkeiten besitzen:

Marian Wild: Bevor wir tiefer in die Materie einsteigen würde mich interessieren, ob ihr schon vorher Berührungspunkte mit dem Arbeitsfeld des jeweils anderen hattet?
Marius Raab: In Verschwörungstheorien geht es, wie oft auch in der Kunst, um alternative Sichtweisen auf die Wirklichkeit; und um das Finden von Bedeutung. Wir forschen am Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre an beiden Themen, und ich entdecke ständig Gemeinsamkeiten. Ludwig und mich verbindet das Interesse an Kunst, an Verschwörungstheorien und am Computerspiel. Derzeit arbeite ich auch mit der Nürnberger Künstlerin Elizabeth Thallauer zusammen, die Erkenntnis in Wissenschaft und Pseudowissenschaft verarbeitet.
Ludwig Hanisch: In erster Linie sind polarisierende Geschichten und Theorien für mich ein Anlass, gute Kunst zu schaffen. Egal, ob diese wahr, halbwahr oder frei erfunden sind – ist ein Nerv getroffen, entwickelt man schon automatisch dazu Bilder im Kopf.

Das ist der Kunstäußerung gar nicht so unähnlich. Was würdet ihr sagen, was treibt eurer Meinung nach beide Gruppen an, ihre jeweiligen Realitäten zu entwerfen?
Ludwig: Ich kann als Kunstschaffender im Grunde nur für mich sprechen – mir geht es darum Computerspielekultur mit zeitgenössischer (figürlicher) Malerei zu verbinden. Daraus entsteht eine Art Zwischenwelt – eine greifbare, echte Bildwelt in Form von Malerei, gemixt mit der virtuellen, unerreichbaren Realität aus Games.
Marius: Das hat viele Gründe: Wenn unser subjektiver Handlungsspielraum eingeschränkt ist, dann wollen wir diesen unangenehmen Zustand der Ohnmacht überwinden. Verschwörungstheorien bringen neue Zusammenhänge und neue Akteure ins Spiel und schaffen so neue Handlungsmöglichkeiten. In manchen Fällen macht es Spaß, Alternativen zu denken und mit einem „Was wäre wenn“ solche Alternativen geistig zu simulieren. Manchmal dienen solche Theorien auch der Hetze und sind ein Propagandainstrument. Man muss sich immer den Inhalt der Theorie anschauen.

Ludwig, in deiner aktuellen Werkserie befindet sich ein mit dem Schwert zu Boden fahrender schwarzer Ritter. Wie bist du zu diesem Thema gekommen?
Ludwig: Der „Black Knight“ Mythos handelt von einem mutmaßlich außerirdischen Satelliten, der sich in unserem Orbit befindet. Ich fand das cool, und die Story inspirierte mich zu dem Bild, einen Schwarzen Ritter mit Satellitenflügel zu bestücken. Mir gefiel der Gedanke, Mittelalterliches in den Weltraum zu setzen.

Marius, ist es möglich, so einen Mythos einzuordnen und zu klassifizieren, vielleicht auch seine Funktion zu erklären?
Marius: Einordnen und klassifizieren würde ich ihn gar nicht, psychologisch viel spannender ist seine Funktion. Die kann für jeden Rezipienten anders sein. Für Ludwig und mich ist der Gedanke ästhetisch reizvoll, dass ein archaisches Alien-Artefakt wie ein Damoklesschwert um unseren Planeten kreist. Andere Menschen, die dann ernsthaft daran glauben (und ich kann mir gut vorstellen, dass es die gibt) finden hier eine Verdinglichung, und damit auch eine Legitimierung, eines gefühlten Unbehagens. Und so gesehen ist diese Theorie, gerade wenn sie ernst gemeint ist, auch ein künstlerischer Akt.

Meine Lieblingsverschwörungstheorie ist, dass Stuttgart 21 und der Berliner Flughafen deshalb nicht fertig wurden, weil man zwischen den beiden Orten einen unterirdischen Verbindungstunnel baut, in dem Merkels Armee geparkt ist. Ihr habt sicher auch einen Lieblingsmythos, wollt ihr ihn mir erzählen?
Marius: Ein Freund in der Grundschule hat mir einmal aufgeregt und voller Ernst erzählt, sein Vater hätte vor der Haustür einen Wäschekorb mit Fahrkarten für die Lichtenfelser U-Bahn (sic!) gefunden. Ich Schlafschaf habe ihm damals nicht geglaubt, aber vielleicht war (oder ist?) dort die Schattenarmee von Franz-Josef Strauß? Langsam ergibt sich ein Bild ...
Ludwig: Das Atari Computerspiel zu dem Film „E.T. - der Außerirdische“ ist praktisch unspielbar, da man in dem Game immer wieder unvorhergesehen in Gruben fällt, aus denen man sich nur schwer wieder befreien konnte. Witzigerweise wurden angeblich sämtliche unverkaufte Spielmodule in der Wüste New Mexicos vergraben. Und tatsächlich, jüngst wurde das „Atari-Grab“ von Spielejägern ausgebuddelt.

Verschwörung und Kunst wird auch Thema einer Einzelausstellung von Ludwig Hanisch im Kunstverein Kohlenhof sein, die im Frühjahr 2021 geplant ist. Lasst das Bild von der abgeleckten Ratte also ausführlich wirken, und achtet auf unseren Ankündigungen in den kommenden curt-Heften und auf www.curt.de/nbg!

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Dr. Marius Raab,
Jahrgang 1977, Psychologe und Informatiker, hat über experimentelle Ansätze der Verschwörungstheorie-Forschung promoviert, und forscht und lehrt an der Uni Bamberg über Verschwörungstheorien, Gamification und Ästhetik. Im Podcast „Die Bamberger Psychokalypse“ diskutiert er mit Kollegen jede Woche psychologische Themen.

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Ludwig Hanisch,
geboren 1984 in Halle an der Saale, lebt und arbeitet als freischaffender Künstler in Nürnberg. Er studierte von 2006 bis 2012 an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg bei Prof. Thomas Hartmann, der ihm 2011 den Titel Meisterschüler verlieh.




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