Simon Pröbstl | Von der Chemie der Farben

FREITAG, 23. OKTOBER 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Malerei, #Simon Pröbstl

Locked in | 032 – Im Hintergrund des ungewöhnlich geformten Bildträgers – die linke obere Ecke ist rechteckig ausgeschnitten – ragt ein dunkelblauer Berg vor hellblauem Himmel auf. Der braungebrannte Einheimische im Vordergrund hat seine Sense locker über die linke Schulter gelegt, das Gesicht erscheint erstaunlich runzelig, unter der blauen Mütze. Hinter ihm führt eine türkisfarbene Grasnarbe in die zerklüftete, neongrüne und rote Berglandschaft, auf den Berg zu.

Wo der alte Bauer formal nahezu realistisch wirkt, bleibt das Pendantgemälde unbestimmter, die Farben leuchten ungebrochen, ein alter Mann im gelben Hemd ruht sich auf einem Sockel sitzend aus, die Formen verschwimmen im eher skizzenhaften Bildraum zu mal weicher, mal härter strukturierten Flächen. Die beiden Ölbilder „Der Alte“ mit ihren leuchtenden, fast neoexpressionistischen Farben wurden von Simon Pröbstl auf einer schlichten Bretterwand montiert. Dadurch wirken sie beinahe wie Fenster, ein Blick in diese andere, äquatoriale Welt. Die Szenerien halten Augenblicke fest, Mimik und Gestik der Figuren bleiben dabei erstaunlich flüchtig und vage. Rätselhaft muten manche der Arbeiten an, das Tryptichon „Frieden, Krieg, Erneuerung“ enthält scheinbar altbekannte Details wie das blaue Meander einer griechischen Wandverzierung oder die spitzen Blätter eines Ölbaumastes. Die Menschen scheinen aber der Szene fremd, mit sich selbst beschäftigt und auch bildnerisch deformiert. Die Körper sind nahezu karikaturhaft überzeichnet, aber die drei Figuren, Junge, Mann und Frau, werden über die Farbpalette und die Malweise zusammengebunden, ein gelbe Lichtschein im Gesicht des Mannes scheint mit dem Feuer im rechten Bild zu korrespondieren, auch seine Kleidung folgt einer ähnlichen Struktur wie die Flammen, das Meander findet sich in seiner Goldkette wieder, deren Farbe in den Haaren des Jungen aufblitzt. Was sieht man? Eine symbolische Familie, ein personellen Ausschnitt aus der griechischen Mythologie? Wohin blicken die Dargestellten? Die Geschichte der Werke bleibt unauflösbar, aber fesselnd.

Im Interview erzählt Simon von den Details in Marrakesch, Farbversuchen mit Kristallen und der Bedeutung des Reisens.

