Selbstoptimierung - quo vadis?

25. SEPTEMBER 2015 - 15. JANUAR 2016, BüHLERS

#Ausstellung, #Bühlers, #Kolumne, #Kunst, #Natalie de Ligt

Stefan Panhans’ (*1967) Videoarbeiten sind aufwändig produziert und zeugen von Detailbesessenheit. Sie vermitteln ein präzises Bild bestimmter Zeitphänomene und parodieren sie zugleich. Seine filmischen Werke, die im Grunde ohne Narration auskommen, ersetzen mindestens vier Semester Soziologiestudium und sie sind dabei noch unterhaltsam, wenn auch auf eine etwas verstörende Art. Denn der thematische rote Faden, der das Werk von Stefan Panhans durchzieht, handelt vom heutigen Menschen in der heutigen Gesellschaft, für den das stete Arbeiten an der Selbstoptimierung zur Obsession und gleichsam zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Der Künstler lässt seine Protagonisten die dafür erforderlichen Anstrengungen durchspielen. Ein wesentliches Merkmal sind hierbei die oft monologisch aufgesagten Texte. Die Betrachter werden so Zeugen eines bildhaften und sprachlichen Abstrampelns, das in seiner bewussten Überzeichnung auch die absurde Seite des Unterfangens zutage fördert.
 

Im Bühlers in Fürth zeigt der Künstler derzeit seine sehr sehenswerte Schau mit drei Videoarbeiten und einer Auswahl aus seinem fotografischen Werk „Items for Possible Video Sets“ (seit 2009). Sein jüngstes Video „The best ones make you feel as fearless as Beyoncé“ von 2015, ca. 15 Minuten, das auch der Ausstellung den Titel gibt, führt uns ins Innere eines Autos. Es braucht eine Weile, bis man das Filmset begreift. Denn der eigentliche Protagonist, den man nie zu Gesicht und irgendwie auch nicht zu fassen bekommt, ist zugleich der Kameramann, ausgestattet mit einer Helmkamera. Die Betrachter nehmen folglich exakt die Perspektive des Protagonisten ein – so wie man das von Rennfahrern oder Fallschirmspringern kennt. Allerdings lässt unser Protagonist die Betrachter nicht an einer tollen sportlichen Aktivität teilhaben, sondern ausschließlich an seiner eigenen Person. Während er unaufhörlich durch den klaustrophobisch engen und mit allerlei Krams vollgestopften Innenraum des Autos robbt, als würde er etwas suchen, gibt er, oftmals nach Luft schnappend, ebenso unaufhörlich Auskunft über das, was ihn brennend beschäftigt. Und das hat mit der dringendst erforderlichen Optimierung seiner Lebenssituation zu tun. Als Lösung, welche die entscheidende Wende zu einer verbesserten „Prozessor Energie“ und „Performance“ bringen kann, rät er sich, sich zu verlieben. Oder: Einfach mal in die Natur, weit weg von allem! Aber auch gesündere Ernährung oder eine neue Frisur könnten hilfreich sein auf dem anstrengenden Weg hin zu einem vollwertigen Individuum, das dazu gehört – zu wem oder welcher Gruppe auch immer – und sich doch auch als besonders individuell abhebt. Die hermetische Abgeschlossenheit des Autos, in dem es vor Sportutensilien, Wäsche, Ersatzteilen aller Art, bunten Pillen und Kristallsteinen nur so wimmelt, wird zum Sinnbild der Selbstumkreisung, aus der es für unseren Protagonisten kein Entrinnen gibt. Die Sportklamotten entbehren hier drinnen jeder Sinnhaftigkeit. Seine Worte werden zu Mantras, die ihn in seiner Selbstbezüglichkeit gefangen halten. In dem vollgestopften Auto geht der Blick für das Wesentliche und über den Tellerrand verloren. Das Auto als Symbol für Beweglichkeit und Unabhängigkeit ist zur Farce geworden. Und unser Protagonist zu einer absurden und grotesken Figur, die sich selbst behandelt wie einen Aktienfond, dessen Portfolio man mit ein paar Maßnahmen aufpeppen kann.

Wie fast alle Filme von Stefan Panhans ist auch „The best ones make you feel as fearless as Beyoncé“ ohne Schnitt in einem Rutsch gedreht, in diesem Fall als Plansequenz. Die dadurch gesteigerte Atemlosigkeit erweist sich nicht nur als ein rein filmisches Mittel, sondern auch als ein inhaltliches, weil sie auf real herrschende Bedingungen anspielt.

Ein Besuch der Ausstellung ist auch wegen der un-gewöhnlichen Galerieräume zu empfehlen. Statt einer White Cube-Situation erwartet die Besucher die Bell-etage einer Gründerzeitvilla, der der morbide Charme und das Herrschaftliche eines venezianischen Palastes innewohnen. Die Videoarbeiten und die Fotografien von Stefan Panhans bilden in dieser Kulisse einen besonderen Kontrast.
 
Bis 15. Januar 2016

BÜHLERS.
Königswarterstraße 22, Fürth.
Mi-Fr 11-15 Uhr u.n.V.,
An Feiertagen geschlossen. In Schulferien auf Anfrage.  
buehlers-fuerth.de

 




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