OFFENER BRIEF / Regenbogen-Präludium: Die Stadt zerstört ihr Image mit Hochdruckreiniger

MONTAG, 2. NOVEMBER 2020, ZEPPELINTRIBüNE

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Das “Regenbogen-Präludium” bestimmt weiterhin die Online-Debatten in und um Nürnberg. Jetzt meldet sich mit einem ausführlichen Brief Bastian Brauwer zu Wort – nicht nur als Vorsitzender des CSD Nürnberg, sondern auch Steinmetz, der der Säuberungsaktion der Stadt seine fachliche Expertise entgegenhält. Hier sein offener Brief.

“Lieber Oberbürgermeister Marcus König,
sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Prof. Dr. Julia Lehner,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich spreche hier nicht nur als Vorsitzender des Förderverein Christopher-Street-Day Nürnberg e.V., sondern auch als Steinmetz- und Steinbildhauermeister, staatl. geprüfter Steintechniker und geprüfter Restaurator im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk.
Ich persönlich bin ein großer Anhänger der „Denkmal-Restaurierung und -Erhaltungs-Fraktion“ Reichsparteigelände Nürnberg. Der steingewordene Wahnsinn des NS-Regimes muss in seiner Dimension und seinem Ausmaß erhalten werden. Ohne diese steinernen Zeugen ist unseren nachfolgenden Generationen die Schreckensherrschaft und der Größenwahnsinn des NS-Regimes wohl nur kaum zu erklären. Ebenso wird mit einem kontrollierten Verfall auch in weniger als zwei Generationen nur noch ein undefinierbarer Steinhaufen ohne Eindruck zurückbleiben. Begreifen beinhaltet es schon im Wort – „greifen“: Man muss gewisse Dinge einfach greifen können. Wackelige Filmaufnahmen aus vergangen Zeiten sind hier nur ein ergänzendes, jedoch kein ersetzendes Mittel.

Immer als ich an diesem Ort war, bin ich (Neo-)Nazis an ihrer Pilgerstätte begegnet. Jede*r der sich dort mit offenen Augen bewegt, hat sicher ähnliches erlebt. Bei meinem letzten Besuch mit Gästen, hat sich eine Gruppe von rund zwanzig mehrheitlich männlichen Menschen mit eindeutigen Erkennungszeichen, freudestrahlend auf der „Führerkanzel“ zum Gruppenbild positioniert. Dies ist leider kein Einzelfall, sondern noch immer Alltag und der große Nachteil dieses Denkmals in Nürnberg.
Der geniale Kunstgriff des „Regenbogen-Präludium“ war, ist oder besser wäre DIE Chance Nürnbergs gewesen, sich zum einen zu seiner Geschichte zu bekennen und sich dennoch klar und für jede*n sichtbar von dieser zu distanzieren. Aussagestark, rein visuell und damit wortlos international verständlich. Der Ort wäre hiermit für immer für alle Anhänger dieser schrecklichen Ideologie entweiht. Szenen wie die oben beschriebenen gehörten wohl der Vergangenheit an. Nürnberg hätte es geschafft sich mit diesem Kunstwerk, seiner Botschaft und damit den Ort zukünftig für die ganze Welt sichtbar positiv zu positionieren. Das Kunstwerk wäre zukünftig von allen Besucher*innen über alle Medien weit in die Welt getragen werden und hätte die Steintribüne zum Pilgerort eines neuen positiven Statements der Stadt Nürnberg werden lassen.

Denkmalschutz versus Geschichtsbewältigung
Seit Kriegsende wird dieser Ort im Sinne des Denkmalschutzes mit Füßen getreten. Gleich zu Kriegsende wurden durch die Amerikaner verständlicherweise das Symbole der Nazis durch Sprengung feierlich entfernt. Hier hätte aber spätestens im rein denkmalrechtlichen Sinne ein Schlussstrich gezogen werden müssen. Damit war jedoch nicht Schluss. 1967 hat die Stadt Nürnberg, mit Sicherheit auch durch den Druck von außen, unter dem Vorwand der Baufälligkeit die beiden Kolonnadengänge des Gebäudes gesprengt. Auch danach hat die Stadt Nürnberg nichts in Folge dafür unternommen ihr „Denkmal“ zu pflegen, geschweige denn die, durch die Sprengungen verursachten Gesteinswunden, zu schließen. Die Folge war der Jahrzehnte andauernde beschleunigte Verfall des Gebäudes und des darin enthaltenen goldenen Saals. Jede*r der heute mit dem Denkmalschutz argumentiert, die Farben des „Regenbogen-Präludium“-Kunstwerks entfernen zu lassen, möge sich bitte mit gleicher Kraft dafür einsetzten das Gebäude vor dem Verfall zu schützen, wieder in Stand zu setzen oder gar die damals entfernten Gebäudeteile wieder zu rekonstruieren.

