Zwischen Mensch und Menschheit: „Something between us“

19. FEBRUAR 2022 - 15. MAI 2022, KUNSTHALLE



Wir leben in einer egoistischen Gesellschaft, es gibt immer mehr Einzelkämpfer und doch sucht der Mensch immer wieder Gesellschaft. In „Something between us“, der neuen Ausstellung in der Kunsthalle Nürnberg, geht es genau darum: um das Miteinander, das Zwischenmenschliche, aber gleichzeitig auch um das Gegenteil mit Distanz und Abwehr.   Ein Beitrag von Ida Hinterholzinger

Die vierzehn Frauen auf den Porträts von Sibylle Springer blicken mit einer gewissen Melancholie in den Raum. Mit Pastelltönen und weichen Kanten, manche schwerer erkennbar unter den absichtlich hinzugefügten Flecken und zusätzlichen Schichten in Gold, Weiß und Brauntönen.
Sie wirken sanft und ruhig in den Malereien. Erst auf den zweiten Blick auf den Titel der Bilderreihe kann man eine etwas erschreckende Erkenntnis machen, denn diese vierzehn Frauenporträts laufen unter dem Titel „Serial Killers“, also Serienmörderinnen.
Sibylle Springer hat in ihren Werken echte Serienmörderinnen aus der Menschheitsgeschichte abgebildet. Sie erzeugt dabei in uns eine Art der Wahrnehmungsverschiebung zwischen dem was wir sehen – scheinbar freundliche Frauen – und dem, was dahintersteckt. Die Werke bringen zum Innehalten und Reflektieren der eigenen Sicht auf andere Menschen. Sibylle Springer ist eine von elf Künstler*innen, die ihre Werke in „Something between us“ ausstellen.

In der Kunsthalle in Nürnberg sind dreizehn Kunstwerke ausgestellt, alles unter dem Motto menschliches Miteinander. Kuratiert wird „Something between us“ von Harriet Zilch und Ludwig Seyfarth und ist in Deutschland nicht das erste Mal zu sehen. In Kooperation mit dem KAI 10 | ARTHENA FOUNDATION in Düsseldorf entstand die Ausstellung bereits 2019 und fand im Folgejahr in Düsseldorf statt. In Nürnberg hat sich der Vorführungszeitraum immer wieder pandemiebedingt verschoben. Doch seit dem 19. Februar ist es jetzt so weit: man kann in den acht Räumen das Zwischenmenschliche in der Kunst analysieren. „Something between us“ ist bereits die zweite Ausstellung in dieser Kooperationskonstellation, 2015 kuratierten Zilch und Seyfarth bereits „Homebase - Interior in der Gegenwartskunst“. Dabei wurden Lebensräume und Wohnungseinrichtungen gezeigt, die zwar Rückschlüsse auf den darin lebenden Menschen geben, den Menschen selbst allerdings nicht weiter zeigten. Das sollte sich diesmal laut Harriet Zilch ändern: „Wir haben uns bemüht, sowohl auf das kleine Menschliche zu achten, als dann auch das große Ganze. Wir sehen: Da gibt es Ungerechtigkeiten seit Jahrhunderten, die wir nicht einfach auflösen können.“

