Matthias Niebisch | Den Figuren die Mimik aus dem Gesicht gemalt

FREITAG, 29. JANUAR 2021

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Malerei, #Matthias Niebisch

Locked in | 046 – Was ist den Leuten nur zugestoßen, die sich auf den Leinwänden des Malers Matthias Niebisch tummeln? Da findet sich ein Frauengesicht, der Schatten so tief in ihre Wange eingegraben, dass kein Sonnenlicht ihn vertreiben kann.

Dem Protagonisten einer anderen Arbeit zerfließt förmlich der Schädel, wulstig sinken die rosafarbenen Fleischfalten Richtung Schlüsselbein. Und doch hat der Wulstige Glück, noch ein Schlüsselbein zu haben, sein Nachbar löst sich spiralförmig zum Scheitel hin auf, eine dunkel blickende obere Kopfhälfte behauptet sich eben noch gegen die Schwaden aus Farbe, wo jener blonden Gestalt ihr Gesicht in den Wogen des Meeres bereits fortgespült wurde, an der linken Schläfe treiben Mund und Augen auf der wogenden See. „Deformierte Gestalten!“, könnte man denken, womöglich sind es aber nur Herausforderungen an unsere Sehgewohnheiten, fein komponierte Grenzgänger zwischen Mensch und Farbe. Von dieser Zwischenwelt kann man in drei Richtungen gehen: in die abstrakten Farblandschaften „Over“ und „Space X“, oder in die fast klassische Figürlichkeit wie in „Van Dyck“, eine symbolistisch-heilige Familie in leuchtenden Farben. Oder weiter auf der schmalen Straße der Portaits, das menschliche Anlitz mit dem Pinsel herausfordernd.

Im Interview erzählt Matthias von glücklichen Unfällen, wabernden Kunstwelten und dem Malen gegenüber von van Dyck.

Marian Wild: Deine Malerei ist von sehr leuchtenden Farben und kräftigen Schattenzonen geprägt, manche der Bilder erinnern an impressionistische Landschaften oder den Blick durch einen Eisblock. Malst du vor konkreten Objekten?
Matthias Niebisch: Das direkte Malen vor einem mir gegenüberstehenden „Modell“ habe ich tatsächlich lange nicht mehr gemacht – nicht, dass ich nie so gearbeitet hätte, ich habe (ganz klassisch) eine Zeit lang regelmäßig Aktzeichen-Sessions organisiert und mich daneben intensiver mit dem was ich vor mir sehe beschäftigt, das war am Anfang meiner Auseinandersetzung mit Kunst. Und diese Erfahrung hatte durchaus ihre Berechtigung und fruchtbaren Momente, doch am bloßen Abbilden des Vor-Mir-Sichtbaren verfällt für mich schnell der Anreiz. Denn wenn sich beim Arbeiten kein Moment der Transformation einstellt, bleibt es für mich bei einer Art Dokumentation und das würde mich so nicht befriedigen. Trotzdem konsumiere ich natürlich viel visuelles, was ich für mich filtere damit es später in meiner Malerei auftauchen kann. Malerei ist für mich ein sehr intensiver ästhetischer Prozess, aus dem die Ergebnisse unvorhersehbar und intuitiv entstehen. Deshalb verzichte ich auch darauf im Vorfeld Skizzen für meine Bilder anzulegen, denn zu sagen „So und nicht anders“ würde meine Auseinandersetzung nur blockieren, es würde zu einer Dopplung kommen, die sich nur selber ein Bein stellt. Manchmal habe ich ein Bild im Kopf, manchmal nur eine Idee, manchmal gar keinen Plan, ich male einfach direkt drauf los und lasse geschehen was passiert. Es entsteht so eine Arbeitsfläche auf der ich mich austoben kann, an der ich mich reibe und abstoße; es kommt zum Konflikt in dem meine Vorstellungen, Erwartungen und Bilder die ich konsumiere, kollidieren. Häufig bin ich komplett unzufrieden mit dem was passiert, der Moment an dem die Frustration überhandnimmt und man jeglichen Respekt vor der Arbeit verliert und dann einfach macht um diesen Zustand zu ändern, ist für mich der fruchtbare Moment: Scheitern und weitermachen gehört einfach dazu. Ich mache eben etwas was mir persönlich sehr gefällt, deshalb sind die Bilder häufig harmonisch und farbenfroh, ich orientiere mich dann auch an Vorbildern die ich mag, wobei ich „orientieren“ dabei sehr lose benutzen würde.

