Elizabeth Thallauer | Vom Kunstblitz getroffen

FREITAG, 31. JULI 2020

#Dr. Marian Wild, #Elizabeth Thallauer, #Im Gespräch mit, #Kunst, #Locked in

Locked in | 020 – Irgendetwas hat sie da entwickelt, mit den Lupen. Ausgetüftelt, verworfen, weitergetestet, vermutlich zur Serienreife gebracht. Eine Regenbogenmaschine? Dutzende Vergrößerungsgläser in schwarzem Rahmen, in die weiße Wand gestochen, spiegeln und vergrößern sich gegenseitig, und plötzlich entstehen durch die Brechungen an verschiedenen Stellen blaue und orange Farbreflexe.

Das weiße Licht wird im Prisma aufgebrochen, in die Farben des Regenbogens, das wusste schon Newton und Goethe hat es nicht wahrhaben wollen (andere Story), und nun wird damit von Elizabeth gemalt. Sie hat offenbar Freude daran, mit Materialien zu arbeiten, die für viele Menschen gar nicht da sind, mit Rauch und Wolken (für die damalige Blaue Nacht) oder Zucker. Die Werke sind dadurch oft still und poetisch, mitunter auch messerscharf und politisch. Im passionskreuzförmigen Lutscher einen bissigen Kommentar auf den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche zu erkennen, fällt in der Tat nicht mehr schwer. Harmlos sind die Werke also beileibe nicht, die Künstlerin ist eine hochpräzise Forscherin am Gegenstand. Der Geistesblitz schlägt häufiger mal im Tiefwurzler ein.

Im Interview erzählt Elizabeth von gefährlicher Neugierde, der Kunst Fehler zuzulassen und dem Raum als Mantel.

Marian Wild: Du bist während deiner Ausbildung quer durch die Kontinente gesprungen, von Sofia vier Jahre nach Russland, ein Jahr nach Österreich, vier Jahre in die USA, nochmal Österreich, dann Nürnberg, Finnland, wieder Nürnberg, nochmal Österreich. Facebook würde bei deinem Reisestatus sagen „Es ist kompliziert“. Deine Arbeiten haben passend dazu oft etwas Schwebendes und Flüchtiges. Gibt es für dich einen Ort, den du als die "eine" Heimat siehst, oder sind alle diese Orte für dich gleichermaßen Heimat?
Elizabeth Thallauer: Ich bin tatsächlich schon lange Zeit unterwegs *lacht*.Es hat sich so entwickelt, dass sich schon vor vielen Jahren die psychische und emotionelle Verbindung zu einem bestimmten Ort, Land oder sogar Planeten für mich aufgelöst hat. Das ist tatsächlich eine Befreiung. Dadurch werden die soziokulturellen Grundsteine, die eine Persönlichkeit definieren, nicht eingerissen, sondern sogar weiter aufgebaut. Nach langjährigem Aufenthalt in verschiedenen Orten entstehen neue Denk- und Verhaltensmuster und die Scheuklappen fallen komplett, Krücken zur Selbstbestimmung und Identität werden nicht mehr benötigt. Man hat das Gefühl, das Leben ausgetrickst zu haben und mehr als ein Leben gelebt zu haben. Durch den Verlust der Verbindung zu einem festen Ort bekommt die Definition von Heimat eine neue Elastizität und Vielfältigkeit, alle Orte werden zur Heimat. Kosmopolitismus pur :).

Deine Installationen sind poetische Blicke auf die Welt, die manchmal ins Groteske und auch Politisch-Religiöse drehen, wie dein Lutscher in Form eines Passionskreuzes. Wie findest du zu neuen Projekten, was treibt dich an?
Einige Projekte entstehen als direkte Verarbeitung der aktuellen Themen, ein Art aktionistische Statements wie der Zuckerlutscher, der im Jahr 2010 entstanden ist als eine der größte Kindermissbrauchsskandale in der katholische Kirche aufgedeckt wurde. Ab und zu kommt eine Idee wie ein Blitz von Himmel, der mich dann in eine Richtung führt. Ich begrenze mich nicht und bediene mich thematisch von vielen Quellen, von soziokulturellen Verhältnissen bis zu rein abstrakten Ansätze. Das Spiel mit Kontroversen öffnet Wege zu Neuinterpretationen und zum Überdenken von vielen Themen. Ich bin zugleich analytisch und spontan, oder vielleicht wäre richtig zu sagen spontan in der Analyse und analytisch in der Spontanität. Oft erzähle ich ein Witz, das ich so pathologisch neugierig bin wie die Katze aus der englischen Redewendung curiosity killed the cat (Neugier hat die Katze abgemurkst, Anm. d. Interviewers). Deshalb reicht mir nur eine tolle Idee nicht, ich will immer mehr wissen. Sogar die einfachste Idee kann Wellen von unnötigem (*lacht*) Wissen schlagen und bietet unbegrenzte Möglichkeiten für verschiedene Assoziationsketten. Das hat vielleicht viel mit meiner Lebenserfahrung und den vielen prägenden Bilder von verschiedenen soziokulturellen Mustern zu tun.

