FKNT | Alle zusammen, jede für sich; ohne Verletzte

FREITAG, 27. NOVEMBER 2020

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Locked in | 037 – Das Kunstwerk wirkt wie ein Symbol des Lockdowns: Vier Künstlerinnen, Jolien Trog, Lana Novikova, Lee Krutsch und Mariella Falke, jede mit einem anderem ästhetischem Ansatz, sogar verschiedenen Arbeitsbereichen und Ausbildungen, wählen sich einen Raum um ihn gemeinsam zu gestalten.

Es ist ein waghalsiges Vorhaben, entsprechend der neuen Abstands- und Hygieneregeln, mitten in der striktesten Phase der Quarantäne. Der Prozess, das Ergebnis und das begleitende Tagebuch werden als multimediale Arbeit festgehalten, jede der Teilnehmerinnen greift künstlerisch in die Arbeiten der anderen ein. Der Prozess ist bemerkenswert, weil er einige aktuelle Fragen aufwirft: Wo entsteht in einer solchen Gruppenkonfiguration relevante Kunst? Ist sie Resultat aus einem umfangreichen oder gerade reduzierten Aushandeln, wie äußern sich Fragen von Partizipation, „demokratischer“ Gestaltung und nicht ausgeschlossener ästhetischer Übergriffigkeit im Ergebnis? Wenn man den Verlauf der Arbeit beobachtet, wirkt er womöglich härter, als er es am Ende tatsächlich war. Aber da liegt die spannende Frage, scheint mir. Die Arbeit ist ein Symbol für eine gemeinsame Aufgabe, und auch das ist eine der wichtigsten Herausforderungen für unsere aktuelle Gesellschaft geworden.

Im Interview erzählen die Künstlerinnen von prekären Anstellungen, dem Zuviel und Zuwenig an Reibung und dem distanzierten Arbeiten in Corona-Zeiten.

Marian Wild: Ihr habt für das Projekt „Extra_Farbkontakt“ unter anderem eine gemeinschaftliche Malerei in einem der Räume des edel extra geschaffen. Wenn man eure Einzelarbeiten ansieht sind die Ansätze sehr unterschiedlich. Wie definiert ihr, jede für sich, eure Ansätze, wonach sucht ihr in euren Bildern?
Mariella: Ich suche in meinen eigenen Bildern nach einer wertfreien Welt. Ich versuche eine Stimmung oder eine Gefühlswelt zu erzeugen, in der es kompositorisch und farblich keine Zensur gibt. Ich übe mich immer wieder darin jeden Strich und jede Fläche anzunehmen, die impulsiv auf dem Untergrund entsteht. Was dann daraus wird ist meist eine Überraschung.
Lana: In meinen Arbeiten beschäftige ich mich meistens mit dem Thema Weiblichkeit. Dabei sind für mich die Fragen nach der Repräsentation von Weiblichkeit in gesellschaftlichen Kontexten zentral. Ich suche nach bestimmten Mustern, nach Bedeutungen, welche der Weiblichkeit in unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen zugeschrieben werden. Ich versuche in meinen Arbeiten die gesellschaftsbedingten Vorstellungen vom Frausein, zwischenmenschliche Beziehungen und Geschlechterverhältnisse aber auch eigene Identität in unterschiedlichen Ausformungen zu befragen.
Lee: Es geht bei meinen Bildern um das Material – die Mineralpigmente. Einen großen Teil meiner Bilder male ich mit Pigmenten aus Steinen, die ich sammle oder die mir geschenkt werden. Das Thema meiner Motive sind Erinnerungen die mit allen Sinnen festgehalten werden. Nicht nur durch was gesehen und erfahren wird, sondern auch der Geruch oder Geschmack mit dem man eine Erinnerung verbindet.
Jolien: Mir geht es in meinem persönlichen Schaffen um die Auseinandersetzung mit der menschlichen Innen- und Außenwelt. Ich suche nach künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten von aktuell für mich Relevantem, in eine verallgemeinerbare Form gefasst, sodass es auch für andere von Bedeutung sein kann. Als professionelle Kunsttherapeutin sehe ich das gestalterische Schaffen als eine Kommunikationsform mit der eigenen Person aber auch mit anderen.

