Lidia und Natanael Csapai hatten schon vor Corona zu kämpfen, um sich und ihre beiden kleinen Kinder, den knapp dreijährigen Efraim Natanael und die sieben Monate alte Damaris Luisa, Monat für Monat über die Runden zu bringen. Jetzt kommen zu all den finanziellen Sorgen die Ängste um die Gesundheit der Familie dazu. Lidia berichtet:  „Wir sind sehr besorgt. Ich vermeide es, überhaupt rauszugehen. Ich mache meistens die Fenster auf, damit die Kinder frische Luft bekommen. Natanael hat einen Putzjob und nicht viel verdient. Jetzt bekommt er wegen Kurzarbeit noch viel weniger. Wir sind vor gut zehn Jahren aus Rumänien gekommen, um nicht immerzu in Armut zu leben. Es ist auch hier nicht einfach. Wir zahlen für eine winzige Wohnung 600 Euro Miete und haben Angst, wie es weitergehen kann. Wir müssen alles, was wir benötigen, über den Straßenkreuzer-Verkauf verdienen. Essen und vor allem Anschaffungen für die Kinder. Jetzt fehlt uns das Geld und auch der Kontakt zu den Kundinnen und Kunden. Wir vertrauen auf Gott, dass es bald wieder besser wird.“ / Foto: Anika Maaß
„Ich stricke gerade mehrere Socken für gute Kundinnen. Wenn ich damit fertig bin, dann kann ich gerne weitere Socken stricken. Da brauche ich die Größe bitte. Eigentlich nehme ich kein Geld, weil ich das ja nur für gute Kunden und Kundinnen mache. Aber das ist jetzt schon sehr nett.“ Resmiye Sarigül verkauft den Straßenkreuzer seit 1997. Viele Menschen kennen sie als „die Frau, die beim Karstadt Eingang Königstraße steht“. Die 68-jährige Türkin hat vier Kinder geboren und allein großgezogen. Als zehnjähriges Mädchen hatte Reymiye in Izmir von einer Tante Häkeln gelernt. Kurz darauf hatte sie die ersten Hausschuhe fertig. Bis heute sind die feinen Fußwärmer ihre Spezialität. / Foto: Daniele Riesner
Sami Karatas, geboren in Westanatolien, kam 1979 nach Deutschland. Seit 2014 verkauft er den Straßenkreuzer: „Ich bin gesund und wünsche das auch allen anderen. Ehrlich gesagt habe ich schon ein wenig Angst und ich hoffe, dass die Sperre in zwei Wochen vorbei ist. Wir können jetzt keinen Straßenkreuzer verkaufen. Das ist hart. Aber ich habe zumindest ein Zuhause. Viel schlimmer ist es für Obdachlose. Die wissen am wenigsten wo sie hingehen können und wo sie sicher sind.“ / Foto @instaklickklack / www.strassenkreuzer.info
Waldemar Graser hat - wie einige andere - noch ein paar Hefte und will verkaufen, so lange es geht. Seine Eindrücke heute Nachmittag: „Es ist gespenstisch hier, auf dem Zwischendeck im U-Bahnhof Weißer Turm. Wo sonst tagsüber tausende rechts von der U-Bahn in die Stadt strömen und Tausende von links auf die U-Bahnsteige strömen - jetzt laufen alle zehn Minuten eine handvoll Menschen an mir vorbei. Vor mir der tote C&A, hinter mir der tote Wöhrl, neben mir der halbtote Zeitungskiosk. Ich komme mir vor, als würde ich meinen Verkaufsplatz auf dem Südfriedhof haben. Halt, eine Kundin! Sie kauft ein Heft und gibt mir 2,50€. Die erste Verkaufshandlung seit zwei Stunden. Ohne eine Spur von japanoider Firmentreue ist dieser Arbeitstag nicht durchzuhalten. Immerhin: Ich habe heute bis jetzt 1,40€ verdient. Vielleicht werden’s ja mehr.“ / www.strassenkreuzer.info
Klaus Billmeyer ist Stadtführer, Verkäufer und Mitarbeiter beim Pfandprojekt des Straßenkreuzers. / www.strassenkreuzer.info