Petra Krischke | Vom Ansehen der Tiere

FREITAG, 5. JUNI 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Malerei, #Petra Krischke

Locked in | 012 – Es ist elf Jahre her, dass das Germanische Nationalmuseum in seiner Publikationsreihe der „Kulturhistorischen Spaziergänge“ den Band „Vom Ansehen der Tiere“ veröffentlichte, dem der Beitragstitel als Vorlage gedient hat. Das liebenswerte Buch versammelt die verschiedensten Beiträge und Blickwinkel zum Thema Tier, seine mythologische und evolutionäre Gestalt, seine Rolle als Begleiter und Arbeitskraft des Menschen im Rahmen einer gutgelaunten Wissenschaft.

Dieses Buch hat eine Menge mit Petra Krischkes Werken zu tun: In ihren Bildern wimmelt es von magischen Geschöpfen, wie in der Natur selbst ist diese Magie aber nichts für zarte Gemüter. Das leuchtend schillernde Chamäleon blickt nur scheinbar freundlich in die Kamera, denn es lauert auf seine nächste Beute. Das auffällig bunt gekleidete Mädchen im Bild „Frisch vom Markt“ mit Fliegenpilz als Regenschirm kann wegen ihrer deformierten Gesichtspartie kaum noch sehen und wird von einem offensichtlich nicht zimperlichen, wenn auch wohl recht kleinformatigen Keiler bewacht, die Größe lässt sich neben dem Knollenblätterpilz recht gut erahnen. Das Bild zeigt nur vordergründig eine Märchenszene, die Geschichte dahinter ist ausgesprochen traurig und wird von Petra im Interview erläutert. Märchen waren aber nie pittoresk und niedlich, auch wenn gewissen Zeichentrickfilme uns das gerne weismachen wollen. Sie dienten im Gegenteil zur Vorbereitung auf eine harte Lebenswelt, und diesem Pfad folgt Petra mit ihren Geschichten. Der vegane Gasmaskeneisbär wird von giftigen Pilzen bestreut und einer grantigen Fledermaus beobachtet, ein Auspuffrohr verströmt giftigrote Dämpfe. Angesichts dieses erzählerischen Potentials wundert die Verbindung der Werke mit poetischen Titeln und Texten nicht. Und auch der Weg zu den mitunter dadaistischen Figurengruppen scheint logisch. Ein Delfin liegt im Strandstuhl, halb entspannt, halb zu Tode erschöpft und tätowiert. Ein Oktopus mit Irokese und sehr speziellen Tentakeln blickt uns aus großen Augen an. Die Natur liebt ihre Kinder, scheinen die Werke zu sagen. Aber es ist oft eine harte Liebe.

Im Interview erzählt Petra von ihrem Verhältnis zur Natur, der Wechselwirkung von Bild und Text und dem plötzlichen Erscheinen des Teufels.

Marian Wild: Deine Bilder sind sehr farbenfroh, die Einzelteile werden präzise, aber oft isoliert auf dem Blatt angeordnet oder als Installation in den Raum gestellt. Manchmal ergänzen Verse deine Bilder. Als was siehst du dich selbst, als Malerin, Dichterin, Grafikerin, Objektkünstlerin, oder alles zusammen?
Petra Krischke: Ja, auf den ersten Blick wirken meine Bilder bunt, heiter und fröhlich, auf den zweiten Blick trügt der Schein. Die Bilder haben oft einen gruseligen, makabren oder bösen Inhalt. Es macht mir Spaß den Betrachter zu verunsichern oder zu verwirren. Indem ich meine Motive isoliere raube ich mir die Möglichkeit Stimmung und räumliche Tiefe zu erzeugen. Es erschwert zudem die Malerei, weil ich, wie bei einem Aquarell, auf dem rohen Leinen nichts korrigieren kann. Dafür entschädigt mich der reizvolle Kontrast zwischen den leuchtenden, räumlich gemalten Motiven und der flächigen, rohen, graubraunen Leinwand. Die Figuren werden dabei vorher genau zueinander arrangiert und in Beziehung gebracht. Der Arbeitsablauf beim Malen wird vorher genau geplant. Die Texte zu meinen Bildern sehe ich nicht als Verse, sie sind vielmehr als Erklärung gedacht, wenn es zu einem Bild einen schwierigen oder politischen Inhalt gibt, wobei ich dem Betrachter sehr viel Interpretationsspielraum lasse. Ich sehe mich als Malerin, Objektkünstlerin und Performencekünstlerin, ich mache aber auch Großinstallationen, wie man schon oft bei der Blauen Nacht sehen konnte. Am Liebsten bin ich alles gleichzeitig, und entscheide mich nur wenn es sein muss, weil es immer Verzicht bedeutet sich festzulegen.

