Thomas Willi | tomwi | Wie man der toten Ratte den Digitaldruck erklärt

FREITAG, 5. MäRZ 2021

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Thomas Willi, #tomwi

Locked in | 051 – Die „Fountain of Youth“ ist brutal: Der rosafarbene Kunststoff-Zierbrunnen in Betrieb, am Rand sitzt ein ziemlich mitgenommener Vogel. Mitgenommen ist man auch als Betrachter, denn in dem Brunnen sprudelt kein Wasser, sondern eine Flüssigkeit, die nach Farbe und Geruch wohl Urin ist.

So pinkelt der Kitsch-Brunnen sich fortwährend selbst an, und man stellt sich unweigerlich die Frage, was eigentlich im legendären Jungbrunnen fließt, sollte es ihn geben. Womöglich eine Flüssigkeit, die niemand trinken mag, die Unsterblichen sind bei uns schließlich selten (sieht man von der englischen Königin ab). Thomas Willis arbeiten sind mitunter derb, wie die toten Ratten, die in stabiler Seitenlage aneinander gekuschelt liegen, fast wie Varietétänzer, aber hier geplottet als 3D-Prints, natürlich keine echten Tiere. Die Welt ist ein lauter und reizüberflutender Ort, ein Strudel aus Bildwerken, Werbung und Informationen, geistige Filtersystem für den Einzelnen sind nicht in Sicht. Bei der großen Frankfurter Basquiat-Ausstellung 2018 spielte diese Perspektive eine überraschende Rolle: Nämlich, dass die farblich und gestisch überbordenden Werke des Street-Art-Künstlers und Warhol-Zöglings ein stimmiger Ausdruck einer sich anbahnenden, gesellschaftlichen Reizüberflutung sein könnten. So dreschen die Arbeiten von Thomas Willi mit dem großen Hammer auf alle Sinne des Betrachters ein, und das ist so heilsam wie zeitgemäß.
 



Im Interview erzählt Thomas von digitaler Überforderung, Urin-Gerüchen und Kunststoffratten in Löffelchenstellung.

Marian Wild: Deine Kunst bewegt sich einerseits sehr stark in der digitalen Welt, wenn du Collagen oder 3D-Drucke anfertigst. Andererseits ist gerade die „Fountain of Youth“ geradezu aufdringlich analog, weil man durch das Video den Geruch ja schon fast selber zu riechen glaubt. Wo siehst du im Kunstmachen den Vorteil von digital, wo den von analog?
Thomas Willi: Wie auch im restlichen Leben des 21. Jahrhunderts vermischen sich in meinen Arbeiten die Welten des Digitalen und Analogen mehr und mehr ineinander. Meine digitalen Arbeiten entstehen nicht rein digital. Die „Rattenmätressen“ waren ursprünglich eingefrorene Futter- Ratten, die ich regelmäßig für meine Echse kaufe. Sie werden eigentlich zur Verpackungsraumoptimierung post mortem in diese Form gebracht. Als ich sie einmal zum Auftauen herausgenommen habe, ist mir aufgefallen, dass es wirkt, als würden diese in der Löffelchenstellung liegen – so entstand der Grundgedanke und die äußere Form der Arbeit. Ich habe mir eine Packung ausgesucht, in der die Ratten besonders spannend angeordnet waren. Zuerst wurden die Ratten eingescannt – ein semi-digitaler Prozess, da der Scanner sich nicht autonom um das zu scannende Objekt bewegt. Erst danach folgte der wirklich digitale Part, in dem ich durch den Scan digital verlorengegangene Gliedmaßen und Grundzüge meiner gedachten Plastik, wie die ineinander verschmolzenen Körper, modelliert habe. Nach dem Druckprozess mussten Makel, die aus Artefakten der Supportstrukturen – Stützen, die der 3D-Drucker zur der sich aufbauenden Plastik mit dazu geprintet hat – bestanden, abgeschliffen werden. Dies stellte wiederum einen analogen Arbeitsschritt dar. Meine digitalen Collagen entstehen durch das Übereinanderlegen von hunderten Fotos, die auf Instagram, Twitter und Facebook geteilt und von mir gesammelt wurden. Man kann hier im Grunde auch hier die Frage stellen, ob die individuellen Geschichten der Postenden hinter den Bildern nicht auch schon einen analogen Charakter hatten, bevor sie digitalisiert und hochgeladen wurden. Als einen großen Vorteil des digitalen Arbeitsprozesses sehe ich die unterschiedlichen Dimensionen an, in denen gleichzeitig gearbeitet werden kann. Man kann Geschehenes vor- und zurückspulen, langsamer oder rückwärts laufen lassen, drehen und spiegeln, in den Vorder- oder Hintergrund setzen. Da mir das analoge Arbeiten diese Möglichkeiten entweder gar nicht oder nur teilweise bietet, baue ich mittlerweile in jeder meiner Arbeiten digitale Arbeitsschritte ein. Ich halte mich nicht gerne mit Arbeitsprozessen auf, die den Inhalt oder die Entstehung meiner Werke und Projekte nur vernebeln, behindern oder verlangsamen. Wenn die Arbeit diesen analogen Charakter mit eingewoben braucht, bekommt sie ihn – natürlich! Oberflächenstrukturen zum Beispiel sind mir bei Arbeiten generell sehr wichtig. Daher plane ich schon im Vornherein, wie die Arbeiten präsentiert werden, welches Material zum Einsatz kommt und welche Ästhetik hervorgerufen werden soll. Für den „Fountain of Youth“ ist es essentiell wichtig, dass die im Brunnen geförderte Flüssigkeit nach Urin riecht, und wenn man will, auch schmeckt. Es soll nicht nur so aussehen, als ob Urin plätschert, sondern es muss echter Urin aus dem Brunnen plätschern. Die Arbeit könnte also digital animiert in einem virtuellen Raum nicht existieren. Trotzdem hatte selbst diese Arbeit ihre Anfänge an meinem PC. Ich zähle die Recherche, und in dieser Arbeit explizit auch den Kauf der einzelnen Komponenten, ganz klar zur Entstehung dazu. Es ist also schwierig meine Arbeiten streng in analog, oder digital entstanden zu kategorisieren, da mein Planungsprozess analoges Arbeiten mit bedenkt, das Planen selbst aber oft digital stattfindet. wie zum Beispiel auch beim Brunnen. Auch die spätere Ausführung hat analoge Züge, obwohl ich zwischendurch digital arbeite.