Rund um das Thema Ungerechtigkeiten geht es auch in „A Proposition for an alt-Parthenon Marbles: The Phantom as Other“ von Warren Neidich. Während im unteren Teil der Installation eine Abbildung des bekannten Elgin-Teils des Parthenon-Frieses aus dem British Museum zu sehen ist, nehmen Neonschriftzüge, -linien und Emojis darüber fast die gesamte Wand ein und ergeben in ihrem Gewusel eine Anklage. Zu Kolonialismus, Beutekunst, Nationalismus und Rassismus bis heute. Dabei wird vor allem durch die Worte „alt singularity“, die über allem anderen stehen, Warren Neidichs Ruf nach einer Förderung der Individualisierung der Menschen laut.
Mit Warren Neidichs Arbeit ist gleich zu Beginn das Kunstwerk ausgestellt, das die Ausstellungsthematik auf vielfältige Weise darstellt: wie die Menschen seit Jahrhunderten miteinander umgehen und wie sie bis heute kommunizieren.
Dabei spielt vor allem das Thema Digitalisierung eine Rolle, denn die menschliche Kommunikation verlagert sich. Einen ähnlichen Ansatz nutzte auch die Künstlerin Alice Musiol mit ihren großen plakativen Schriftarbeiten. Direkt gegenüber von Warren Neidichs Neonlichtern hängen die vier Tafeln mit schwerwiegenden Themen. Fragen wie „What does it mean to be a human being?“ hat die Künstlerin aus Twitterposts entnommen. Fragen, die sehr grundlegend wirken. „Je länger man darüber nachdenkt, desto mehr merkt man, dass es so eine plakative Plattitüde ist. Es wirkt unglaublich gewichtig und löst sich dann in eine Nichtigkeit auf. Wie es auch manchmal in den Sozialen Medien ist.“, verordnet Harriet Zilch die Sprüche.
Mit der skulpturalen Bodeninstallation „o.T.“ ist Musiol mit einer weiteren Arbeit in der Ausstellung vertreten. Dabei stehen drei Gruppen unterschiedlicher Gymnastikkeulen in strengen Dreieckskonstellationen zusammen, die Spitzen der Formationen zeigen dabei alle auf einen Punkt zwischen ihnen. Der Narration nach steuern die drei Gruppen auf diesen Punkt zu. Mit der Offenheit der Arbeit sind unterschiedliche Assoziationen möglich: von Gesellschaftsspielen bis zu militärischen Märschen.
An den Wänden über den Gymnastikkeulen hängen die Malereien von Vivian Greven. Diese Darstellungen von menschlicher Nähe sind erst zum Ausstellungsbeginn in Nürnberg zu „Something between us“ dazugekommen. Im Gegensatz zu vielen anderen Arbeiten aus der Ausstellung sind diese erst während der Pandemie entstanden. Sie geben eine andere Sichtweise auf das Thema, denn mit zweijähriger Pandemieerfahrung blicken wir ganz anders auf diese Ausstellung über zwischenmenschliche Beziehungen. Obwohl „Something between us“ mehrfach verschoben wurde, sieht Harriet Zilch das auch als Chance: „Zentrale Fragestellungen können einfach anders beantwortet werden, während das 2019 eher theoretisches Nachdenken war. Jetzt wissen wir unmittelbar, was es bedeutet, wenn wir Menschen nicht sehen können oder ihnen körperlich nicht näherkommen dürfen.“
Denn die Geschichte und die letzten zwei Jahre haben uns jetzt eingeholt. Heute blickt man auf viele Arbeiten aus der Ausstellung ganz anders als noch 2019. So zum Beispiel auf „Short Lets Considered (SBU)“ von der Schweizer Künstlerin Andrea Winkler. Die in ihrer Arbeit verwendeten Personenleitsysteme, Absperrungen wie vom Flughafen oder Großevents, sind heute mehr Teil des Alltags geworden. Sie werden immer dann verwendet, wenn Menschen in eine gewisse Ordnung gebracht werden müssen. Seit Pandemiebeginn an vielen Orten zu sehen.
Auch eine der Arbeiten vom Schluss der Ausstellung bedeutet heute mit Quarantäneregelungen und mehr oder weniger freiwilligem Rückzug in die eigenen Räume für die Besucher*innen etwas ganz Aderes als noch 2019. Mit den Worten „You are not alone … ever“ versucht Kirstin Burckhardt in ihrer gleichnamigen Soundinstallation den Schrecken der Isolation zu nehmen.
Der 2 Meter auf 2,80 Meter große, dunkle Kasten imitiert die Größe einer Isolationszelle in US-amerikanischen Gefängnissen. Mit den Lautsprechern in allen Ecken und der absoluten Dunkelheit, wenn die Tür geschlossen ist, wirkt die ansonsten schallisolierte Arbeit mehr wie ein schützender Kokon, in dem die leise Stimme immer wieder die tröstenden Worte flüstert.

„Something between us“ stellt Fragen wie: Warum können wir nicht miteinander, aber auch nicht ohne andere Menschen? Was bedeutet eine zunehmende Individualisierung der einzelnen Person, wenn zeitgleich der Ruf nach einer solidarischen und vereinten Gesellschaft immer lauter wird? Was hat Corona bei uns hinsichtlich menschlichem Miteinander verändert? Diese und noch mehr Fragen werden im Großen und Kleinen in den Werken der Künstler*innen von „Something between us“ weitergesponnen.

Bis Mitte Mai ist die Ausstellung in der Kunsthalle zu sehen, zusammen mit Führungen, Online- und Liveveranstaltungen rund um die Ausstellung.

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SOMETHING BETWEEN US
19.02. – 15.05.2022
Di, Do–So und feiertags 11 – 18 Uhr, Mi 11 – 20 Uhr.
Montags sowie am 01.03 und 15.04 geschlossen.
Eintritt 5,50. Mi 18 – 20 Uhr Eintritt frei.

Kunsthalle Nürnberg, Lorenzer Straße 32, 90402 Nürnberg
www.kunsthalle.nuernberg.de
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KÜNSTLER*INNEN IN DER AUSSTELLUNG:

Warren Neidich
Alice Musiol
Vivian Greven        
Thomas Taube
Miriam Cahn 
Sibylle Springer
Stefan Panhans
Andrea Winkler
Teboho Edkins   
Kirstin Burckhardt
Luzia Hürzeler
 




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