Für eine deiner Arbeiten hast du eine Vielzahl von Lupen in eine Wand gesteckt, die im Zusammenspiel ein wunderschönes Lichtspiel erzeugten. Wie entsteht so eine Arbeit? Ist es ein spontaner Geistesblitz oder gibt es bei dir Testreihen, Vorstudien, Skizzen?
Viel meiner installativen Projekte sind ortsbezogen. Mich interessiert die interventive Veränderung eines Ortes auf mehreren Ebenen, ein temporärer Ausschluss von der Realität. Oft muss ich Zeit in dem Raum verbringen, den Raum als einen „Mantel“ anziehen um mir einen unbelasteten Einblick zu ermöglichen. Dann formt sich die raue Idee, die danach langsam wächst wie ein Gewächs von intuitiven und überlegten Puzzleteilen. Dann folgt ein schrittweiser Prozess – recherchieren, Information verarbeiten, Varianten ausprobieren. Ich arbeite multimedial und jedes Medium hat selbstverständlich seine eigenen Voraussetzungen, die die Richtung und Planung beeinflussen. Für jedes Projekt entwickelt sich ein eigener Ablauf mit spezifischen Schritten und Zeitdauern. Zum Beispiel für die Installation „A Tale About An Unicorn And A Flying Corn“ hat sich mein Atelier in ein Labor verwandelt und ich habe fast ein Jahr auf das Projekt gearbeitet, hunderte von Tests durchgeführt und sehr viel gelernt. Durch das ständige Experimentieren sind auch eigene Techniken und Vorgangsweisen entstanden. Ich schließe Fehler und Scheitern aus den Prozessen nicht aus, im Gegenteil – diese öffnen oft neue Varianten zum Weiterforschen. Der Prozess selber wird mit emotionellen Anfällen gewürzt, was auch ein untrennbarer Teil ist. Manchmal brauchen einige Ideen Zeit zu reifen, manchmal werden sie in eine komplett andere Bedeutung umgesetzt. Das ist eigentlich der Kern meiner Arbeitsweise, mein Kapital, die Bausteine meiner Praktik.

Die Coronakrise wird gerade in jedem Land der Erde anders gehandhabt. Du kennst nun einige europäische Länder recht gut, ändert das deinen Blick auf diese Krise? Wie beeinflusst diese Quarantäne deine Arbeit?
Ich kann mich an einige Krisenmomente und Beschränkungen aus meiner Kindheit im sozialistischen Bulgarien immer noch gut erinnern, deshalb nehme ich vielleicht die heutige Situation mit einem Hauch Stoizismus an. Alles Schlechte hat auch sein Gutes. Ich bin persönlich von den Ausgangssperren durch drei ausgefallene Ausstellungen betroffen. Auf der positiven Seite kann ich jetzt ohne zeitlichen Drang die kommende Projekte bearbeiten – die Einzelausstellungen im KUNO Nürnberg und der Galerie Arosita in Sofia sowie die Ausstellung „Written Imagery“, die leider nicht in der staatlichen Galerie Fürth stattfinden kann, aber wenn alles gut geht im September in der Neuen Galerie Dachau. Ich habe Zeit um neue Sachen auszuprobieren, alte Sachen neu anzuschauen, etwas umzudenken, ein paar Mal zu scheitern und gut so. Außerdem gilt es einen Gigabyte-Himalaya Datenberg zu besiegen, ich habe also etwas vor. :D

Weitere Informationen zur Künstlerin (KLICK!)




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