So war: Egersdörfer und Artverwandte #8

FREITAG, 17. OKTOBER 2014

#Bird Berlin, #Comedy, #Egersdörfer, #Natalie de Ligt

Wohlgefeilte Nörgelei oder einfach nur Honig um des Meisters Mund? Theo Fuchs sah Matthias Egersdörfer und dessen letzte Ausgabe seiner Show "Egersdörfer und Artverwandte" – und hat einiges dazu zu sagen!

Sprach das Reh, ich bin stumm

Wieder heißt es für den Kritiker, dem zu kritisierenden dienstäglichen Auflauf der Artverwandten  nachzuschmecken, die einmarschierten dorten oben auf der großen Bühne im Komm, das da steht in Nürnberg, gleich gegenüber vom Taxistand am Hauptbahnhof.

Der erste Seniorenchor (1. SCN) Nürnberg bumste pünktlich um halb acht an die Tür, als ahnten die älteren Damen und Herren, dass der Saal voll werden würde. Was er folgerichtig auch wurde. Das Durchschnittsalter war dementsprechend erhöht und ließ den einen oder anderen spekulieren, ob dies am Tatort-Auftritt des Meisters M. Claus F. Egersdörfer läge. Freilich Unsinn, weil der oberste Spurensucher ja noch gar nicht ins Fernseh hinausgefunkt worden ist.

Andererseits des Chores Gesang ein hoch-, nein: höchstschöner war. Ein heimeliges Oma-Gefühl ergriff Besitz von mir, Geborgenheit und unbedingte Liebe segelten vom Himmel, wie heißer Kakao und eine selbst gestrickte Pommelmütze – nur mal zweiunddreißig. Dazu acht oder neun Opas im zweiten Glied, da passte alles. Sogar E., der größte Entertainer und Conferencier aller Zeiten dazu, wie er hinterm Vorhang hervor bollerte, gutest gelaunt, gleichsam eine rot-schwarze Harmoniekugel. Die, ohne größere Umschweife zu machen, das Treppchen herunter hoppelte, die Frau mit den Hosenträgern mittig in ein zivilisiertes Gespräch verwickelte, ein bisschen an den linken Rand des Publikums bemmste und dem rechten nicht einmal seine prächtige Kehrseite zeigte.

Sondern gleich den Raum dem Moll überließ, welcher Philipp Balthasar geheißene dann zwei zwirbelzarte Textbriketts von der Kanzel perlen ließ, dass im ganzen Saale wie im weiten Erdenrunde kein Nano-Fusel des Zweifels mehr verblieb, wer hier begriffen hat, an welcher Seite der Pfanne der Henkel absteht. „Parasakral und dyptichontisch“ ging P.B.M., der Äußere, ans Werk, sprach in bezaubernd geschnitzten Sentenzen zu Klimawandelung, Kirchweih-Exkorporaten und Albrecht von Mausgesees. Die grünen Schuhe, welche er, dies sei am Rande bemerkt, derweil trug, verdienten sich gleichfalls längstens nicht enden wollende Lobgesänge, scheinen sie doch die Qualität zu besitzen, nie altern noch auseinander fallen zu müssen. Zumindest nicht innerhalb der letzten 20 Jahre, heißt: so lange wie ich sie schon kenne. 

Allein, weiter muss es gehen, muss das Rad sich drehen, denn in ganz wenigen Tagen dräut eine weitere Sternstunde der Stadt und dem Erdkreis, das geistige Kind einer innigen Vereinigung zweier Heroen der Bühne, eine Liebesfrucht mit dem schönen Namen „Erlösung“, zur Schau geboten von den Eltern Matthias E. und Martin P., dem österreichischen Puntigam. Während die  Vorpremiere noch ein, zwei Tage sich zieren wird – wobei mit nichts anderem als kolossalem Erfolg zu rechnen ist -, lüpften die Mimen hier und da den Vorhang vorab und siehe: jene Kostproben waren nicht nur gut, sondern spitze.

Um Captain Ahab ging es im Egersdörfer'schen Monolog, um goldene Dublonen, die an die Rückseite von Kopierapparaten und Kühlschränken genagelt sind, um Masturbation anstelle von Revolution, bis dass auch noch das letzte Lied abgeklungen sei. Plus ein Sketch, in ganz klassischer Sketchmanier, mit Puntigam als Flirtberater und dem Egersdörfer als der Beischlaf-Anbahnungs-Volltrottel, was letzten Endes ein großartiger Anlass war, um im 5-Sekunden-Rhythmus das Wort „Ficken“ hinaus zu brüllen zu können, ohne den Zusammenhang zu verlieren. Meiner Meinung nach eine geradezu grotesk ideale Verbindung – Egersdörfer und Puntigam zuzeln sich gegenseitig den besten Saft aus den Schädeln, sehr zu Pläsier und Erleuchtung aller Augen- und Ohrenzeugnis ablegenden Wesen, der großen wie der kleinen.