Einiger deiner Werke haben einen sehr provokanten Subtext. Die „Rattenmätresse“ erinnert einerseits an eine Gruppe von Labortieren, andererseits, so ging es jedenfalls mir, an eine Tanzgruppe. Wie kommst du zu diesen Werken, was treibt dich um wenn du Kunst machst?
Mich interessieren generell Dinge, die scheinbar direkt vor unseren Augen ablaufen und dennoch nicht angesprochen werden. Du hast gerade das Beispiel der Rattenmätressen gebracht. Deren morbid wirkenden, provokanten Charakter habe ich mir nicht selbst ausgedacht. Ich habe ihn entdeckt und mich von ihm inspirieren lassen, mir von ihm eine Geschichte zuflüstern lassen und angeeignet. Ich bin mir im Klaren, dass die Person, die für die Verpackungsoptimierung der eingefrorenen Futter-Ratten zuständig war, keinerlei Gedanken daran verschwendet hat, wie die ästhetische Wirkung des Arrangements wirken würde. Trotzdem existiert diese und ich nutze sie für meine Plastik, hänge sie aus, erzähle mit ihrer Unterstützung eine Geschichte. Außerdem ist es nur fair auch den Mätressen eine Plastik zu widmen, nicht nur dem König. Katharina Fritsch, eine Künstlerin, die mich schon zur Schulzeit inspirierte, brachte mit ihrer Monumentalplastik das Phänomen der Rattenkönige in den öffentlichen Gedanken. Ihre Schwänze zu verknoten, das sieht den Rattenkönigen ähnlich, aber was ist mit dem Anschmiegen? Meine Ratten verbinden sich nicht über ein schmerzhaftes, ruckartiges Verknoten der Schwänze, sondern über ein Liebevolles anschmiegen, welches in einem Verschmelzen endet, etwa so, wie man es von Anglerfischen kennt. Und doch entsteht die Ästhetik ursprünglich aus dem Gedanken der Verpackungsoptimierung! Nur, wie ich die Geschichte in der Flüsterpost weitergebe, liegt dann aber in meiner Verantwortung. Das macht Spaß!
 


Die Digitalcollagen haben mich teilweise fast optisch überfordert, weil ich das Gefühl hatte immer tiefer hineinzuschauen, ohne dass die Bilder übersichtlicher werden würden. Ist das eine digitale Reizüberflutung, die ich da sehe?
Das stimmt! Umso tiefer man in meine digitalen Collagen hineinblicken möchte, desto mehr überfordern einen kleinste Details, die alle ihre eigene Geschichte erzählen wollen. Jedes Einzelne stellt sich als das Wichtigste dar, wird aber gleichzeitig durch das All Over fast belanglos, wie wir Erdlinge im Universum. Das schafft natürlich Chaos, aber wer kann es den Individuen übel nehmen? Meine ersten digitalen Collagen hatten noch einen sehr malerischen, neblig flächigen Charakter. Die Bestandteile der Bilder verschwammen miteinander und das Ergebnis war harmonischer. Dieser harmonische, neblige Charakter schwindet aber immer weiter, da sich die Inhalte der Bilder durch ihre eigenen, im Ursprung innewohnenden starken Bedeutungsebenen gegenseitig übertönen.

Eine Provokation braucht Leute, die sie sehen. Aber momentan sind alle traditionellen Orte für Ausstellungen dicht. Wie bist du als Künstler mit dieser Quarantäne umgegangen?
Tja, da hast du Recht. Dabei geht es bei meinen Arbeiten jedoch nicht primär um reine Provokation, sondern viel mehr um die Kommunikation. Negatives oder Provokantes frische ich mit Humor auf. Was ist schon die gelungenste Provokation ohne ein aus ihr resultierendem Gespräch? Mich hat das Ausfallen der Ausstellungen sehr hart getroffen, da ich im April mit Ali Hos eine Ausstellung im Borgo Ensemble geplant hatte, die jetzt auf einen ungewissen Zeitraum „nach den Corona Einschränkungen“ verschoben wurde. Und wie ich meinen Drang zu provozieren, oder, wie ich es lieber nenne, den Drang nach Diskurs, befriedigt habe? Sagen wir's so: zu den Zeiten von Corona hatten wir alle viel zu viel Zeit, die wir online verbringen konnten. Meine Kunst bezieht sich auf die Gesellschaft, ihre Missstände und ihre irrwitzige Ironie hinter ihren Auswüchsen. Da fand sich gerade jetzt in der krisengetränkten Zeit genug Diskursmaterial auf Twitter. Seltsamerweise kommen die Menschen unter den momentanen Umständen, in denen wir auch noch durch social distancing räumlich getrennt sind, wieder stärker zusammen.

Weitere Informationen zum Künstler: (KLICK!)




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