Die Welt der geschlechtergerechten Sprache

DONNERSTAG, 3. DEZEMBER 2015

#Kolumne, #Kritik, #Natalie de Ligt

Im Zusammenhang mit der Ankündigung der Ausstellung "Im Gleichgewicht" von Karin Blum und Meide Büdel stolperte ich über eine offensichtlich nach Geschlechtergerechtigkeit strebende Formulierung im Pressetext, die mich irritiert und zugleich fasziniert: „Als Bildhauerin gehört [Meide Büdel] zu den renommiertesten Nürnberger Künstlerinnen und Künstlern im Bereich ‚Kunst im öffentlichen Raum’“.

Das lässt im ersten Moment an eine vermeintliche Zweigeschlechtlichkeit der Künstlerin denken, was aber eher unwahrscheinlich ist und ohnehin anders hätte ausgedrückt werden müssen, wenn es denn überhaupt Thema wäre. Folgt man der Logik, die der Formulierung zugrunde liegt, müsste es künftig bei den männlichen Kollegen heißen Peter Mustermann gehört zu den bekanntesten Künstlerinnen und Künstlern im Bereich Malerei. Ob ihm das gefallen würde? Abgesehen davon gibt es ja auch die Formulierung Peter Mustermann ist einer der bekanntesten Künstler... und Künstlerinnen? Dann wäre die Zweigeschlechtlichkeit (sprachlich) perfekt. Aber Herr Mustermann ist eindeutig ein Mann, und er wünscht sich, dass dieser Satz über seine Bekanntheit einmal in der Presse zu lesen ist, ohne dass man dabei an sein Geschlecht denkt. Doch die Sprache will und soll umfassend gerecht sein: geschlechtergerecht und auch ein bisschen selbstgerecht. Peter Mustermann kann deshalb leider nicht mehr einer der bekanntesten Künstler sein. Aber, und das wäre die Lösung, er kann der Bekannteste sein unter jenen, die Kunst machen. Prägnanter gesagt: Peter Mustermann ist einer der bekanntesten Kunstschaffenden. Oder doch nicht?!

Leider begibt man sich auch hier auf vermintes Sprachgebiet, denn der Begriff Kunstschaffende impliziert das Tätigsein in der Gegenwart und schließt somit die Verstorbenen aus. Die können sich zwar nicht mehr beschweren, aber die Nachfahren – und Nachfahrerinnen ... hä? Um die Toten einzuschließen könnte allenthalben von Kunstschaffenden und Kunstschufenden die Rede sein. Kunstschufende dürfte gerade noch als politisch korrekt durchgehen, ist aber ein sprachlicher Unsinn. Und was ist überhaupt mit der sprachlichen Berücksichtigung von zweigeschlechtlichen und intersexuellen Menschen. In der offiziellen Sternchenvariante ist im Singular von d* Künstl*er*in die Rede. Aber wie soll das eigentlich ausgesprochen werden? Da empfiehlt sich dann doch die Unterstrichversion die_der Künstl_er_in. So oder so: Das Dilemma bleibt bestehen, entweder ist es geschlechtlich oder existenziell. Es bleibt die Aufgabe vom Ausbalancieren zwischen politischer Korrektheit, sprachlicher Sinnhaftigkeit und Vermeidung von Verhunzung. Manchmal ist das alles nicht unter einen Hut zu bringen. Eines steht fest: eine eventuell vollumfängliche Akzeptanz und Anwendung einer geschlechtergerechten Sprache wird eher eintreten als die an sie geknüpfte Forderung nach einer tatsächlichen Gleichbehandlung von Mann und Frau. Umgekehrt wäre es natürlich schöner. Dann würde auch mir die eine oder andere Verunstaltung viel leichter über die Lippen gehen.

Zurückkommend auf Meide Büdel wäre folgende Alternative denkbar: Unter den Nürnberger Künstlerinnen und Künstlern ist sie eine der renommiertesten. So tritt nicht nur die Berufsgruppe und die Zugehörigkeit von Meide Büdel zu dieser deutlich hervor, sondern auch die Tatsache, dass die Künstlerin aus der Gruppe herausragt.
Es gibt viel zu tun. Wir schaffen das.

Natalie de Ligt




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