Archiv und Bibliothek

MITTWOCH, 25. FEBRUAR 2015



Kann es sein, dass der Reiz des Gegenwärtigen sich immer auch aus dem vergleichenden Blick auf und das Wissen um das Vergangene generiert? Gewissermaßen unausweichlich? So wenig wir aus Geschichte lernen, so gern schauen wir darauf zurück, was früher war, um uns das Heute besser erklären zu können und um uns in unserer Identität nicht nur wohler, sondern auch vollständiger zu fühlen. Sämtliche Museen sind dafür stellvertretend, aber auch Sammlungen, die im Privaten, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, zu Hauf existieren. Stichwort: Münze, Teddybär oder Kaffeekanne. Und ganz gleich, ob privat, oder öffentlich, die einen sind von Belang, die anderen weniger. Von unbedingt größtem Belang ist das Institut für moderne Kunst Nürnberg. In dessen Räumen, unweit des Hauptbahnhofs und im selben Gebäudekomplex wie das Neue Museum gelegen, befindet sich eine einzigartige Bibliothek mit Archiv zur Kunst ab 1945.

Es umfasst mehr als eine halbe Million Archivalien wie Ausstellungskataloge, Monographien, Zeitschriften, Sachbüchern, Audio-, Videokassetten und DVDs. Das Zentrum bilden etwa 20.000 Informationsdossiers zu nationalen und internationalen Künstlerinnen und Künstlern.

Das bedeutet: Neben herkömmlichen Publikationen beherbergt das Archiv auch Plakate, Einladungskarten, Zeitungsausschnitte, Manuskripte zu Eröffnungsreden, Korrespondenz zwischen Künstlern und Kuratoren u.v.m., die sogenannte „graue Literatur“. Alles zusammen bildet einen Schatz an Archivalien, den man sonst nirgends findet. Er ist einzigartig in Deutschland und sogar in Europa. Viele der Archivalien gehören eigentlich ins Museum, weil sie konservatorisch betreut werden müssten, wie zum Beispiel „Andy Warhol’s Index (Book)“. Von außen täuscht es ein fast normales Künstlerbuch vor. Tatsächlich umfasst es neben verfremdeten Schwarz-Weiß-Fotografien, die Warhol im Porträt und bei der Arbeit, sowie Werke von ihm zeigen, auch ein unglaubliches „Sammelsurium aus (aber-)witzigen Faltobjekten, wie etwa einer leuchtend roten Ziehharmonika, die beim Ausfalten einer Seite aufspringt, (...) einer Schallplatte an einem Faden (als Herausfall-Objekt gedacht) oder einem riesigen Ritterschloss, das sich beim Blättern aufklappt“, so beschrieben von Institutsmitarbeiterin Anke Schlecht.

Mich persönlich fasziniert besonders das Eintauchen in ein Künstlerdossier, bei dem man zum Beispiel erfahren kann, wie dessen Ausstellung vor 20 Jahren besprochen wurde und wie ein Artikel heute ausfällt. Da liegen meist Welten dazwischen. Man kann aber auch allgemeinen Entwicklungen des Kunstbetriebs nachspüren. Es lässt sich nachvollziehen, wie Themen in der Kunst kommen und gehen, wie sich die Wahrnehmung von zeitgenössischer Kunst ändert, oder wie sich das grafische Erscheinungsbild und somit die Topoi für eine jeweils als aktuell erachtete Selbstdarstellung einer ganzen Branche über die Jahre wandeln. Somit erhält man auch Einblick in generelle gesellschaftliche Veränderungen. Und natürlich ist man als Besucher des Archivs stets auf dem aktuellen Stand der neuesten Entwicklungen und Trends im Bereich der zeitgenössischen Kunst. In seiner Gesamtheit ist das 1967 gegründete Institut mit seinem Archiv eine „einzigartige Forschungsbibliothek zur zeitgenössischen Kunst“ und darüber hinaus ein Informations- und Dokumentationszentrum. Täglich kommen aktuelle Materialien hinzu. Kontinuierlich werden von den Mitarbeitern rund 50 deutschsprachige Kunstzeitschriften sowie einschlägige Tages- und Wochenpresse ausgewertet. Hier liegt auch der Unterschied zu einer normalen Bibliothek.

Das Institutsarchiv ist zugleich eine Präsenzbibliothek, für jeden zugänglich. 1.200 laufende Meter stehen bereit, auch zu Kunstschaffenden, die vor Ort, bzw. aus der Region sind. Das Schöne am Institut für moderne Kunst ist, dass es auch nach außen wirkt.

Seine Arbeit fußt auf drei Säulen: 1. Bewahren, dokumentieren, sammeln, 2. Publizieren, 3. Ausstellen. Regelmäßig gibt das Institut Publikationen heraus zu Künstlern des Archivs. Und mit den Ausstellungen mit zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern von nah und fern, die regelmäßig im Atelier- und Galeriehaus Defet und im Studio des zumikon stattfinden, tritt die Kunst quasi aus den Buchdeckeln in den Raum. Vom bekannten Nürnberger Künstler Harri Schemm (*1958) etwa gibt es derzeit ein gut bestücktes Dossier im Archiv - immerhin ist er seit über 20 Jahren als Künstler aktiv und unverzichtbar für die Kunstszene. Das Institut lud ihn bereits zu einigen Ausstellungen ein, und in diesem Jahr erscheint eine Monographie, die in enger Zusammenarbeit entwickelt wird.

Die Bibliothek des Institutsarchivs bietet sich für jedes Gemüt an. Wer lieber gezielte Forschungen anstellt, ist hier ebenso gut aufgehoben, wie jemand, der gern vom Hölzchen auf’s Stöckchen kommt. Am Ende eines Besuchs kann sich neben dem Zuwachs an Klugheit auch Erleuchtung und ein wenig Ehrfurcht einstellen. Ich bin immer voller Freude und würde mich am liebsten zwischen den Regalen häuslich einrichten. Wohnen in einem kollektiven Kunstgedächtnis – eine wunderbare Vorstellung.

Text: Natalie de Light
Fotos: Felix Jäger



Aktuelle Ausstellungen des Instituts jeweils bis 21. März:
Helgi Thorgils Fridjónsson: Stækkunargler á Nálarauga /
Mit einer Lupe durch ein Nadelöhr blicken
Atelier- und Galeriehaus Defet. Gustav-Adolf-Straße 33, Nürnberg.
Constantin Luser: Spatial Drawing 2
Im Studio des zumikon, Großweidenmühlstr. 21, Nürnberg.

Jeweils: Mittwoch bis Freitag 14-18 Uhr, Samstag 11-15 Uhr u.n.V.
moderne-kunst.org



INSTITUT FÜR MODERNE KUNST NÜRNBERG
Archiv / Bibliothek.
Luitpoldstraße 5, Nürnberg.
Di. 10-16, Do. 10-19, Fr. 10-16 Uhr, Montag und Mittwoch geschlossen.
Tel.: 0911 240 21 16, Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, du musst Javascript aktivieren, damit du sie sehen kannst


 




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