Puntigam an sich – man hat das Gefühl, der Mann habe insgeheim geübt, was er da macht. Ein Österreicher, wie er im Bilderbuch des Bildungsbürgertums steht. Einer, der lustvoll ausspricht, was man nicht wirklich hören will, einer, der Kinderverkehrssicherheit und Kokain, süße Delphine und Dildos in einen Atemzug packt. Er spielt, als müsse er sich überhaupt nicht verstellen, er zappelt und schnieft wie unter Dampf, ein Lockenkopf, der aus glasblauen Knopfaugen starrt wie ein völlig Durchgedrehter. Nur bei der etwas altbackenen Thematik des Zölibats unter katholischen Priestern driftet meine Aufmerksamkeit geringfügig ab – ich weiß ja, wo's hinausläuft, aber unter dem – Vorsicht! Herrenwitz! - Abstrich: erste Sahne.

Die nächste Künstlerin, die gegen das verstockte Gesocks im Saal anstürmt, kommt daher wie sie näherungsweise heißt: Uta Köp(b)e(r)nick. Mit sechs Jahren kratzte sie auf einer Geige herum, die sie auch heute noch kunstvoll zu quälen versteht, doch richtig zu strahlen und zu schweben beginnt sie, wenn sie eine Gitarre in den Händen spürt, meisterhaft die Saiten zupft und dazu ultrahübsch gedrechselte Textlein singt. Mit ein paar anfänglichen Neo-Sponti-Sprüchen („Wenn der Humor flöten geht – wieso soll der nicht auch mal musizieren?“) kommt das hundsverwöhnte Publikum nicht klar, aber als sie zu singen anhebt wie eine Nachtigall, kacken dagegen all die eierlosen Hipster-Singer-Song-Writer-Winsler im Hunderterpack ab. Meine Nummer Eins ist „Der Merkur“, ein Cross-Over aus Tagespolitik, Sprachwitz und Astronomie, gespickt mit Zitaten wie ein Wurstigel auf dem Buffet bei Heinz Erhardts 50sten Geburtstag.

Technologisch tadellos betüddelt vom fulminanten Fürbringer an der Kamera, sowie insgesamt von Andi auf dem Ton und dem Butzlibären Stefan mit den zauseligen Haaren hinterm Licht – war zwischen allem darinnen das Interview an der Reihe mit Ernst Cran, ehemaliges Mitglied der „Groben Popen“, der heutigen Tages dem überaus interessanten wie spärlich gesäten Beruf des überkonfessionellen Grabredners nachgeht. Eine durchaus kontroverse Figur, die wahrscheinlich nicht jeden im Saal überzeugte. Aber sehr vertrauenswürdige Quellen berichten, dass Herr Cran auf dem Friedhof überdurchschnittlich gute Arbeit abliefere. Ich wünsche keinem, dass einer sich so schnell davon selbst ein Urteil bilden muss, und will's dabei belassen.
Zum Abschluss - und nicht ausreichend gedankt werden kann dafür Egersdörfer und seiner formidablen Partnerin Claudia Schulz: der gespielte Witz! Schulz alias Carmen in beispiellos scheußlichen Outfit, einer Glitzerbluse in so tödlichem Lila, als sei sie im Abwasser einer Zyklon-B-Fabrik eingefärbt worden. Der Witz? Ach so: Die alte Story von den drei Schwestern Uschi, Otze und Öse. Überragend!

Bird Berlin, dem leider am Ohre Erkrankten, sandten alle versammelten Herzen den Wunsch auf baldige Genesung zu, wir haben ihn schmerzlich vermisst. Was noch? Nun: wir freuen uns auf diverse Previews und Preview-Previews der „Erlösung“, die anstehen, und zwar am 16. und 17. in der Katana (Obacht! Ausweise für die Südstadt mitbringen!), am 20. im Babylon und last but not least am Dienstag, 21. Oktober im guten alten Bernsteinzimmer zu Nürnberg. Die heißeste Scheiße der Stadt – das ist garantiert! Die nächsten Anverwandten am 18. November dieses immer noch selben Jahres! Wer nicht kommt, muss damit rechnen, unermessliche Wunder schlichtweg zu verpassen!
 


[Text: Theobald O.J. Fuchs]

Die nächste Egersdörfer und Artverwandte findet am 18. November im Festsaal des Künstlerhauses (ehem. K4, davor KOMM) statt.
 




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