Marian Wild: Deine Malerei hat einen ganz eigenen Duktus, der mir irgendwo zwischen Pop-Art-Drucken und den Tunis-Aquarellen von August Macke zu liegen scheint. Nach welchen Kriterien suchst du Motive aus und wie sieht deine Arbeitsweise aus?
Simon Pröbstl: Ich könnte etwas von der Popularität gebrauchen, die Pop-Art-Künstler ihrer Zeit hatten. (lacht)
Irgendwo dazwischen in einem weiten Spektrum trifft sicherlich zu, aber für mich sind es eher die komplementären Farben einzelner Bilder, die der Pop-Art ähnlich sind. Der Duktus ist bei den Pop-Art Künstlern, die ich im Kopf habe praktisch bewusst negiert, es gibt klar-umreißende Linien und Flächen mit starken Kontrasten. Bei mir stehen eher glatte Flächen neben wieder sehr bewegten, daher spielt der Duktus als Abgrenzungswerkzeug keine unbedeutende Rolle für meine Arbeiten. August Macke ist mir ein schon Begriff, aber diese explizite Serie war mir nicht bekannt. Es ist aber evident, dass diese Art der Farben und Formen aus Tunesien oder weiter gefasst in den Maghreb-Staaten entstanden sind und hier lässt sich eine Verbindung ziehen: Ich reiste 2018 das erste Mal durch das sich zum Mittelmeer öffnende Riff-Gebirge im Norden Marokkos mit seinen grünen Hügeln und Bergen und war überwältigt von der Unverstelltheit und Schönheit dieses Landes und seiner Bevölkerung. Ein zweites Mal besuchten wir meine Professorin mit der eigenen Malerei-Klasse in Marrakesch, wo sie seit einigen Jahren lebt und arbeitet – und Eigenes mit dieser Kultur des Landes zwischen den Kontinenten in ihrer Arbeit verbindet. Sie arbeitet häufig mit ansässigen traditionellen Kunsthandwerkern gemeinsam. Am Anfang meines Studiums hatte ich fast eine Aversion gegen zu viele Farben in einem Bild, mein Farbverständnis bediente sich immer schwarzer, grauer und weißer Anteile für eine gewisse Neutralität im Bild. Die Faustregel war ungefähr drei „richtige Farben“ für die Ausarbeitung eines Bildes  zu verwenden. Dieses Land lehrte mich mit seiner Fülle an simultanen Farbeindrücken, dass diese durchaus gut nebeneinander aussehen können, wenn auch die Anordnung in der Malerei entscheidend bleibt und es für mich auch immer noch ein zu viel an Farbe gibt. Ebenso der unglaubliche Sinn der Marokkaner für Details ist mir im Kopf geblieben. Ich versuche generell mit offenen Augen durch die Welt zu gehen – auch offen für visuelle ‚Interessantheiten’ – und meine Motive entstehen auf verschiedene Art und Weise: Von direkten Modellen, von eigenen wie fremden Fotografien, Abbildungen aus Büchern, dem Internet oder beispielsweise von einer Cornflakes-Packung oder manchmal rein aus der Imagination – ich schließe eigentlich wenig aus. Außerdem nehme ich mir bei jedem Bild vor, ein bis zwei neue Dinge hinzuzufügen, die ich auch wieder revidiere, falls nötig. Letztendlich bin ich kein Freund davon diese vollständig aufzuschlüsseln, ich arbeite schließlich nicht in der Erkenntnistheorie sondern als Bildender Künstler.

Dein Tryptichon „Bergo“ hat mich länger beschäftigt. Im Hintergrund die Farben schwarz-rot-gold, davor regelrechte Ikonenportraits, das dritte reichlich deformiert. Wie kam es zu der Serie und welchen Hintergrund hat sie?
Zuallererst: Das rot ist ein orange und das schwarz ein dunkelbraun, also es geht mir hier nicht um eine politische Aussage. Die Deformierung kann man so benennen, aber ich würde es eher als ein „Herausschälen“ eines sichtbaren Gesichtes aus einem undefinierten, weißen Körper umschreiben, der aber trotz seiner Nicht-Definiertheit die Silhouette des Körpers zeigt. Es ist immer toll an der Ikonenbildung um einen Freund beteiligt zu sein (lacht) dazu folgende Geschichte: Ich bilde hier mehrmals einen Freund ab, Grafikdesigner und autodidaktischer Musiker, der viele Jahre in Nürnberg tätig war und den ich auf einem kleinen Festival eines anderen Freundes mit Synthesizern live spielen sah. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er unter seinem Pseudonym „mousse au beton“ auch elektronische Musik am Rechner produziert, doch im Unterschied zu den meisten Leuten in diesem Bereich, die auf große räumliche Präsenz und Wucht abzielen, hatte seine Tracks etwas sehr Minimalistisch-Atmosphärisches. ( https://www.instagram.com/mousseaubeton/) Wir verstanden uns echt gut und waren auch am Auf- und Abbau des Festivals beteiligt. Kurze Zeit später brach ich mir beim Skateboarden mitten im Sommer letzten Jahres den Ellbogen meiner Malerhand. Es hieß umzudisponieren im Kunstmachen und in der Urlaubsplanung, und so begleitete ich meinen Freund in den Westen Deutschlands und begann an einem langgeplanten Film zu arbeiten, der sich physikalisch mit der natürlichen Entstehung von Farben im Sonnenlicht auseinandersetzt. Mein Vater, eigentlich Chemiker, ist vor vielen Jahren zufällig auf diese Phänomene gestoßen und stellte überrascht fest, dass diese Experimente die absolute Grundlage für die gesamte Lasertechnik und Plasmabildschirmtechnologie darstellen, aber diese Experimente in der Naturwissenschaft nie wirklich durchgeführt wurden. Er fand kurzum heraus, dass man durch die Bestrahlung von bestimmten Kristallen mit Licht alle Farben des Farbkreises übergangslos sichtbar machen kann. Eine Erscheinung, die jeder Mensch vom Experten bis zum Laien wahrnehmen und verstehen kann – also ganz im Sinne von nicht elitärer Kunst. Ich machte mit meinem Vater und unserem Medienpädagogik-Dozenten hochauflösende Aufnahmen (4K) die in zwei freien Kunstfilmen und in eine noch unfertige Dokumentation umgewandelt wurden. Dieser Freund steuerte die Musik bei und ich als Student in einer Malerklasse wollte diesen Moment des Aufeinandertreffens später in dieser Serie bildlich festhalten. Wegen meines Auslandssemesters in Palermo und der Corona-Pandemie war es bis jetzt unmöglich die Filme auszustellen, aber wir machen hoffentlich bald eine Ausstellung in Kombination mit seiner Live-Musik, vielleicht in Düsseldorf, wo mein Freund mittlerweile wohnt, aber bin da sehr offen. Die Filme werden bald auch auf dem oben angegeben Instagram-Account zu sehen sein. Ich hoffe sehr, dass das öffentliche Leben schnell und heftig wieder an Fahrt gewinnen kann. Alle Beteiligten brauchen das jetzt!

