Peter Pillers Belegkontrolle

13. JUNI 2015 - 16. AUGUST 2015, KUNSTHALLE

#Ausstellung, #Kolumne, #Kunst, #Natalie de Ligt

Was gibt es Langweiligeres zum Anschauen als Fotos aus Lokalzeitungen: formales und ästhetisches Blabla! Seit Mitte der 1990er Jahre sammelt Peter Piller genau solche, lediglich im Lokalen verorteten Dokumentar- und Gebrauchsfotografien. Und er schaut sie sich sehr lange und genau an, immer und immer wieder. Er ergründet, „wie man sie verstehen und wie man sie missverstehen kann“. Hierbei interessiert ihn vor allem Letzteres. Und aus diesem Missverstehen generiert Peter Piller seine Kunst.

Im Wesentlichen geht es hierbei um das Schauen und so dann im Aufspüren von zunächst verborgenen Bildsprachen, Mustern und narrativen Konzepten, nach denen sich die Bilder ordnen lassen. Bei der Ordnung wendet Piller unterschiedliche Kriterien an, wie zum Beispiel Gestaltungsmerkmale, motivische oder thematische Parallelen. In der Zusammenführung von Fotos, die eine zuvor unentdeckte Übereinstimmung aufweisen, platzt dann in den meisten Fällen die Blase der Skurrilität, von der man vorher nicht wusste, dass sie überhaupt gefüllt war. Eine Gruppe von Fotos ist etwa dem Thema „Auto berühren“ gewidmet und zeigt Menschen, die ihre Hand auf ein Auto legen. Die Fotos verdeutlichen zugleich, dass das Handauflegen ein Automatismus ist, der bei jedem Mensch reflexartig ausgelöst wird, sobald er neben einem Gefährt steht, mit dem er fotografiert werden soll. Durch das Ordnen des Künstlers entstehen Themen, die zuvor nicht existierten. Nun sind sie sichtbar und real und oft sehr lustig. Eine andere Serie heißt „Regionales Leuchten“ und zeigt Gruppenfotos mit Menschen in Uniformen, die funkeln wie die Weihnachtsbäume, weil der Kamerablitz die an den Uniformen applizierten Reflektoren zum Leuchten bringt. In der Serie „In Löcher blicken“ sieht man meist Männer, manchmal auch Frauen, in alltags- und bürotauglicher Kleidung um ein Loch herumstehen und wie hypnotisiert in dieses hinein blicken. Dabei handelt es sich nur um eine Kanalöffnung, ein gemeines Erdloch oder ähnlich Belangloses.

Wenn aber im Belanglosen oder (gestalterisch) Absichtslosen auf einmal Muster zu erkennen sind, die ungewollt auf etwas hinweisen, das jenseits des Bildgegenstands und des eigentlichen Bildanlasses aufscheint, dann beginnt eine neue Erzählung, dann gibt es neue Erkenntnisse. Im Falle von Peter Piller sind es Erkenntnisse über das Schauen, die Wahrnehmung, den Humor, die Skurrilität und die Wiederholung als Lebens- und Alltagsanker. Mir verschaffen die Fotografien, die Peter Piller archiviert, sortiert, zusammenstellt oder auch selbst aufnimmt die schöne Vergewisserung, dass wir in unserer unfreiwilligen Komik und Absurdität normal sind, oder anders, dass wir viel lustiger sind, als wir uns zugestehen wollen. In der Arbeit des Künstlers und mithin in seinem Werk steckt noch etwas anderes: Die Aufmerksamkeit gegenüber dem auf eine bestimmte Art Absichts- und Anspruchslosen, das Schauen, wo es vermeintlich nichts zu Erblicken gibt, die Zeit des Schauens, die verstreicht, um etwas entdecken zu können, dass nicht um einer Erkenntnis willen existiert, die Haltung des Künstlers, die dahinter steht, all das gewinnt vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in der sich das Individuum neben allen Vorzügen unserer Zeit zunehmend auf den bloßen Leistungserbringer reduzieren lässt, eine enorme und wachsende Relevanz. Peter Pillers Werk entwickelt sich in diesem Sinn stetig weiter, ohne dass es einer formalen Entwicklung bedarf.

Text: Natalie de Ligt

PETER PILLER
Jahrgang 1968, lebt in Hamburg und hat eine Professur für Fotografie im Feld zeitgenössischer Kunst an der HfG Leipzig.
Zur Austellung erscheint eine Publikation mit Beiträgen von zwölf Autorinnen und Autoren.

Die Ausstellung „Belegkontrolle“ vom 13. Juni bis 16. August in der Kunsthalle Nürnberg gibt einen umfassenden Überblick über das vor allem aus gefundenen, aber auch aus eigenen Fotografien bestehende Werk des Künstlers Peter Piller. Eröffnung: Freitag, 12. Juni, 20 Uhr.

KUNSTHALLE NÜRNBERG
Lorenzer Straße 32, Nürnberg.
Di-So 10-18 Uhr, Mi 10-20 Uhr
kunsthalle.nuernberg.de




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