Kooperative Kunstwerke bieten Chancen, aber auch Risiken. Entstehen kann ein Ausdruck einer gewissen „Schwarmgestaltung“, die sich gegenseitig verstärkt, aber auch ein gewaltiger Crash, wenn eine Künstlerin die „guten“ Passagen der anderen übermalt. Diesen Prozess des großflächigen Übermalens kann man ja auch einmal im Video sehen. Wie habt ihr euch im Vorfeld über den Prozess abgestimmt, und gab es vorher festgelegte „Regeln“, damit es zu keinem internen Streit kommt?
Mariella: Das ist eine spannende Frage, tatsächlich haben wir mehr Widersprüche und Konflikte erwartet. Wir sprachen im Vorfeld ab, was wir machen, wenn jemand etwas übermalen oder verändern wird, mit dem eine andere Person so gar nicht übereinstimmt. Letztendlich war alles sehr harmonisch, so harmonisch, dass ich mir sogar zwischendurch immer wieder Reibungen oder Konflikte gewünscht habe.
Lee: Die einzigen Regeln, die gesetzt wurden hatten mit der technischen Seite des Projekts zu tun. Dass wir vor und nach dem Malen Videonachrichten machen sollten zum Beispiel. Da wir auch sonst zusammen im Team arbeiten, war es für mich selbstverständlich, dass wir solche Sachen wie das Übermalen während des Prozesses klären würden. Und so haben wir es auch gemacht.
Lana: Wir haben von Anfang an keine strikten Regeln aufgestellt. Uns ging es um den Kontakt und um den Ausdruck dessen, was uns in der Isolation fehlte. Mittels der Farbe haben wir auf einander reagiert und eigene Spuren im Raum hinterlassen. Allerdings sind dabei einige Passagen übermalt worden. In einem sehr offenen schöpferischen Prozess waren jedoch gerade diejenigen Momente sehr spannend, in denen eigene Farbflächen von den anderen Projekt-Teilnehmerinnen verändert worden waren.
Jolien: Es gab, wenn überhaupt die „Regel“ der Offenheit und der flexiblen Entwicklung dem Prozess gegenüber. Übermalt durfte alles werden und das habe ich auch so gehandhabt. Ich habe, rückblickend, den Eindruck, dass wir trotzdem sehr feinfühlig miteinander umgegangen sind und Interventionen des Anderen stets im Rahmen des ästhetischen Prozesses gesehen und nicht als „persönlichen Angriff“ gewertet haben. Unstimmigkeiten gehören für mich zum schöpferischen Prozess dazu. Konflikte konnten wir konstruktiv in der Gestaltung oder im verbalen Austausch klären.

Im Raum wurde auch eine Art Interviewstation aus Kamera und Stuhl aufgebaut, was hat es damit auf sich?
Lana: Die Interviewstation im Raum sollte dazu dienen, den gesamten Prozess einmal verbal zu reflektieren. Dazu hat Mariella einen Fragenkatalog entwickelt, den man im Schaufenster nachlesen konnte. Die Antworten auf die Fragen sollten auf Video aufgenommen werden und als eine Erweiterung des Projekts fungieren. Gerade an diesem Punkt sind wir uns nicht einig. Wie du richtig bemerkt hast, vertritt jede von uns jeweils einen anderen künstlerischen Ansatz. So sind ganz unterschiedliche Videos entstanden, die sich zwar auf die gemeinsame Arbeit beziehen, sich jedoch in formaler Hinsicht sehr unterscheiden. Wir sind noch auf der Suche nach einer Lösung beziehungsweise nach einem Kompromiss und sind gespannt auf das Endergebnis.
Mariella: Was bisher entstanden ist, sind ein Kurzfilm und eine Soundinstallation. Wir haben den Gesamtprozess per Video festgehalten, der entstandene Film über die Entstehung des gemeinsamen Wandbildes ist die Dokumentation des Prozesses. Auch die entstandene Soundinstallation aus den Videobotschaften, die wir verschickt haben, dient dokumentarischen Zwecken. Diese Art Interviewstation, die ich aufgebaut habe, ist tatsächlich der einzige wirkliche Konflikt, der während des Projekts aufgetreten ist. Ich bemerkte irgendwann, dass das Projekt stagnierte und versuchte damit wieder Kontakt mit den Anderen aufzunehmen. Wirklich angenommen wurde es allerdings nicht, ich denke, dieser Punkt ist bis heute nicht ganz geklärt.
Lee: Es kam an einem Punkt zur Stagnation des Projekts. Die Interviewstation war ein Versuch sich noch einmal tiefer mit dem Prozess auseinanderzusetzen und das Projekt voranzutreiben beziehungsweise abzuschließen.
Jolien: Diese Erweiterung in den Raum hat Mariella erdacht und bereitgestellt, um den gemeinsamen Prozess zu reflektieren. Ich habe es als Angebot verstanden und statt einer verbalen eine körperliche, performative Antwort auf Video aufgenommen.

