Zukunftsmuseum - Begegnung am Fallrohr

FREITAG, 17. SEPTEMBER 2021, NüRNBERG



Kaum haben wir in der Vergangenheit 250 curt Magazine herausgebracht, berichten wir ab sofort direkt und exklusiv aus der Zukunft. Nein, aus dem Zukunftsmuseum – man muss schon korrekt bleiben. Extra dafür haben wir einen unserer schlaueren Mitarbeiter engagiert, den Theobald O.J. Fuchs, seines Zeichens Doktor der Physik. Und Röntgenforscher. Mit ihm in dieses Museum zu gehen, das ist schon sehr nerdig. Alles wird kommentiert, gewusst, besser gewusst. Und selbst kann man nur zuhören und sich wundern. Ähnlich ergeht es uns mit diesem wissenschaftlich fundierten Fachartikeln. Aber lest selbst Teil 1 dieser neuen Serie!

Täglich lassen sich ungezählte Menschen irgendwo auf der Welt in einem Museum einsperren. Die Leute haben dafür sehr verschiedene Gründe, ein jeder so berechtigt wie alle anderen. Doch mein Grund war besonders triftig: Ich brauchte einfach das Fallrohr. Ohne das Fallrohr hätte ich nicht weitermachen können.
Das Fallrohr befindet sich in dem erst vor wenigen Wochen neu eröffneten Zukunftsmuseum in Nürnberg. Vom Obergeschoss reicht ein plexigläserner Tunnel durch alle Stockwerke bis nach unten in die Eingangshalle. Oben können sich Besucher eine Kapsel ausleihen, da irgendwelche Dinge hineintun und dann elf Meter in die Tiefe fallen lassen. In der Zeit, die sie frei fällt, wirkt in der Kapsel (scheinbar) keine Schwerkraft. Eine Kamera, die fest in die Kapsel eingebaut ist, beobachtet die Dinge in der Kapsel während der (scheinbaren) Schwerelosigkeit.
Es gab Leute, die packten eine frisch geöffnete Flasche Bier hinein, ein Spiegelei oder eine Schneekugel. Die klassischen Ideen tauchen natürlich auch immer wieder auf: Fällt ein Marmeladentoast auch bei Schwerelosigkeit immer auf die Marmeladenseite? Landet eine Katze wirklich immer auf allen vier Füßen? Einer probierte sogar einen kleinen schwarzweiß-gefleckten Hund in die Kapsel zu stecken, aber man konnte ihn im letzten Moment davon abhalten. Lebende Tiere waren natürlich ein Unding, völlig ausgeschlossen, selbst wenn sich jemand als Chefredakteur eines lokalen Veranstaltungsmagazin ausgibt.
Alldem zum Trotz gehörte es zu den spannendsten Experimenten, in der Kapsel Fliegen und Mücken einzufangen und zu beobachten, wie die Insekten in der Schwerelosigkeit völlig unbeeindruckt weiter ihre Zickzackkurse flogen, als wäre für sie diese Situation normal. Was freilich von Einstein vorhergesagt worden war, der sich ja bekanntlich intensiv mit Leuten beschäftigt hatte, die in frei fallenden Aufzugkabinen ausprobieren, ob man auch im kräftefreien Zustand Jo-Jo spielen kann. Bis zum Aufschlag jedenfalls.
Hier beginnt das Gebiet der ernstzunehmenden Forschung an komplexen Fragestellungen, auf dem auch ich mich betätigte. Seit Jahrzehnten arbeitete ich an einem magnetischen Anti-Schwerkraft-Motor. Eine Wahnsinnserfindung, die die Welt insgesamt verändern sollte. Leider fehlte mir noch der letzte Twist, der finale Trick, das Quentchen oder Schräubchen am Schluss. Doch seitdem das Deutsche Museum in Nürnberg seine Pforten (tagsüber) geöffnet hatte, war ich zuversichtlich, hier meine Erfindung vollenden zu können. Für die größte Erfindung der Menschheitsgeschichte war ich bereit, einige Opfer zu bringen.

