Anna Maria Schönrock | Sie verschwinden

FREITAG, 18. SEPTEMBER 2020

#Anna Maria Schönrock, #Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Malerei

Locked in | 027 – Es gibt da dieses Portrait im Werk von Anna Maria Schönrock, hochformatig, die Figur blass, in Blautönen gehalten. Stumpfnasenaffen, wie der dargestellte, findet man in China und im nördlichen Vietnam, in mitunter kalter Witterung, die sie besser ertragen können als andere Artgenossen

Die Weibchen tragen die Nachkommen etwa 200 Tage lang aus, die Jungen sind nach fünf bis sieben Jahren geschlechtsreif. Vier der fünf Unterarten zusammen kommen heute auf einen Bestand von unter 1500 Tieren, zum Verhängnis wurde der Population, dass man lange glaubte, ihr Fell wäre wirksam gegen Rheuma. Die Stumpfnasenaffen sind bedroht, im Gemälde von Anna Maria verblassen sie förmlich vor den Augen des Betrachters. Ebenso wie die unbunte Koralle: Wegen der höheren Wassertemperaturen sterben die sonst bunten Unterwasserpflanzen in großer Zahl ab, werden weiß wie Kalk. Wie stellt man Artensterben künstlerisch dar? Anna Maria betupft, verwischt, und übermalt ihre Bilder, mitunter entsteht ein irritierendes Gleichgewicht zwischen den furiosen, abstrakten Gesten und den stillen Motiven. Beim Affen ist diese Aufregung noch idealistisch: „Seht her, ihr könnt uns noch schützen“ scheint der Primat sagen zu wollen. Im Bild „You can start again“ spürt man eher Resignation. Der Astronaut verlässt den unbewohnbaren Planeten, auf dem Weg zu einem anderen, noch lebensfeindlicheren Ort.

Im Interview erzählt Anna Maria von der Bedeutung einer entspannten Arbeitsumgebung, Grenzgängen zwischen Figuration und Abstraktion, und dem Aussterben unseres Planeten.

Marian Wild: Bei manchen deiner Bilder schien die Pandemie schon angekommen zu sein: Astronautenhelme, Menschen fast ohne Gesichtszüge oder ganz ohne Kopf. Deine Bilder sind oft gleichzeitig sowohl vertraut als auch fremdartig. Siehst du da einen Anknüpfungspunkt zu der aktuellen Krise?
Anna-Maria Schönrock: Bestimmt kann man Anknüpfungspunkte zur aktuellen Krise finden, in meiner Arbeit dreht es sich schon länger um eine andere (aktuelle) Krise, die Krise der Co-existenz von Mensch und Natur. Und die ist ja mehr oder weniger indirekt auch verknüpft mit der aktuellen Pandemie. Wenn ich mich in meinen Arbeiten mit unserem Umgang mit der Natur und Umwelt und den daraus resultierenden Konsequenzen beschäftige, also zum Beispiel Raubbau, oder der Ausbeutung der Natur, Klimawandel, Korallenbleiche, Artensterben und so weiter, behandle ich natürlich auch die Fragilität der (Öko-) Systeme und unsere Abhängigkeit von ihnen. Dass unser Leben, wie wir es bisher führen durften, auch sehr fragil sein kann und nichts davon selbstverständlich ist, wird uns durch die aktuelle Situation deutlich gezeigt. Eventuell schafft es diese Pandemie, dass wir in Hinblick auf den Klimawandel und so weiter etwas daraus mitnehmen und verstehen auf welch dünnem Eis wir unterwegs sind. Obwohl in den letzten Jahren die ersten Ankündigungen der Auswirkungen des Klimawandels auch bei uns deutlich zu spüren waren, scheint es immer noch ein abstraktes, räumlich und zeitlich entferntes Phänomen für uns zu sein. Ich versuche in meiner Arbeit dann eher subtil den Blick des Betrachters auf diese Themen zu lenken, in dem ich zum Beispiel Flora und Fauna im Verschwinden zeige oder sie in eine Art Parallelwelt übersetze, oder eben den Astronautenhelm, der uns fragt ob wir dann doch irgendwann den Planeten Erde hinter uns lassen müssen.

