Utensilien aus unserer Privatsphäre: Bergmann/Zitta

23. OKTOBER 2014 - 8. MäRZ 2015, KUNSTVILLA

#Ausstellung, #Kolumne, #Kunst, #Kunstvilla, #Natalie de Ligt

Mit hochglanzpolierten Dingen, die schon von weitem nach industrieller Fertigung aussehen, haben die beiden Künstler Reiner Bergmann und Reiner Zitta nichts am Hut. Vielmehr arbeiten sie mit dem, was der Normalkonsumierer entweder ausrangiert, wegwirft oder gar nicht erst beachtet.

Ein aktuelles Werk von Reiner Bergmann besteht aus einem Glaskasten (ca. 30 x 60 x 30 cm), in den er fünf Jahre lang die Beutel seines Staubsaugers entleert hat und das nun den ehrenvollen Titel „Komprimierter Nachlass“ trägt. Auch Reiner Zitta zeigt Werke aus Gegenständen, die unser einer eher in den Müll gibt, wie zum Beispiel alte Fischkonserven. Zitta sammelt sie, und jetzt räkelt sich darin ein aus Alufolie geformtes nacktes Engelsgeschöpf, das mit rosafarbenem Wachs überzogen ist. Das ist Trash, Poesie und Passion in einem. Bergmann und Zitta reagieren auf Dinge, die meist am Ende ihrer Verwertungskette angelangt sind. Sie entreißen sie nicht nur dieser Kette, sondern sie entheben sie dieser und überführen sie in einen neuen Kreislauf, in dem sie um ihrer selbst Willen Bedeutung erlangen. Zu den bevorzugten Materialien gehören unter anderem ausgediente Türen und Fenster, Hölzer, Lampen, Elektroteile, Konserven, Alufolie, Wachs, Dachpappe, Draht, Steine, Stöcke, Schaumstoff, Obstschalen, Rinden, Plastikflaschen, Verpackungen aller Art u.v.m. All dies wird als künstlerisches Material eingesetzt und in künstlerisches Potenzial umgedeutet. Bergmann und Zitta gelangen meist über den Weg des Findens und nicht des Suchens zu ihren Werkzutaten, aus denen jeder auf seine Weise und mit unterschiedlichen Setzungen in Bezug auf Inhalt und Ästhetik eine Bildwelt entstehen lässt, die sich vor den Augen der Betrachter als ein künstlerisches Universum darbietet, bei dem es detailreich zugeht und in das man wunderbar eintauchen kann. Während Zitta gerne auf Fundstücke aus der Natur, Verpackungsabfall oder auch Schaumstoff zurückgreift, und er in einzelne Objekte oder Installationen meist viele unterschiedliche Materialien, Gegenstände und Objekte einwebt und diese so zum mäandern bringt, findet man bei Bergmann durchaus eine klarere Formensprache, bisweilen konzeptionelle Ansätze und verstärkt den Aspekt des Recyclings, wie etwa bei den zu Leuchtobjekten umgewidmeten farbigen Plastikflaschen, die nun kostbar und ästhetisch wertvoll erscheinen. Bei beiden schwingt ein humorvoll-gelassener und sanft-ironischer Seitenblick auf den Kunstbetrieb mit. Ihre Haltung und ihr Selbstverständnis als Künstler haben sie ohnehin nie aus einer Bezugnahme zum Kunstbetrieb geschöpft. Vielmehr leben sie ein ihrem Umfeld zugewandtes, offenporiges Solidarprinzip, das fließende Übergänge zwischen künstlerischem Schaffen, Leben und Alltag aufweist und wodurch sie jeweils auf eigene Weise ein alternatives Gesellschaftsmodell generieren. Beide sind als gereifte und zugleich experimentierfreudige Solitäre zu bezeichnen.

Der Kunstvilla tut es gut, in ihrer ersten Sonderausstellung, für die das Dachgeschoss vorgesehen ist, zwei in der Region bekannte, hochgeschätzte und äußerst aktive Künstler dieses Kalibers zu zeigen. Es ist großartig. Es ist aber auch eine Herausforderung wegen der formalen und inhaltlichen Parallelen. Gute Kenntnisse des jeweiligen Werkes und kuratorische Kompetenz sind erforderlich. Der Ausstellung fehlt leider beides. In jedem Raum begegnen sich Bergmanns und Zittas Arbeiten – bisweilen so, dass sie sich gegenseitig die Aufmerksamkeit nehmen. Die Präsentation haut mengenmäßig weder auf die Pauke, noch setzt sie alternativ auf die minimalistische Variante, die das Einzelwerk hervorhebt. In ihrer Unentschiedenheit ist sie irgendwo dazwischen. Schade auch, dass bei dem Aufwand, der für den ausstellungsbegleitenden Katalog und das Vermittlungsangebot betrieben wurde, auf so etwas Wesentliches wie einen Besuchertext in der Ausstellung verzichtet wird.

Sei’s drum: Ein Besuch der Ausstellung der beiden Reiners mit ihrem beachtlichen Werk ist ein Muss und bis 8. März möglich.


KUNSTVILLA.
Blumenstraße 17, Nbg.
Di, Do-So 10-18, Mi 10-20 Uhr.
kunstvilla.org




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#Ausstellung, #Kolumne, #Kunst, #Kunstvilla, #Natalie de Ligt

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