Wenn man den Arbeitsprozess länger verfolgt scheint sich eine Art Gleichgewicht aus Malen, dem Kommentieren der anderen Areale, und einem Sich-Einfügen in die Bereiche der anderen auszubilden. Irgendwann scheinen die Zeichensysteme wie die schwarze Strichliste übergriffig zu werden und die anderen Teile in den Hintergrund zu drängen, dann setzen sich die Graffiti-Objekte nach vorne. Ein Kampf ums Dasein, auch um Macht. Seht ihr eine politische, womöglich feministische Komponente in der Arbeit?
Mariella: Für mich ist die Arbeit in erster Linie eine persönliche Begegnung unter vier Künstlerinnen und Frauen. Sie handelt also vor allem vom Sich-zeigen, jede von uns musste sich vor Ort immer wieder neuen oder alten Raum erobern, sich positionieren. Es ging immer wieder um eine Positionierung bezüglich des eigenen künstlerischen Vorgehens und der eigenen künstlerischen Haltung, und das innerhalb einer Gruppe von vier sehr unterschiedlichen Künstlerinnen und Frauen.
Lee: Ich sehe diese Arbeit nicht als politisch und auch nicht als Kampf. Ich sehe sie als etwas Persönliches und Zwischenmenschliches. Sie verkörpert für mich den Schock und die Verarbeitung dessen, als plötzlich die Kontaktsperre auferlegt wurde. Sie symbolisiert für mich das Bedürfnis nach menschlichem Kontakt, gerade in Zeiten einer Krise.
Jolien: Aus meiner Sicht war es kein Kampf um Macht, sondern ein Ausloten der eigenen Position in einer Gruppe, ein Reagieren auf die Sichtweisen der Anderen und ein Kontaktpunkt, ein Austausch. Die Intention lag bei unserer Arbeit nicht in der Selbstbehauptung, im und durch Konflikt mit anderen, sondern im Vorhaben auf Basis von Eigenverantwortung, Vertrauen und ohne „Kontrolle“, in einer Zeit, in der ein physisches Zusammenkommen nicht möglich war, zusammenzuarbeiten.
Als eine Gruppe aus Künstlerinnen sehe ich eine gegenseitig bestärkende Komponente in unserer Arbeit. Ich denke, es ist sehr wichtig sich als Frauen zu unterstützen, den Kampf ums Dasein tragen wir mit anderen aus.
Lana: Es ist definitiv ein Frauen-Werk entstanden, weil wir eben vier Frauen sind und einige von uns feministische Ansichten vertreten. Daher erscheint es nicht wunderlich, dass bestimmte feministisch kodierten Zeichen in das Werk hineingeschlichen sind. Aber nach einer intendierten feministischen Botschaft wird man in dieser Arbeit vergeblich suchen. Ebenso wenig ging es um den Machtkampf oder die Selbstbehauptung und noch weniger um die Hierarchisierung. In unserem gemeinsamen Alltag sind wir ein Kollektiv und pflegen einen respektvollen Umgang miteinander. Im Projekt war es nicht anders. Die bestimmten entstandenen Dominanzen im Gesamtwerk erklären sich durch die unterschiedlichen Herangehensweisen bezüglich des künstlerischen Ausdrucks. Manche von uns arbeiten großflächig, die anderen präferieren kleinere Formate. Allerdings musste sich jede von uns innerhalb der Gruppe positionieren, aber nicht durch den Kampf oder Aggression, sondern durch den Kompromiss und Empathie. Es ging schließlich nicht um die Selbstpräsentation der Einzelnen, sondern um das Entstehen eines Gemeinschaftswerks und um den Austausch.

