Columbus am Boden, Regenbogen in Stein

DIENSTAG, 23. FEBRUAR 2021, NüRNBERG

#Black Lives Matter, #Columbus, #Dr. Marian Wild, #Kunst, #Kunstkommentar, #Protest, #Regenbogen, #Regenbogenpräludium

Ein Debattenbeitrag von Kunsthistoriker Dr. Marian Wild
Das Jahr 2020 wird womöglich auch als ein Anfangspunkt in die Geschichte eingehen, als der öffentliche Raum unvermittelt wieder zum zentralen Ort der politischen Kulturdebatte wurde. Damit meine ich nicht die dumpfen Flaggen und Protestschilder, die der radikale Trump-Mob während seiner Erstürmung des Kapitols am 06. Januar 2021 an den Brüstungen zurückließ: Hier von Kultur zu sprechen ist mir beim besten Willen nicht möglich. Vielmehr verstetigte und verstärkte sich Mitte des Jahres mit der „Black Lives Matter“-Bewegung eine Entwicklung, die man schon in den Vorjahren in Form der „Fridays for Future“-Demonstrationen kannte: Die Sichtbarmachung gesellschaftlicher Probleme durch große öffentliche Zusammenkünfte.

Neu bei der amerikanischen Bewegung war aber ein Aspekt, der „Fridays for Future“ bisher fehlt: Die Infragestellung von Objekten im öffentlichen Raum. So wurden hier im Zuge der Proteste einige öffentliche Denkmäler angesprayt, beschädigt, gestürzt, auch zerstört. Unter den Stein- und Bronzestatuen waren Bildnisse von rassistischen Südstaatengenerälen, deren Entfernung teils schon längst von verschiedenen Gesellschaftsgruppen gefordert wurde, aber auch beispielsweise Columbus-Denkmäler (dessen kolonialistischen Absichten und Folgen schwer zu leugnen und auch der direkte Grund für die kanalisierte Wut sind) und – vereinzelt – Denkmäler, die zwar für rassistische Südstaatengeneräle gehalten wurden, in Wahrheit aber nur unglücklich platzierte Vertreter der liberalen Gegenseite waren und nun wohl als eine Art historischer Kollateralschaden gelten müssen. Man entledigt sich also der Dinge im öffentlichen Raum, die man als in der heutigen Zeit unangemessen und/oder/weil beleidigend für Teile der Gesellschaft empfindet. Nun ist der öffentliche Raum kein Museum, sondern im optimalen Fall der architektonisch erstarrte Bewegungsraum seiner Bewohner*innen; dieser ändert sich ständig, durch Umbauten, Neuplanungen, Stadtimplantate, oder neue Infrastrukturmaßnahmen. Eine gemeinschaftlich beschlossene Entfernung oder Ergänzung von Dingen im öffentlichen Raum ist hiernach legitim; ob das mit einer Aggressivität geschehen muss, die das Objekt zerstört, kann man verneinen: eine geordnete Überführung der Dinge in Museen und Archive, wo sie bewahrt, eingeordnet und ihre Geschichte wissenschaftlich aufgearbeitet und kritisch diskutiert wird, wäre sicher ein bekömmlicherer Weg.

