Dem Egers sei Welt #33

SAMSTAG, 6. DEZEMBER 2014

#Comedy, #CURT präsentiert, #Egersdörfer, #Kolumne

Im Nachhinein könnte man ja immer schlauer sein und bleiben, wenn einem zeitlose Einsichten nicht so schnell abhanden kämen wie kleine schwarze Haarkämme aus Plastik. In meiner Studienzeit, in der ich nebenbei in der Gastronomie tätig war oder besser formuliert: in den Jahren, in denen ich in gastronomischen Betrieben tätig war und nebenbei studierte, gewann ich wertvolle Einblicke über meine Mitmenschen.

SCHNAPS-CD

Ich schenkte in einer ehemaligen Fabrik vom frühen Nachmittag bis zum späten Abend in der Hauptsache Bier, Wein und tschechischen Schnaps aus. Die Artgenossen saßen an Tischen oder auf Barhockern und tranken mit stetig wachsender Geschwindigkeit Bier, Wein oder Schnaps. Ich goss Bier, Wein und Schnaps in die jeweiligen Gläser oder spülte Bier-, Wein- und Schnapsgläser. Wenn ich nicht gerade goss oder spülte, wechselte ich die CD im CD-Player.

Natürlich sprach ich auch mit den trinkenden Gästen. Immer wenn Getränke bestellt oder Gläser neu befüllt werden sollten, bildete das einen willkommenen Anlass, ein paar Worte zu wechseln. Den Gesetzen der Gastronomie vollständig unkundig goss, spülte und wechselte ich in einer grundsätzlich freundlich-fröhlichen Stimmung. Genauso wohlgelaunt tauschte ich auch die Worte mit den Gästen. Immer wieder schenkte ich Bier, Wein und Schnaps am immer gleichen Ort aus. Nach einiger Zeit merkte ich auch, dass es fortwährend dieselben Zeitgenossen waren, die stets Bier, Wein und Schnaps auf dieselbe Weise an der angestammten Örtlichkeit zu sich nahmen. Die gewechselten CDs und die gewechselten Worte ähnelten sich mehr und mehr.

Zu Beginn goss ich immer so lange, wie die Gäste trinken und bleiben wollten. Die Zeit war ein Bonbonpapier, das achtlos vorüber wehte. Aber dann wurden die Stunden zu grauem zähen Alkoholwortteig, aus dem ein ranziges Brot gebacken wurde. Dazu spielte die immer gleiche Musik, deren Reihenfolge sich nur änderte. Ich wollte den Ausschank beenden, nicht zu dem Zeitpunkt da die verehrten Gäste gänzlich ihren Durst final gestillt oder den selbigen und sich selbst vergessen hatten, sondern zur offiziellen Sperrstunde. Die Gäste wiederum teilten mein neuerliches Wollen nicht im Mindesten. Sie wiedersetzten sich gänzlich. Und ihre Widerborstigkeit steigerte sich exponentiell zu der Freundlichkeit, mit der ich sie zuvor bedient hatte.

Aus einem achtlosen Entgegenkommen meinerseits drehten die Ungeheuer mir einen Strick, an dem sie mich am hohen Galgen ihrer Unverschämtheit ohne langes Fackeln aufknüpften. Hätte ich diese Drachen stattdessen von Anfang an mit nüchterner Strenge in ihre Schranken verwiesen, wäre ich niemals in diesen aussichtslosen Sumpf geraten. Mein Taktgefühl erlaubte diesen Scheusalen erst ihre schreckliche Metamorphose. Diese Erkenntnis ist umfassend im Umgang mit Menschen. Ein nettes Wort achtlos ausgesprochen ist der beste Nährboden für Betrug, Diebstahl und Enteignung. Ein kurzes Lächeln kann bedeuten, dass ich drei Stunden zweifelhafte Urlaubsbilder anschaue, einen fremden Hund zur Entwurmung fahre und an meinem freien Tag schwere Möbel in eine Wohnung im dritten Stock trage, in der ich niemals wohnen werde.

Unbedachte Gefälligkeiten führen zu den schlimmsten Verwandlungen beim Mitmenschen. Ich nicke verständnisvoll und schüttle dabei die Hand des Gegenübers. Aber aus der anderen Hand wird eine grüne Reptilienklaue, die mich nicht mehr loslässt. Schlangenaugen fixieren mich. Ich sehe, wie das Herz hektisch klopft unter der kalten Schuppenhaut. Eine lange dünne gespaltene Zunge fährt aus dem Drachenmund. Starre. Dann ruckhafte schnelle Bewegungen. Jetzt werde ich in den Hals gebissen und bitteres Gift vergiftet mein Blut.


UND WAS MACHT EGERS AUßER GUT AUSZUSEHEN?
Am 09.12. ab 22:15 Uhr ist er Gast in der ZDF-Sendung Die Anstalt.
Außerdem Egersdörfer und Artverwandte am 16.12. und 13.01.
im Festsaal des Künstlerhauses - präsentiert von curt!


www.egers.de


 




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Was für ein nicht enden wollender Sommer das heuer gewesen ist. Bis in den Oktober hinein wurde ich immer dringlicher gemahnt: Genieße unbedingt den sonnigen Tag heute! Morgen kommt der Herbst, dann ist alles vorbei. Immer wieder habe ich mich in die Sonne gesetzt und habe die Sonne mit aller Kraft genossen bis zur Langeweile, bis zum vollständigen Überdruss. Das kommt daher, dass ich Befehle stets gewissenhaft und verlässlich ausführe. Da kann man sich einhundertprozentig auf mich verlassen. Meine Zuflüsterer taten immer so, als ob das Himmelgestirn im nächsten Moment unwiderbringlich explodieren würde und man sein Leben fürderhin in lammfellgefütterten Rollkragenpullovern, Thermohosen und grob gestrickten Fäustlingen verbringen müsste – in Zimmern, in denen die Heizung unentwegt auf drei gestellt ist. Aber es hat ja nicht aufgehört zu scheinen. Wenn ich an einem Tag genossen und genossen habe, hat der Leuchtkörper sein blödsinniges Leuchten am nächsten Tag keineswegs eingestellt. Die Dummköpfe aber haben es nicht unterlassen, weiterhin ihre Sonnengenussbefehle auf mich auszuschütten. Die Aufforderungen blieben keineswegs aus, sondern steigerten sich zur Unerträglichkeit. Wenn einer endlich einmal sein dummes Maul gehalten hat, dass ich mich unbedingt bestrahlen lassen muss, hat ein anderer damit angefangen, mich aufdringlich aufzufordern, mein Glück unter dem drögen Kauern unter dem aufdringlichen Glanz des leuchtenden Planeten zu finden. Noch Anfang November saß ich voller Wut auf der Straße und habe Kaffee getrunken und gehofft, dass mir die Sonne ein Loch in die Stirn schmort, dass den Schwachköpfen ihr blödsinniges Gerede leidtut und sie mich um Verzeihung bitten müssen. Die Sonne hat immer weitergeschienen wie ein Maschinengewehr, dem die Patronen nicht ausgehen.  >>
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