Ihr habt die Arbeit zu viert entwickelt, aber ohne euch während des Prozesses zu nah zu kommen, vermutlich wegen der Corona-Regeln. Wie stark hat euch dieser Shutdown insgesamt eingeschränkt, wie seid ihr mit der Shutdownzeit umgegangen?
Mariella: Während des gesamten Projekts haben wir uns gar nicht live getroffen, das war schon eine Herausforderung. Ausgetauscht haben wir uns aber trotzdem sehr regelmäßig in Form von kleinen Videobotschaften. Also, für das Projekt war die Zeit des Shutdowns gut, wir konnten uns ganz im nonverbalen Geschehen begegnen und kamen nicht in die Versuchung gemeinsam vor dem Werk zu stehen und darüber zu sprechen.
Lee: Die Shutdownzeit war nicht einfach für mich, aber das war es glaube ich, für niemanden. Anfangs ist meine Routine total aus dem Lot geraten, mit Mühe konnte ich sie wieder aufbauen und das hat mir bei der Bewältigung der Situation sehr geholfen. Dank Internet konnte ich trotz allem soziale Kontakte aufrechterhalten, es ist natürlich nicht das gleiche wie wenn man sich Trifft. Das haben sicher die meisten schnell gemerkt. In dieser seltsamen Situation war der Kontakt durch die Kunst mit Jolien, Lana und Mariella sehr willkommen.
Lana: Die Shutdown-Zeit war sehr ambivalent. Einerseits war es Zeit, in der ich mich der Familie widmen, ins Freie gehen und ohne zwischen den Terminen zerrissen zu sein die Gegenwart wahrnehmen konnte. Andererseits sind die ganzen gewohnten Alltagsstrukturen zusammengebrochen und ich musste nach Wegen suchen den Alltag optimal neu zu organisieren. Wer Kinder hat, weiß wovon ich rede. Zudem sind Einkommensquellen weggefallen und dies sorgte für noch mehr finanzielle Ungewissheit. Die Arbeit im Kunst- und Kulturbereich bleibt nach wie vor durch äußerst prekäre Arbeitsverhältnisse geprägt und bietet keine Sicherheit in Bezug auf die Zukunft. Die Shutdown-Zeit hat dies erneut und deutlich aufgezeigt. Nach wie vor bleibt es auch nicht comme il faut (ordnungsgemäß, Anm. d. Interviewers), wenn Kunst- und Kulturschaffende über das Geld reden. Längst gilt es als selbstverständlich, dass höchstqualifizierte Kunst- und Kulturschaffende entweder unterbezahlt werden oder ihren Lebensunterhalt durch andere Einnahmenquellen finanzieren müssen. Es ist erforderlich, dass das Thema der Unterhaltssicherung im Kunst- und Kulturbereich in den öffentlichen Diskurs eindringt.
Jolien: Für mich war es eine belastende Zeit und gesellschaftlich hat sie einmal mehr die Missstände in unserem Zusammenleben aufgezeigt. Damit meine ich die krassen sozialen Disparitäten, die in Krisenzeiten noch stärker sichtbar werden als ohnehin schon. Aber auch in Bezug auf den Kunst- und Kulturbereich werden die prekären Zustände transparenter, die es seit Jahren gibt. Es ist beispielsweise super, dass es Projekte, wie „Locked in, locked out“ gibt und die Arbeit war für mich persönlich auch sehr wichtig. Aber ich sehe dieses Projekt auch kritisch und exemplarisch für ein strukturelles Problem in den Bereichen Kunst, Kultur und öffentliches Leben. Kulturschaffende bekommen zwar Möglichkeiten, ihre Arbeiten zu präsentieren, aber für ihre Existenzsicherung müssen sie auf andere Weise sorgen. Mich macht es sehr wütend, wie in unserer Gesellschaft mit Kunst und Kultur umgegangen wird. Es wird mittlerweile wie selbstverständlich angenommen, dass die kulturelle Arbeit unentgeltlich geleistet wird. „Macht doch Spaß, kommt doch gut im Lebenslauf usw.“. Davon kann ich aber meine Miete nicht zahlen und muss zunehmend zwischen meinem künstlerischen Schaffen und meiner Erwerbstätigkeit abwägen. Künstlerisches Schaffen darf kein Privileg sein!

Weitere Informationen zu den Künstlerinnen: (KLICK!)




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