Tobias Robens | Mensch und Ausschnitt

FREITAG, 7. AUGUST 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Malerei, #Tobias Robens

Locked in | 021 – Ein eingegipstes Gesicht, so war mein erster Gedanke bei einer der Malereien: Wie eine martialische, medizinische Gipsplastik nimmt das Objekt die obere Bildhälfte ein. Der Titel „Schlafmaske“ hat mich dann tatsächlich etwas beruhigt, dennoch bleibt die Person in der abstrakten grauen Hülle entmenschlicht und fremd.

So fühlt es sich bei einigen der Figuren von Tobias Robens an: Die Mimik ist verschleiert, die Gesichter sind teilweise oder ganz vom Bildrahmen abgeschnitten. Da schlagen fotografische Mechanismen durch, die er auf seine gemalten Bildausschnitte überträgt. Manche der Szenerien verschwimmen förmlich vor dem Betrachter wie in einem sich langsam verflüchtigenden Traum, eine bewegte Wasserfläche bricht die Musikinstrumente wie sichtbare Schallwellen. Als stark wiedererkennbar entpuppt sich die Farbpalette: Da kontrastieren weinrote Haare, grüne Schatten und orangerote bis rosafarbene Haut mit den warm-erdigen Umgebungen und erzielen durch die Kombination irreale Kontraste. Es wirkt mitunter wie eine melancholische Abwendung von unserer Welt.
 


Im Interview erzählt Tobias von guten Freunden, Entscheidungsfreiheiten und der Hoffnung auf eine verbundenere Gesellschaft.

Marian Wild: Du kommst als Maler ursprünglich aus der Richtung der Fotografie, und deine Portraitarbeiten haben oft diese typische Ausschnitthaftigkeit eines Schnappschusses. In den surrealeren Arbeiten wendest du oft traditionelle Ausschnitte an. Was ist die gemeinsame Basis deiner verschiedenen Themen?
Tobias Robens: Ich bin grundsätzlich interessiert an den unterschwellig stets mitschwingenden Arten und Weisen der zwischenmenschlichen Kommunikation. Zugleich gilt es mir, dem Betrachter eine „Oberfläche” zu bieten, die stimmig und harmonisch ist, während Abstraktionen oder Surrealismen den Hinweis auf tieferliegende Strukturen (und somit Interpretationsmöglichkeiten) des geschilderten Momentes bieten möchten. Der Unterschied zwischen den scheinbar verschieden „Themen” besteht somit in den Methoden der Vermittlung. Andere Sujets scheinen mir mitunter andere Arten der Erzählweise zu verlangen.

Du bist Autodidakt, hast also keine klassische Malereiausbildung absolviert. Was würdest du sagen, in welchen Momenten sich deine Herangehensweise von der „klassischen“ unterscheidet? An welchen Stellen fehlt vielleicht etwas, an welchen bist du vielleicht freier?
Ich meine, dass hier keine erwähnenswerten Unterschiede vorhanden sind. Die Auseinandersetzung mit der künstlerischen Tätigkeit erfordert in jedem Fall das Einlassen auf die sozusagen von der Bildidee geforderte Freiheit (oder Einschränkung), unabhängig von anderen Umgebungsbedingungen. Dieser Aufgabe wird man mal mehr, mal weniger gerecht, und ich denke, dies passiert nicht so sehr aufgrund von erfahrener oder nicht erfahrener Ausbildung durch Dritte, sondern aufgrund persönlicher augenblicklicher Fähigkeiten.

Der „Junge Mann in Grün“ von 1993 hat mich länger beschäftigt, weil er mir gleichzeitig keck und ein bisschen unheimlich vorkommt. Je länger man ihn anschaut, desto seltsamer wird das Bild und die Szenerie. Was suchst und findest du in und hinter den Gesichtern der Portraitierten?
Ich bin immer neugierig, wie unsere Gebärden, Mimiken und Verhaltensweisen hervorrufenden, und zumeist verborgene und kaschierte Mechanismen zu erforschen, freilich, ohne werten zu wollen. Die Aufgabe eines Portraits besteht für mich somit im Einfangen von charakteristischen Merkmalen der betreffenden Persönlichkeit, idealerweise sowohl äußerlich, als auch in einem gewissermaßen „psychologischen” Sinn. Inwieweit mir dies im jeweiligen Fall gelingt, liegt freilich immer im Ermessen des Betrachters. Bei dem genannten Bild handelt es sich jedenfalls um eine mir seit Langem sehr nahestehende Person, und ich vermute, ihn einigermaßen treffend charakterisiert zu haben…

Dein Interesse gilt Menschen, und die sind momentan alle eingesperrt. Was macht diese Situation mit deinen Beobachtungsobjekten, was macht sie mit dir?
Die Isolation des Einzelnen ist für mich von jeher ein fast unabdingbares Element meiner Darstellung. Die meisten meiner Arbeiten sind auf EINE Person oder die Haltung EINES menschlichen Körpers (im Sinne von „entpersönlicht“, suchend nach einem vielleicht allgemeingültigen Prinzip) reduziert. Dies scheint mir existentielle Bedeutung zu haben, um in tieferliegende Schichten vordringen zu können, und gleichzeitig ausreichend offenen Raum in der Bildgestaltung zuzulassen. Der Prozess meiner Arbeit hat sich somit kaum verändert durch den momentanen Zustand unserer sozialen Gemeinschaft. Ich hoffe, dass die sicher zum Teil als sehr hart einschränkend empfundenen Monate der „Isolation” uns alle ideell wieder etwas mehr zusammenrücken lassen, was das Erleben, nicht nur des Einzelnen, nur aufwerten kann. Radikale Zustände jedenfalls sind, wenn aus etwas Abstand betrachtbar, hochinteressante Studienobjekte, was die künstlerische Tätigkeit betrifft.

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