Viele deiner Arbeiten beinhalten Pflanzen- und Tiermotive, man könnte auf den ersten Blick also denken, dass du viel in der Natur unterwegs sein musst. Auf den zweiten Blick sind diese Bildteile isoliert, die Tiere wirken drapiert und verletzt, der tätowierte Delfin sitzt recht tragisch vor einer rohen Betonwand. Dein Verhältnis zur Umwelt ist also ambivalent. Vermisst du sie in der momentanen Situation mehr als sonst?
Ich bin auf dem Land aufgewachsen und die Natur ist für mich sehr wichtig. Da ich die Natur aber praktisch vor der Haustüre habe, fehlt sie mir auch jetzt nicht. Ich habe kein kompliziertes Verhältnis zur Natur, vielmehr sehe ich in den Tieren und Pflanzen oft etwas Menschliches. Ich kann damit vieles über die Menschen verschlüsselt ausdrücken. Mich fasziniert, dass oft die schönsten Tiere und Pflanzen giftig sind. Sie sehen so appetitlich aus, dass sie sich mit Gift vor dem Gefressenwerden schützen müssen, der Gegenüberstehende empfindet es so, als ob die schöne Oberfläche nur das böse Innenleben versteckt. Meistens beginne ich eine Arbeit aber nicht mit der Absicht etwas Bestimmtes auszudrücken, sondern stelle die Motive so zusammen wie es mir gefällt, erst danach interpretiere ich meine Arbeiten. Fast wie ein Traum, den man im Nachhinein deutet. Auch bei dem Delfin gibt es mehrere Möglichkeiten der Deutung. Ich wollte ihn einfach nur bemalen und dachte es wird aussehen wie eine Tätowierung. Der Gedanke gefiel mir. Der Delfin trägt klassische Gefängnistattoos, man kann jetzt denken auch Delfine im Delfinarium sind eingesperrt. Dabei bin ich gar kein strikter Gegner des Tiergartens, vielleicht mag ich nur keine vernarbte Haut. Ich möchte es dem Betrachter überlassen, was er denken möchte.

Vor zwei Jahren hast du dich mit der "Me-too-Venus" auch zu der bis heute laufenden Gleichstellungsdebatte zwischen Frau und Mann positioniert. Wie nimmst du den Kulturbetrieb aktuell in dieser Hinsicht wahr? Was hat sich seitdem verbessert, was ist noch zu tun?
Ich habe nach meinem Grafikstudium an der Fachhochschule drei Söhne erzogen, die sehr viel Aufmerksamkeit beansprucht haben. Deshalb bin ich erst mit 45 Jahren an die AdBK Nürnberg gegangen. Weil ich nach dem Malereistudium auch noch mein Diplom für Kunst und öffentlicher Raum gemacht habe, war ich bei meinem Abschluss viel zu alt um noch den Debütantenpreis oder irgendeinen anderen Förderpreis oder ein Stipendium zu bekommen. Wenn man sich in meiner Generation für Kinder entschieden hat, gab es keine Kinderbetreuung, man musste auf die Karriere verzichten. Das hat sich inzwischen sehr verbessert, hilft mir jetzt aber nicht mehr. Ohne Preise und Stipendien bekomme ich keine Ausstellungen in renommierten Häusern, da hilft auch der höchste Einsatz nicht. Auch eine Galerie investiert nicht mehr in mich, deshalb habe ich vor einem Jahr meine eigene kleine Produzentengalerie in der ehemaligen Humboldt-Apotheke eröffnet. Wenn die Auszeichnungen nicht vom Alter, sondern vom individuellen Lebenslauf abhängen würden, wäre das für Künstlerinnen ein große Hilfe.

Dein "Luzifer" hat mich ziemlich nachdenklich gemacht, ein Schimpanse mit Flügeln, der auf einem Widder reitet, im Vordergrund ein Giftpilz. So ein klassisches Motiv widerfährt einem ja vermutlich nicht aus Versehen, gibt es eine Geschichte zu dem Bild?
Hier geht es um die vermeintlich berauschende Wirkung der Fliegenpilze und dem eindringlichen Blick des Affen, der zugleich Engel und Teufel ist. Wichtigere Arbeiten sind aber für mich die beiden Bilder, die ich für die Biennale in Rumänien gemalt habe. „Frisch vom Markt“ handelt von einem zehnjährigen Mädchen, das von seinen Eltern auf dem Heiratsmarkt im Internet angeboten wurde. Die „Unwiederbringlichen“ zeigen nicht etwa Mogli und Balu im Dschungel, sondern ein misshandeltes Waisenkind und einen haarlosen Tanzbären im Urwald Transilvaniens.
Bei der Blauen Nacht 2020 hatte ich eine interaktive Performance zum Thema Umweltbelastung geplant. Es entstanden viele kritische Bilder, Objekte und Kostüme. Leider ist das halbfertige Projekt, an dem ich drei Monate gearbeitet habe, dem Coronavirus zum Opfer gefallen, wird aber dank des Einsatzes der Projektleiterin Christel Passmann nächstes Jahr gezeigt.

Weitere Informationen zur Künstlerin (KLICK!)




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