Was hat das mit Nürnberg zu tun? Tatsächlich einiges, denn die Stadt beheimatet als ehemalige „Stadt der Reichsparteitage“ nicht nur das größte erhaltene NS-Architekturensemble der Welt als Mahnmal und Ort der Reflexion, sondern blickt daneben auch auf einen recht vernünftigen Umgang mit neuen öffentlichen Gedenkorten zurück: So erschließt sich zum Beispiel die 1999 von dem israelischen Bildhauer Dani Karavan errichtete „Straße der Menschenrechte“ nochmals neu, wenn der vor dem Triumphtor liegende Platz als Versammlungs- und Demonstrationsort genutzt wird. Bemerkenswert unaufgeregt ist auch das Denkmal am Willi-Brandt-Platz, ein in Bronze gegossener, auf einer Bank sitzender Bundeskanzler, der den Arm zur Seite streckt, um den Gegenüber anlehnen zu lassen: Es ist schwer vorstellbar, dass eine derart unprätentiöse und nahbare Erinnerungsfigur Opfer von Wut werden kann. Auch auf dem Reichsparteitagsgelände war man nicht untätig: Anfang des Jahrtausends eröffnete sein Dokumentationszentrum in der alten Kongresshalle mit spektakulärer Architektur: der Architekt Günther Domenig hatte einen metallenen und gläsernen „Speer im Speer“ errichtet. Das Archiv und Ausstellungshaus gilt international als historische Aufarbeitungsleistung, ähnlich wie das „Memorium Nürnberger Prozesse“, der historische Gerichtssaal an der Fürther Straße, der heute als reiner Erinnerungsort fungiert.
Für die Errichtung zeitgemäßer öffentlicher Orte hatte die Stadt also über die Jahre offenbar ein gutes Gespür; darum ist es verwunderlich, dass dieses Gespür bei einer erst wenige Wochen zurückliegenden Aktion an der Zeppelintribüne manche Entscheidungsträger verlassen hat: Durch eine unbekannte Aktivist*innengruppe wurden die acht zentralen Steinpilaster auf der Schauseite der Tribüne in Regenbogenfarben bemalt. Das entstandene Bild hat sich über Deutschland hinaus medial verbreitet, und es hat vermutlich einer bestimmten Gruppe die Suppe versalzen, die zu ärgern sich grundsätzlich lohnt: Die leider immer noch existierenden rechtsextremen NS-Tourist*innen hätten fortan mit ihrem Selfie auf Hitlers Balkon einen Regenbogen hinter sich betrachten müssen.

Medial war die Aktion ein Erfolg, und das Symbol wirkt dank der zahlreichen Fotografien bis heute weiter, obwohl – vielleicht etwas übereilt – beschlossen wurde, die nicht wasserfeste Farbe nach wenigen Tagen mit Dampfdruckgeräten zu entfernen (die Reinigung hat dem Stein nach Expertenmeinung mehr geschadet als die wasserlösliche Farbe selbst). Aus künstlerischer Perspektive muss die Bewertung der Aktion noch weitere Faktoren in den Blick nehmen als ihren zweifelsfrei vorhandenen politischen Wert, und hier schließt sich der Kreis zu den gestürzten Kolonialstatuen: Was verbindet, was unterscheidet ein bespraytes Columbus-Denkmal von einem bemalten NS-Gebäude? Gemeinsam ist zuvorderst die Stoßrichtung der Aktion: Ein bestehendes, ungeliebtes Zeitzeugnis wird durch eine künstlerische Aktion verfremdet, transformiert, kommentiert. In der Street Art hat man einige Erfahrung mit solchen Interventionen, die große kulturelle Wirkung entfalten können, wie man beispielsweise an Bildern und Installationen von Banksy sehen kann. Aber was wird aus einem NS-Mahnmal, wenn man es mit neuer Symbolik belegt? Im Fall der Statuen zerstören die Sprayer*innen das gewünscht Erhabene der Figuren, die Spraytags sind damit eine Auflehnung gegen die Überhöhung der Person in dem Denkmal. Das übermenschliche Mahnmal wird dadurch zum ordinären Alltagsobjekt, hier liegt auch die Wurzel der Ablehnung solcher Aktionen bei vielen Kommentator*innen.
An der Zeppelintribüne ist aber etwas anderes geschehen: Das ikonische NS-Mahnmal (hier war das monumentale Hakenkreuz angebracht, das 1945 von der US-Armee medienwirksam gesprengt wurde) hat man mit einem anderen, bereits bestehenden Symbol belegt, zumindest scheinbar; der Regenbogen dient sowohl als LGBTI*- als auch (auf dem Kopf stehend) als Friedensflagge, allerdings hat erstere sechs Streifen, letztere sieben. Die acht Streifen der Bemalung entsprechen also nicht dem Aufbau der jeweils bestehenden Symbole, was ein wichtiges Detail ist; denn es geht eben nicht darum den bösen NS-Geist etwa durch ein positives Symbol des Friedens oder der Diversität zu „neutralisieren“. Interventionen, die darauf abzielen, sind in der Regel eher gut gemeint als gut durchdacht, und gerade durch die Verwendung bestehender Symbole im falschen Kontext ist es durchaus möglich, das hinzugefügte Symbol zu beflecken (das Peace-Symbol beispielsweise ist eben auch die auf dem Kopf stehende Lebensborn-Rune). Auch muss bei aller Freude über die Aktion, die bisher sicher der gelungenste optische Eingriff in die Tribüne ist, die Frage erlaubt sein: Wirkt die Zeppelintribüne durch das bunte Farbenspiel nicht am Ende auch unverdienterweise freundlicher und nahbarer, wie ein Pitbull mit Schminke? Will man das in Kauf nehmen? Und ist diese Abschwächung der autoritären, zynischen Speer-Architektur nicht ein Bärendienst für die historische Aufklärungsarbeit, die auch auf Einfühlungsvermögen in die Faszination der Gewalt basiert? Der Erhalt des Geländes ermöglicht ja im besten Fall eine emotionale Reflexion der Wirkung dieser antisozialen Bauten in all ihrer Unfreundlichkeit.