Die Portraits entziehen sich dem Betrachter förmlich, besonders letzten sind fast aufgelöst, als hättest du zunehmend den Kontakt zu anderen Menschen verloren. Wie hat sich diese Entwicklung angefühlt? Hat die folgende Quarantäne diesen Prozess beeinflusst?
Die Quarantäne hat sicher ihren Beitrag zu derartigen Entwicklungen geleistet, schließlich brachte der unvorhersehbare Corona-Ausbruch viele Veränderungen mit sich. Neben meinem Job fiel auch mein Atelierplatz in der Kunstakademie weg, aber vor allem der eingeschränkte soziale Kontakt und das Ersetzen dessen durch digitale Bildschirmbegegnungen ist (obwohl ich froh bin, dass es ihn gibt), schon eine extreme Erfahrung. Ich beziehe mich bei meinen Arbeiten ohnehin schon stark auf meinen inneren ästhetischen Kompass und schalte beim Malen, Zeichnen gerne mal ab und versuche äußere Einflüsse an sich schon außen vor zu lassen, um einfach zu machen. Tatsächlich bin ich durch den Lockdown experimenteller geworden, da in meinen normalen Arbeitsalltag extrem eingeschnitten wurde und mich und meine Arbeitsweise von Grund auf umkrempeln musste. Statt die freizügigen Atelierräume der AdBK nutzen zu können muss ich in meiner kleinen Einzimmerwohnung am sonst wenig genutzten Schreibtisch sitzen und die Größe der Bilder drastisch reduzieren... so wird man tatsächlich mal gezwungen kreativ zu werden und die alten Muster zu durchbrechen. Man sitzt konsequenterweise auch öfter am Laptop und landet bei diversen DIY Tutorials auf YouTube und schaut sich groteskerweise das eine oder andere ab... am Schluss lernt man tatsächlich noch was ;) . Portraits sind ein Format, auf das ich immer wieder zurückgreife, die Fragestellung nach einer zeitgenössischen Darstellung im Portrait beschäftigt mich schon lange. Auch mir fällt im Nachhinein der Wandel in meinen Bildern auf und es ist schon gruselig, wenn man damit konfrontiert wird!

Besonders lange bin ich an deinem großformatigen „Marienbild“ hängengeblieben. Die Körper scheinen ineinanderzufließen, der Himmel erinnert an expressionistische Farbfelder. Wie ist das Bild entstanden und nach welchen Kriterien hast du die Farben gesetzt?
Das Bild ist im Rahmen einer Gruppenausstellung in der Egidienkirche in Nürnberg entstanden. Ich hab dort für die Dauer der Ausstellung im Kirchenraum ein provisorisches Atelier aufgebaut und an dieser riesigen Leinwand gemalt. An der gegenüberliegenden Wand hing eine riesige, düstere Kreuzabnahme von van Dyck, auf die ich reagieren wollte. Die Atmosphäre in diesen tollen, hohen Hallen hatte etwas wirklich Inspirierendes an sich und das Ganze stellte mich vor einige neue Herausforderungen. Noch nie hatte ich auf einer so großen Leinwand gemalt und selten habe ich Zuschauer beim Malen gehabt. Nach welchen Kriterien ich Farben, Formen einsetzte kann ich schlecht in Worte fassen... ich kann nicht konzeptionell arbeiten, dabei kommt bei mir keine Freude am Schaffen auf. Was passiert ist eigentlich super banal, jedes Bild ist ein glücklicher Unfall.

Die Malerei wird von Vielen als die Königsdisziplin der Kunst gesehen. Wie siehst du als „klassischer“ Maler die Bedeutung der Malerei und was reizt dich am Malen?
Ob man heute tatsächlich noch von einer Königsdisziplin unter den Künsten sprechen kann glaub‘ ich nicht, ganz im Gegenteil – nur zu malen ist eigentlich ein Affront, zumindest erlebe ich das ab und zu so. In Zeiten des fluiden und grenzenauslotenden Kunstbegriffs komme ich mir oft wie ein atmender Anachronismus vor. Auch wenn das Überbleibsel vergangener Kunstdebatten sind, muss die Malerei doch häufig kämpfen; besondere Bedeutung im Sinne eines kunstdefinierenden Mediums hat sie definitiv nicht mehr. Ich verstehe das, Malerei ist konfliktbeladen, denn zwischen blauäugigen Hobbykünstlerkitsch und dem Anspruch gute Kunst zu machen, stellt sich mir besonders als „klassischer“ Maler oft die Frage, was macht man da eigentlich? Aber im Endeffekt sind alle diese Fragen dennoch irrelevant, beziehungsweise sollten sie es sein, besonders für einen zeitgenössischen Maler. Sich ständig nach der Legitimation seiner Arbeiten zu fragen, erzeugt viel Druck. Doch ich sehe das so, dass wir (Kunstschaffende jeder Art) alle diskursiv immer an einem wabernden Kunstbegriff arbeiten, dabei Fragen stellen und auch Konflikte austragen um dann wieder individuell zu einem Ergebnis zu kommen, und dann geht das Ganze wieder von vorne los. Nur so entwickelt sich etwas weiter. Deshalb darf es auch den klassischen Maler wie mich geben. Ich mache einfach was mich anmacht, ohne mich danach zu verbiegen was gerade kunstintern aktuell ist.

Weitere Informationen zum Künstler: (KLICK!)




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