Ich hatte mir daher sehr schnell zur Gewohnheit gemacht, mich nachts im Zukunftsmuseum einsperren zu lassen, um in aller Ruhe meine Freifallversuche vorzunehmen. Wenn morgens die ersten Besucher in das Gebäude strömten, kam ich aus meinem Versteck hervor (das ich hier nicht verraten darf) und eilte nach Hause, um die Ergebnisse meiner Tests an meinem Computer – auf dem natürlich noch die letzte zuverlässige Version Windows98 läuft – auszuwerten. Bis dann – an einem sommerlichen Spätabend, kurz nach Einbruch der Dämmerung, als ich mich hervor wagte und zur Tat schreiten wollte – dieser Typ vor mir stand. Hier im dritten Stock meines Museums! An meinem Fallrohr!
Seine albernen Klamotten konnte ich überhaupt nicht einordnen, alles hauteng und mit roten Punkten besprenkelt und auf dem Kopf ein Zylinder, der aussah, als wäre er aus Alufolie gebastelt. Ich verstand ihn nicht, er sprach ein schreckliches Kauderwelsch, in dem ich zwar hin und wieder englische Wörter erkannte, aber keine sinnvollen Sätze. »mistake«, sagte er öfter, »return« und »help«.
Zum Teufel dachte ich. Es war freilich keine triviale Angelegenheit, sich über Nacht in einem Museum einsperren zu lassen, und vermutlich nicht vollkommen legal. Die einen sagen so, die anderen so. Doch sich einsperren zu lassen und dann ausgerechnet dasselbe Experiment wie ich benutzen zu wollen – das war unverschämt!
Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Er griff nach meinem Prototyp, fummelte maximal zehn Sekunden daran herum, und sprang damit ins Rohr. Ich stand starr vor Schreck – elf Meter freier Fall, alle Dinge fallen gleich schnell, das hatte schon Galileo Galilei vor 400 Jahren herausgefunden, indem er seinen Hausrat vom schiefen Turm von Pisa in die Tiefe warf. Nun ja, zumindest wenn man dafür sorgt, dass die Sachen ungefähr die gleiche Form haben, so dass der Luftwiderstand vergleichbar ist. Sonst würde ein Falschschirm gar nicht funktionieren.
Der Typ war aber einfach so gesprungen. Ohne Fallschirm. In keiner gepolsterten Kapsel. Ohne Wirbelstrombremse. Ich rechnete schnell im Kopf nach: Die Aufschlaggeschwindigkeit bei einer Erdbeschleunigung von neunkommaachteins Meter pro Sekundenquadrat müsste nach knapp 1,5 Sekunden so etwas wie 14,5 Meter pro Sekunde oder beinahe 53 Stundenkilometer betragen. Als ich keuchend im Erdgeschoss anlangte, erwartete ich einen sehr unschönen Anblick.
Doch zu meiner großen Überraschung war das Polster, auf dem die Kapseln landeten, leer. Nichts deutete darauf hin, dass sich hier vor kurzem ein Spinner zu Tode gestürzt hatte. Ich kroch in das Rohr hinein und spähte nach oben. Nichts. Rein gar nichts. Ein makellos sauberes, kerzengerades Fallrohr wie man es eben kennt.
Ratlos stand ich vor der Klappe. Nichts geschah, es war totenstill im Haus, ich konnte sogar ganz leise draußen die Pegnitz plätschern hören. Außer, dass mein Anti-Schwerkraft-Prototyp verschwunden war, deutete nichts darauf hin, was hier vor wenigen Minuten vorgefallen war. Doch dann sah ich etwas im Fallrohr aufblitzen, ein kleines, grün glitzerndes Ding taumelte leicht wie eine Feder durch die Luft, bis es sich sanft auf dem Boden vor meinen Füßen niederließ. So groß wie eine Briefmarke, aber aus Kunststoff. Eine durchsichtige Folie, in die ein Netz elektronischer Schaltungen eingeschweißt schien. Sobald ich das kleine Quadrat anfasste, hörte das Blinken auf. Stattdessen bewegte sich Buchstabe für Buchstabe eine Laufschrift über die glänzende Oberfläche:
»* Frst Wrld Rcrd 1 TAIME TRAVL 1 cntst 4y & mre 2071@NBG #NBG <3«

Ich begriff. Das war so etwas wie eine Eintrittskarte aus der Zukunft. Ein elektronisches Ticket, das der seltsame Typ, der mir begegnet war, bei seiner Rückreise in seine Zeit verloren hatte. Mein selbstgebauter Raumschiffantrieb war seine Rettung gewesen, es hatte offenbar nur drei Handgriffe gebraucht, um aus dem Gerät eine Zeitmaschine zu machen. Drei richtige Handgriffe freilich.
Mochte es jetzt noch so gut funktionieren, nun war es weg, war fünfzig Jahre in die Zukunft gereist. So lange wollte ich nicht warten. Ich würde von vorne anfangen müssen, dachte ich, aber wenigstens hatte ich dieses High-Tech-Blättchen als Souvenir.
In diesem Augenblick flackerte die Plastikfolie einen kurzen Moment lang auf, dann zerfiel sie zu feinem Pulver, das sich sofort im ganzen Raum auf nimmer Wiedersehen verstreute. Niemand würde mir nun noch diese Geschichte glauben.

Dabei war es wirklich so, ich schwör!

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DEUTSCHES MUSEUM NÜRNBERG – ZUKUNFTSMUSEUM
Augustinerhof, 90403 Nbg
Eröffnung: 17. September 2021
Öffnungszeiten: Di-So 10–18 Uhr. Montags geschlossen.

www.deutsches-museum.de/nuernberg
 




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