Womöglich kann man von den gestürzten Statuen etwas für den Umgang mit der Zeppelintribüne lernen: Die starken Reaktionen auf den gemalten Regenbogen dokumentieren eine große Sympathie in der Gesellschaft für die realisierte Idee, und auch das Reichsparteitagsgelände ist bei aller historischen Bedeutung öffentlicher Raum. Womöglich ist es an der Zeit, das Gelände der Gegenwart zu überlassen – und die Aufarbeitung seiner Geschichte den Museen und Archiven.

http://marian-wild.de




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NüRNBERG. Wenn es so etwas wie einen Günther-Jauch-mäßigen Jahresrückblick auf Nürnberg 2020 gäbe, das eine Bild, das keinesfalls fehlen dürfte, ist allen klar: Das Regenbogenpräludium hat sich, nicht nur wegen der Farbe an der Zeppelintribüne, sondern auch wegen der daran anschließenden Diskussion über Intervention und Kunst im öffentlichen Raum und den Umgang mit dem Reichsparteitagsgelände, ins kollektive Regionalgedächtnis eingebrannt. Bald zwei Monate später ist die Auseinandersetzung wieder etwas abgekühlt, hinter den Kulissen werkeln die Künstler*innen aber weiter. An ihrer Vision und der Zukunft der Gruppe. Jetzt hat das Regenbogen-Präludium sein Regenbogen-Intermezzo verfasst, ein Thesenpapier, ein Manifest, mit konkreten Vorschlägen, wie es jetzt weitergehen könnte, erstveröffentlicht hier, bei curt.
Im Intermezzo beschreibt die Gruppe ihre erste Arbeit als ein längst überfälliges Gegendenkmal, das ein Vakuum fülle: die von der Stadt festgelegten Leitlinien zum Umgang mit dem Gelände seien in 16 Jahren weder mit finanziellen Mitteln noch mit konkreten Konzepten ausgestattet worden. Als eigentliches Werk sei jedoch nicht der Regenbogen, sondern der daran geknüpfte Diskurs zu verstehen, der in Auseinandersetzung mit dem Gelände immer neue Ausdrucksformen findet. Um zu diesen Ausdrucksformen zu gelangen, fordert das Kollektiv jetzt die Schaffung einer Sozialen Plastik in Form eines selbstverwalteten Künstler*innenhauses in direkter Umgebung des Reichsparteitagsgeländes. Auch ein Finanzierungsvorschlag ist im Manifest enthalt. Das gesamte Regenbogen-Intermezzo im Wortlaut:  >>
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