Zudem lässt der Denkmalschutz durchaus dezente Gebäudeveränderungen zu. Mit dem Reichstag in Berlin oder dem Kasernengebäude des BAMF in Nürnberg gibt es allein zwei bekannte gelungene Beispiele, bei denen Gebäude zu Gunsten einer neuen Nutzung auch äußerlich deutlich verändert wurden. Optisch verändert wurde auch der Gebäudeteil der Kongresshalle, dem heutigen Eingangsbereich zum „Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände Nürnberg“: Der österreichische Architekt Günther Domenig gewann 1998 den internationalen Wettbewerb mit seinem Vorschlag, den nördlichen Kopfbau und damit die Historie durch einen begehbaren „Pfahl“ aus Glas und Stahl diagonal zu durchbohren. Mit dem symbolischen „Vor die Tür werfen der Durchbruchsteine“ am originalen Haupteingang unterstreicht er zudem sehr deutlich, was er von den Erbauern des Bauwerks hält. Wichtig ist hierbei auch die Erkennbarkeit zwischen Neuem und Historischem. Mit dem Regenbogen-Kunstwerk hätte die Stadt Nürnberg auf dem Reichsparteitagsgelände ein weiteres geniales NS-kritisches Werk, welches eine eindeutige Botschaft in die Welt senden würde.

Fachliche Beurteilung der Entfernung des Kunstwerks
Die wasserlöslichen Farben des Kunstwerks (gemäß Pressetext des anonymen Künstlerkollektivs) wurden, wie ich den Medien entnehmen konnte, nach nicht mal zwei Tagen mittels Hochdruckreiniger vom Stein entfernt. Die von der Stadt Nürnberg behauptete Aussage, dass ein längeres Belassen der Farben auf dem Gestein eine Verbindung von Farbpigmenten und Gestein und damit Gefahr für das Gestein bedeuten würde, ist fachlich betrachtet schlichtweg falsch. Auch mit fortschreitender Zeit ist hierbei keine Verbindung zu erwarten:
Die von den Künstlern verwendete Methode des Farbanstrichs – mineralische Farb-Pigmente in Verbindung mit Methylzellulose (Kleister) – ist eine zu 100 % reversible Maßnahme. Zumal Methylzellulose nahezu täglich in der Restaurierung zur temporären Befestigung von beispielsweise Makulaturen oder als „Opferschicht“ verwendet wird. Ein späteres Entfernen bedeutet keinesfalls eine Verschlechterung der Situation. Dagegen bereitet mir der übertriebene, unüberlegte Säuberungs-Aktionismus durch die Stadt Nürnberg fachlich deutlich mehr Sorgen. Das mir beschriebene und auf Bildern sichtbare, offensichtliche äußerst unprofessionelle Reinigen mittels Hochdruckreiniger zerstört nachhaltig die Gesteinsoberfläche des doch eigentlich denkmalgeschützten Gebäudes und begünstigt damit dessen Verfall. Das Nichtauffangen des farbigen Reinigungswasser sorgt ebenso für weitere Verschmutzungen, die erneut aufwändig gereinigt werden müssten.

Fazit
Die Stadt Nürnberg zerstört mit dem Hochdruckreiniger nicht nur das Gestein, sondern auch ihr, über Jahrzehnte mühsam erarbeitetes, positives Image im Umgang mit ihrer historischen NS-Vergangenheit. Das Entfernen des mehr als genialen Kunstwerks mit seiner massiv symbolischen mehrdimensionalen und seiner doch so simplen und wortlos klaren Botschaft tut weh – mir, dem CSD-Verein Nürnberg und vielmehr noch der ganzen Stadt, die doch eigentlich die Stadt der Menschenrechte sein will …”

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Offener Brief
Förderverein Christopher-Street-Day Nürnberg e.V. / Bastian Brauwer
www.csd-nuernberg.de
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Stellungnahme der Stadt zum Regenbogen-Präludium
02.11.2020 / 13:45
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NüRNBERG. Wenn es so etwas wie einen Günther-Jauch-mäßigen Jahresrückblick auf Nürnberg 2020 gäbe, das eine Bild, das keinesfalls fehlen dürfte, ist allen klar: Das Regenbogenpräludium hat sich, nicht nur wegen der Farbe an der Zeppelintribüne, sondern auch wegen der daran anschließenden Diskussion über Intervention und Kunst im öffentlichen Raum und den Umgang mit dem Reichsparteitagsgelände, ins kollektive Regionalgedächtnis eingebrannt. Bald zwei Monate später ist die Auseinandersetzung wieder etwas abgekühlt, hinter den Kulissen werkeln die Künstler*innen aber weiter. An ihrer Vision und der Zukunft der Gruppe. Jetzt hat das Regenbogen-Präludium sein Regenbogen-Intermezzo verfasst, ein Thesenpapier, ein Manifest, mit konkreten Vorschlägen, wie es jetzt weitergehen könnte, erstveröffentlicht hier, bei curt.
Im Intermezzo beschreibt die Gruppe ihre erste Arbeit als ein längst überfälliges Gegendenkmal, das ein Vakuum fülle: die von der Stadt festgelegten Leitlinien zum Umgang mit dem Gelände seien in 16 Jahren weder mit finanziellen Mitteln noch mit konkreten Konzepten ausgestattet worden. Als eigentliches Werk sei jedoch nicht der Regenbogen, sondern der daran geknüpfte Diskurs zu verstehen, der in Auseinandersetzung mit dem Gelände immer neue Ausdrucksformen findet. Um zu diesen Ausdrucksformen zu gelangen, fordert das Kollektiv jetzt die Schaffung einer Sozialen Plastik in Form eines selbstverwalteten Künstler*innenhauses in direkter Umgebung des Reichsparteitagsgeländes. Auch ein Finanzierungsvorschlag ist im Manifest enthalt. Das gesamte Regenbogen-Intermezzo im Wortlaut:  >>
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