Du erschaffst technisch eine traditionelle Malerei mit Öl auf Leinwand, die Motive sind aber malerisch aus der Fassung gebracht. Dein Stumpfnasenaffe scheint von einer akuten, analogen Bildstörung befallen, die Koralle ist grobkörnig wie eine alte Fotografie. Manche Details haben mich an die Werke von Francis Bacon erinnert, der ja einen hochkritischen Blick auf die Welt geworfen hat. Was für eine Gesellschaft zeigst du uns da?
In den von dir genannten Bildern will ich ansprechen, dass viele Bereiche der Tier und Pflanzenwelt akut bedroht  oder bereits nicht mehr vorhanden sind. Eventuell können wir sie nur noch rückblickend betrachten und erleben, beispielsweise in Archiven oder als Fotografie oder Malerei. Ich frage mich und den Betrachter, ob dies ein Zustand ist, den wir anstreben und ob der Mensch damit zurechtkommen wird, wenn nur noch der Teil der Natur für ihn übrig und erfahrbar bleibt, der stark genug ist mit ihm zu bestehen. Denn dieser Teil wird sehr viel reduzierter sein, als das was momentan noch übrig ist. Diese Frage ist für mich auch eine Frage darüber, wie wir unsere Gesellschaft gestalten wollen. Wollen wir als Gesellschaft weiter machen wie bisher, konsum-, profit- und machtorientiert, und damit ein unsere Erde auszehrender Parasit sein, oder werden wir unsere Gesellschaft zu einer Symbiose mit unserem Planeten gestalten können? Ich denke, dass sich in den letzten Jahren schon einiges in eine gute Richtung bewegt hat, ich hoffe dass es so weitergeht und sich ein Bewusstsein für die brenzlige Lage in Politik, Wirtschaft und der Bevölkerung einstellt und ich mit meinen Bildern auch einen Beitrag dazu leisten kann.

Die Bilder wirken auf ihre Weise sehr ordentlich, selbst die abstrakten Übermalungen strahlen fast Entspanntheit aus. Wie ist dein Arbeitsprozess beim Malen?
Ich muss beim Malen auch wirklich entspannt sein und nicht von Emotionen getrieben werden damit es läuft, da hat wohl jeder seine persönlichen Präferenzen. Ich habe Freunde die brauchen laute oder pushende Musik, das ist bei mir nicht so. Wo sich wohl auch die Persönlichkeit widerspiegelt, ich bin schon eher ein ruhiger Typ und versuche generell möglichst entspannt unterwegs zu sein. Stress oder zu starke Emotionen machen mich fertig. Das heißt aber nicht, dass beim Malen dann immer alles total entspannt ist, da gehen die Emotionen schon ziemlich durcheinander wenn was nicht klappt oder man nicht weiter kommt. Die letzten Jahre hat es ganz gut funktioniert mir einige Monate im Jahr freizuschaufeln um dann konzentriert am Stück zu arbeiten. Ich muss natürlich auch Geldjobs machen und zwischendrin zu malen ist oft nicht so einfach. Der Arbeitsprozess sieht dann meistens so aus, dass ich mich zuhause erst mal mit der inhaltlichen Komponente beschäftige und viel recherchiere, lese, Bilder suche usw. Im Atelier gibt es dann meist eine experimentelle Orientierungsphase, in der ich viel ausprobiere und (hoffentlich) herausfinde wohin ich am Ende mit den Arbeiten will. Das kann sich auch mal ein paar Wochen hinziehen und dabei entsteht dann auch oft nicht viel Brauchbares. Aber es funktioniert für mich als Kartographieren und Skizzieren und wenn irgendwann der Punkt da ist an dem ich definiert habe was passieren soll, entstehen aus den dort gefundenen Ansätzen dann Bilder. Dann arbeite ich an vielen Arbeiten gleichzeitig, wenn ich bei einem Bild nicht weiter komme, stelle ich es zur Seite. Eventuell finde ich die Lösung dann in einem anderen Bild.

Zeitgenössische Malerei scheint sich immer in einer gewissen Zwickmühle aus Figuration, also erkennbaren Gegenständen, und Abstraktion, also geometrischen Formen zu befinden. Das eine erzählt, das andere gestaltet. Wie nimmst du diese zwei Ansätze wahr? Spielen sie gedanklich eine Rolle für dich?
Ich denke es ist eine nachvollziehbare Entwicklung, wenn man in die Geschichte der Malerei blickt, dass sich ein großer Teil der zeitgenössischen Malerei (und das mittlerweile ja schon länger) mit einer Verbindung von Figuration und Abstraktion beschäftigt. Es sind die beiden großen Bereiche der Malerei und wahrscheinlich setzt sich auch fast jede/r MalerIn irgendwann mit diesen auseinander. Ich finde, dass Erzählung und Gestaltung in beiden Ansätzen zu finden sind und in beiden auch weit mehr möglich ist. Eine Verbindung von Abstraktion und Figuration erweitert die Menge an Bausteinen für die Malenden, auch um Dinge die im Einen oder Anderen vielleicht erst mal nicht machbar sind. Wenn ich arbeite, denke ich nicht wirklich über diese Ansätze nach. Wenn ein Bild zu genau, zu figürlich wird, habe ich aber oft ein Gefühl, als ob ich mich und den Betrachter einschränken würde und zu viel vorgeben wird, inhaltlich und auch für die Malerei an sich. Wenn man das Objekt, die Figur zum Beispiel als Spielfläche sieht, kann ich mich von vielen Einschränkungen lösen und die Malerei kann freier werden. Dort entstehen dann meist die interessanten Dinge und manchmal auch richtig gute Malerei. Und darum geht es ja, egal in welche Richtung man arbeitet.

Weitere Informationen zur Künstlerin (KLICK!)




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