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3. DEZEMBER 2015 - 21. FEBRUAR 2016, KUNSTHALLE

#Ausstellung, #Kolumne, #Kunst, #Kunsthalle, #Natalie de Ligt

Die Ausstellung „Homebase. Das Interieur in der Gegenwartskunst“ in der Kunsthalle Nürnberg. Bei einer thematischen Gruppenausstellung besteht ja schnell und leider zu oft die Gefahr, dass die Werke trotz bester kuratorischer Absicht als Bebilderung des Themas herhalten müssen und auf einen einzigen inhaltlichen Aspekt reduziert werden. Dass es auch anders geht, zeigt die aktuelle Schau „Homebase“ in der Kunsthalle.

Hier stehen die Werke im Zentrum. Sie umkreisen auf unterschiedliche Weise das Thema und werden dank Auswahl und Inszenierung dennoch nicht auf dieses beschränkt. Die Kuratorin Harriet Zilch (Kunsthalle Nürnberg) und Ludwig Seyfarth (u.a. Kurator für die KAI 10 / Arthena Foundation Düsseldorf) schöpfen bezüglich dessen, was das Interieur in der Gegenwartskunst zu bieten hat, aus dem Vollen. Anhand der hier versammelten 14 Positionen verdeutlichen sie auch die mediale Spannbreite, mit der sich Künstlerinnen und Künstler heute dieser traditionsreichen Bildgattung nähern. Sie reicht vom klassischen Gemälde bis hin zur „totalen“ Rauminstallation. Das Interieur wird in den verschiedenen Medien nicht nur abgebildet, dokumentiert, nachempfunden oder erfunden, sondern auch, gleich einem temporären Parasit, als Raum im Raum inszeniert. Ganz gleich, ob die Künstler den privat-intimen Raum oder den öffentlichen Raum aufgreifen, ob sie dokumentarisch vorgehen oder Phantasieräume entwerfen, dem Betrachter bietet sich meistens ein Blick in einen wie eben erst geöffneten Bereich. Man wird zwangsläufig zum Voyeur, der beim Betrachten der Bilder und Objekte, oder beim Durchschreiten der Räume, in einen Zwiespalt gerät, weil das für den öffentlichen Blick Freigegebene gleichzeitig Momente von Intimität beherbergt. Franz Burkhardt etwa verwandelt mit „3 Zimmer, Küche, Diele, Bad“ (2015) den ersten Saal in einen täuschend echten, reichlich in die Jahre gekommene Hausflur, der in schummriges Licht getaucht und von wenig einladender Atmosphäre ist. In die Neugier, ihn zu erkunden, mischt sich unweigerlich der Drang, rasch wieder herauszukommen. Der nächste Saal ist hingegen sofort als Kunstausstellungsraum erkennbar. Fotografien und Zeichnungen an den Wänden, Installationen und Objekte im Raum. Dann folgen aber wieder zwei vollkommen veränderte Räume, die die Wahrnehmung in Habachtstellung versetzen und die man keinesfalls von einer Position erfassen kann. Andreas Schulze verwandelt Saal 3 in ein malerisch-plastisches Environment, oder besser in eine eigentümlich-surreale Wohnwelt, die in ihrem Zusammenspiel von Gemälden, Objekten, Wand- und Bodenmalerei zur Satire auf auswuchshafte Vorstellungen von häuslicher Idylle wird. Bei Zilla Leutenegger geht es hingegen stiller und auch intimer zu. Die Arbeit „FLAT“ (2015) ist eine labyrinthische Paraventinstallation mit Tür- und Fensteröffnungen. Im Inneren findet sich die Projektion einer Zeichenanimation: Eine Frau, tief versunken in ein Buch, wippt auf einem Schaukelstuhl hin und her. Das Interieur erscheint hier nicht nur als Rückzugsort und Ort der Konzentration, sondern als Metapher für Kontemplation schlechthin.
 
Dass es von solchen Totalinstallationen gleich eine Handvoll in der Ausstellung gibt, bei denen der Besucher in eine rundum eigene Welt gesogen wird, macht sie gewissermaßen zu einem Erlebnis. Und es ist eine schöne Herausforderung, seine Wahrnehmung vom unmittelbaren Erleben, z.B. vom besagten, scheinbar echten Hausflur wieder auf ein mehr kognitives Rezipieren umzustellen. Will heißen, alle Positionen in der Schau lohnen der aufmerksamen Beschäftigung. Mit dabei sind auch Laurenz Berges, Francisca Gómez, Patricia Lambertus, Marjetica Potrc, Jörg Sasse, Gregor Schneider, Marcus Schwier, Taryn Simon, Erik Steinbrecher, Susa Templin und Claudia Wieser.

Die Schau und der ebenso hervorragende Katalog entstanden in Kooperation mit der KAI 10 / Arthena Foundation in Düsseldorf.

Text: Natalie de ligt


Bis 21. Februar
KUNSTHALLE NÜRNBERG
Lorenzer Str. 32, Nbg.
Di–So 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr.
kunsthalle.nuernberg.de


 




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