Deine Bilder haben oft fremde Länder und Kulturen als Motiv, auch die Farbigkeit und Lichtführung scheinst du von den Reisen mitgebracht zu haben. Welcher Ort hat dich am stärksten beeindruckt und wo möchtest du nach der Krise als nächstes malen?
Wie viele Leute meiner Generation halte ich das mühelose Reisen für eine der großen Errungenschaften unserer Zeit. Es ist unglaublich wichtig, das Andere und Fremde kennenzulernen, auch um Rückschüsse auf die heimischen Verhältnisse und Werte zu ziehen, was sich ganz nebenbei auch öfters desillusionierend auswirken kann. Natürlich ist immer Interesse dafür Metropolen wie Paris, London oder New York, wo all diese kunstbezogenen Dinge passieren, die man im Jetzt oder später in der Kunstgeschichte mitbekommt, aber es sind immer westliche Systeme mit abwechslungsreichen und attraktiven Subsystemen, aber immer noch westlich und das Ding, was einen meistens abhält ist immer wieder das Geld – hin und zurückkommen und das dort sein ist auch noch horrend teuer – und dann zurück auf dem Boden der Tatsachen und Möglichleiten angekommen zieht es mich irgendwie in den Osten: Istanbul würde mich sehr interessieren und dann die Balkangegend, vielleicht Albanien. Im letzten Jahr war ich sehr südlich gepolt unterwegs – Spanien, Portugal, Marokko und eben kurz Palermo - und in letztere Stadt will ich ja auch wieder hin und mein Erasmus nachholen, wenn sie Land und Leute erholt haben – und obwohl Süditalien nichts besonders Neues für mich ist und vielleicht gerade weil man das Land schon kennt und es nach wie vor reizvoll ist, male ich mir aus, dass auf dieser Grundlage ein paar gute neue Arbeiten entstehen können. Ich wage abschließend die Behauptung, dass die Wahrnehmung des Sonnenlichts für die meisten Menschen zumindest unterbewusst eine wichtige Rolle spielt und ich als Maler befinde mich in einer abbildenden Funktion und möchte damit verbundene Stimmungen und Gefühle in meinen Bildern einfangen und transportieren. Deshalb stellt für mich das Bewusstsein für die Einzigartigkeit des Lichtes immer einen hohen Stellenwert dar, aber ich setze es nicht in jedem Bild ein, je nach dem auf was der Schwerpunkt jeder Arbeit eben liegt.

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