Rebecca Arnold | Ich bin ein Fundstück, grab mich hier raus

FREITAG, 30. OKTOBER 2020

#Bleistift, #Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Rebecca Arnold, #Zeichnung

Locked in | 033 – Die an all den verschiedenen Orten arbeitenden Menschen sind dunkel vom präzise gesetzten Graphit des Bleistifts. Wie schwarze Löcher im Blatt sind die Ausgrabungsstellen mitunter ausgearbeitet, an denen die Forscher knien, viele nebeneinander und doch jeder für sich seiner Tätigkeit nachgehend.

Dicht und materialhaltig sind die Stellen, an denen Rebecca Arnold malt, sie sind sorgfältig und mit Bedacht gewählt. Jedes Objekt, jedes Graphitkorn spielt eine Rolle im Gesamtbild, die Flächen schweben wie Partikel im schwerelosen Raum des sonst unbehandelten Blatts. Man könnte vielleicht an zeitgenössische Grotesken denken, jene Renaissance-Ornamente, in denen Pflanzen und Tiere sich an schwerelosen Ranken übereinanderstapeln, ohne Beachtung der Schwerkraft. Aber einen Boden scheint es zu geben: Mit dem Zeichenblatt identisch ist er allerdings nicht, die Menschen und Dinge stehen nicht auf dem Blatt, sondern darin. Die helle Fläche ist also wohl eine in den Raum gelegte Ebene, die perspektivisch auf einen unsichtbaren Horizont zuwandert, je nachdem aus welchem Winkel wir über der Szenerie schwebenden Betrachtenden mal von weiter oben, mal tieffliegender auf die Vorkommnisse blicken. Es ist eine ausgesprochen ordentliche Welt, unterteilt in Graphit und kein Graphit, in voll und leer, Tätigkeit und Leere. Es ist ein Traum und ein Albtraum von Ordentlichkeit gleichermaßen.

Im Interview erzählt Rebecca von Bleistiftstrukturen, künstlerischem Forschen und Zeichnen als Routine.

Marian Wild: Deine hier gezeigten Arbeiten sind sehr kleinteilige und detaillierte Bleistiftzeichnungen. Wie lange arbeitest du an einem dieser Bilder, und was magst du so an Bleistiften?
Rebecca Arnold: Wie lange ich an einem Bild arbeite kann ich nicht genau sagen. Ich bemühe mich, jeder Stelle auf dem Papier die gleiche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Allerdings finden sich in den Zeichnungen unterschiedliche Oberflächenbehandlungen, Graphit ist doch ein sehr vielseitiges Material. Diese fordern natürlich jeweils einen unterschiedlich hohen Zeitaufwand, was Pauschalisierungen erschwert. Allgemein sehe ich einen langen zeichnerischen Prozess allerdings nicht als Hindernis, die Zeit, die die Ausarbeitung meiner Bildidee braucht, gehört zur Arbeit dazu, das darf auch ersichtlich sein. Interessantereise ist mir diese Frage öfters gestellt worden, aber selten wird erfragt, wie lange ich am Bildaufbau arbeite oder wie lange sich der Zeitraum von der ersten Ahnung der Zeichnung bis zum Beginn deren Umsetzung erstreckt. Da sich die Umsetzung als langwierigen Prozess gestaltet, ist das „Davor“ eigentlich auch von Bedeutung, da ich bewusst selektieren muss, was umgesetzt wird. Alles in Allem bin ich aber gerade dabei in einem Experiment die verwendeten Oberflächenstrukturen zu erforschen, deren Zeitaufwand wie deren Bleistiftverbrauch exemplarisch zu erfassen. Vielleicht kann ich dann diese Frage besser beantworten, unabhängig davon, ob die Resultate unter den von mir erhobenen Rahmenbedingungen aussagekräftig sind. Auf alle Fälle bietet die Arbeit mit Bleistiften unglaublich viel Raum zum Explorieren, wahrscheinlich ist es für mich von großer Wichtigkeit, dass die Rahmenbedingungen dafür durch die Wahl der künstlerischen Mittel vorab klar definiert sind. Ich habe das Gefühl, dass ich nach Konsequenzen und immanenten Logiken im individuellen zeichnerischen Prozess suche, da ist es fast eine Notwendigkeit, unveränderliche Vorgaben zu schaffen, die es mir erst ermöglichen, die Potentiale ebendieser zu erforschen. Gleichzeitig finde ich durchaus, dass Graphit über eine sehr sinnliche Komponente verfügt. Gerade die mit Bleistift auf unterschiedliche Art und Weise bearbeiten Oberflächen finde ich faszinierend, sie haben schon etwas Taktiles. Obwohl sie eigentlich reduziert sind, da es sich schließlich nur um Bleistift handelt, ergeben sich genau dadurch so viele Möglichkeiten.

Du zeigst in deinen Arbeiten viele Menschen, die archäologischen Tätigkeiten nachgehen, und man sieht auch die Absperrungen und die Ausgrabungsfelder. Wie sehr ähnelt dein künstlerisches Vorgehen einem Archäologen?
In meinen Arbeiten bediene ich mich einer forschenden Herangehensweise um mich Fragestellungen anzunähern. Da das Zeichnen bei mir ein langer Prozess ist, der sich aus vielen verschiedenen Entscheidungen und deren Konsequenzen ergibt, steht bei mir keine große affektive Geste im Vordergrund. Vielmehr geht es darum, der Zeichnung im Prozess Struktur zu verleihen, sich anzunähern und schon während des Zeichnens zu reflektieren. Manchmal kommt das Ganze nach einer gewissen Zeit zu interessanten Ergebnissen, manchmal nicht. Ich versuche dabei, die potenziellen Möglichkeiten der jeweiligen Zeichnung ausfindig zu machen und so gut es mir gelingen mag, herauszuarbeiten. Natürlich ist der zeichnerische Prozess im Vergleich zu der wissenschaftlichen Arbeitsweise sehr individuell, da er dem von mir bestimmten Regelwerk unterliegt.

Obwohl sich oft viele Personen auf den Bildern befinden gibt es viel weißen Raum um diese gemalten Bereiche, die dadurch fast wie Inseln im Bildraum schweben. Wenn die Bilder nicht schon älter wären könnte man denken du hast das perfekte Bild für social distancing in der Krise erschaffen. Wie nimmst du die Quarantäne wahr, was hat sich für dich verändert?
Meine künstlerische Arbeit hat sich nicht wirklich verändert. Ich arbeitete schon immer in meinem Zimmer, die Räumlichkeiten stehen mir also auch während der Krise zur Verfügung. Das Zeichnen gehört für mich zur Routine, ganz im Gegensatz zu meinem Alltag, der veränderte sich schließlich immer und unterliegt deshalb keinen großartigen, unvorhergesehenen Schwankungen. Auch wenn sich meine Alltagswelt ändert, hat das somit keinen einschlagenden Einfluss auf meine Arbeit. Aktuell arbeite ich wieder im kleineren Format von DIN A5. Damit begann ich schon vor Corona und bin sehr interessiert am Zeichnen. Vielleicht spielt es doch eine Rolle, dass so ein kleineres Format intimer und somit prädestiniert dafür ist, in einer Zeit sozialer Distanzierung bearbeitet zu werden.

Weitere Informationen zur Künstlerin (KLICK!)




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