Neu in curt: Bluepingu-Kolumne

SAMSTAG, 1. AUGUST 2020, NüRNBERG



curt begleitet und berichtet ja schon lange immer wieder über Aktivitäten des Vereins BLUEPINGU. Nachdem es immer dringlicher wird, bewusst zu leben, über Konsum, Ressourcen, Verkehr nachzudenken, zum Nachdenken anzuregen, und natürlich entsprechend zu handeln, haben wir uns an Frank Braun gewendet. Frank soll ab sofort eine Bluepingu-Kolumne in curt hosten. Wir freuen uns sehr!

Frank, auf euere Website findet man unzählige Projekte, von Stadtgärten bis Leihfahrrädern. Wo seid ihr gerade am aktivsten?
Derzeit beschäftigen uns jahreszeitbedingt vor allem unsere ganzen Stadtgarten-Projekte und die Essbare Stadt Nürnberg, als auch unser Projekt SDGs go local. Wir haben mittlerweile ja mehrere kleinere und größere Projekte für mehr Grün in der Stadt, und das auch noch essbar. Los ging alles mit dem Stadtgarten in Eberhardshof, der im Schatten des Quelle-Turms auch heute noch unser größtes Gartenprojekt ist. Einen passenderen Standort hätten wir dafür nicht finden können. Im Schatten des leerstehenden Quelle-Komplexes, der unserer Meinung nach Symbol für ein scheiterndes Wirtschaftsmodell ist, haben wir 2010 begonnen, ökologisch zu gärtnern. Alle Gartenprojekte verbindet, dass wir möglichst mit regionalen samenfesten Sorten arbeiten, 100% Bio sind und uns als Gemeinschaftsgartenprojekte verstehen, um auch unser Verständnis von gemeinsamen Leben dort einzuüben. Niemand hat hier seine eigenen Beete, es gibt keine Bestimmer*innen, geerntet wird gemeinsam und entschieden wird gemeinsam.
Es zeigt sich nach zehn Jahren, dass so ein System gut funktionieren kann. Mittlerweile haben wir auch noch in der Nürnberger Südstadt in der Wiesenstr. 19 Die Wiese, in der Fürther Südstadt das Südstadtgärtla in der Herrnstraßen-Anlage und das Projekt Essbare Stadt Nürnberg mit seinen Pilotflächen nahe der Jakobs- und Egidienkirche. Hierzu hat sich mittlerweile auch ein Ernährungsrat gegründet. Ernährungsräte (Englisch: food policy councils) sind Plattformen, mit denen Bürger*innen die Ernährungspolitik auf lokaler Ebene mitgestalten können. Sie sind in der ganzen Welt verbreitet und bringen Menschen zusammen, um gemeinsam die lokale Versorgung mit Lebensmitteln auf sozial und ökologisch nachhaltige Weise zu organisieren. Ziel des Ernährungsrates ist es auch, eine ökologisch und sozial verträgliche Landwirtschaft auch auf den Grünflächen der Stadt zu unterstützen. Diese ist ein wichtiger Beitrag, um Ressourcen wie Boden, Wasser, Artenvielfalt und Luftqualität zu erhalten. Lebensmittelverschwendung ist ebenso ein wichtiges Thema.

Auch in Fürth tut sich gerade viel. So wird dort in einem breiten Bündnis mit der Stadt Fürth über eine Nutzung der alten Feuerwehr als öko-soziales Wandelzentrum diskutiert und ein Zukunftssalon ist entstanden, das TaTüTaTa in der Hirschenstr. 33 in Fürth. Das TaTüTaTa ist ein Wandelort, an dem wir zeigen möchten, was gemeinschaftlich genutzte Orte für die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit bringen können. Das alles natürlich mit Blick auf den Fürth.Ort, die Alte Feuerwache, die Bluepingu als große Nachfolgeversion des Tatütatas gemeinsam mit der Stadt Fürth und anderen Initiativen entwickeln möchte. Der Fürth.Ort wurde gerade mit dem auf 10.000 Euro dotierten Bayerischen Innovationspreis Ehrenamt ausgezeichnet. Zudem wurde die Initiative vom Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales für den Deutschen Engagementpreis nominiert.

Was ihr tut basiert auch immer auf (Bürger-) Beteiligung und es geht um Lebens- und Stadtverbesserung. Erkennt ihr hier einen Trend?
Absolut! Deutschland hat 2015 die nachhaltigen Entwicklungsziele verabschiedet und auch das Pariser Klimaschutzabkommen mit unterzeichnet und doch passiert weiterhin viel zu wenig. Noch schlimmer, auch fünf Jahre nach Start dieses bis 2030 ausgelegten Projektes, dass von 191 Ländern weltweit unterzeichnet wurde, kennen die meisten Menschen auch hier im Großraum die Ziele kaum. Wie soll Deutschland Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit etc. Wirklichkeit werden lassen, wenn die Menschen, die hier leben, nicht eingebunden sind? Es ist wohl in vielen Köpfen politischer Eliten noch nicht angekommen, dass die Umsetzung dieser 17 Ziele ( www.17ziele.de ) ohne eine Einbindung aller Menschen z.B. in einem Stadtteil nicht möglich ist. Deshalb haben wir jetzt das Projekt SDGs go local gestartet, wo es darum geht, vor Ort in zwei Pilotvierteln der Region – St. Johannis in Nürnberg und die Fürther Südstadt – zu zeigen, dass eine breite Mehrheit willens ist, diesen dringend nötigen Wandel mitzugestalten. Das Projekt ist langfristig angelegt, aber schon nach dem ersten Jahr zeigt sich, dass unser Ansatz wirksam ist. Eine Reihe von Arbeitsgruppen sind vor Ort entstanden, aber viel wichtiger als das „Was“ ist das „Wie“. Wir üben in diesem Projekt gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, gemeinsam zu entscheiden und zu lernen, nicht nur die eigenen Interessen im Blick zu behalten, sondern auch das Gemeinwohl. Das ist nicht immer leicht, aber unseres Erachtens der einzig gangbare Weg. Wir arbeiten nicht nur in diesem Projekt, sondern auch allgemein im Verein, dabei mit bewährten, über viele Jahre entwickelten Techniken des Entscheidens und Konseniserens. Wer sich dafür interessiert, was dahinter steckt, dem sei der „Praxisleitfaden Soziokratie“ ans Herz gelegt, der das alles wunderbar zusammenfasst.

Wo kann man aktiv mitwirken?
Mitmachen kann Mann/Frau grundsätzlich in allen Projekten. Oftmals kommen aber auch Menschen mit Ideen zu uns, die sie sich alleine nicht zutrauen, um Mitstreiter*innen zu gewinnen. So ist z.B. das LeihBu entstanden, ein Buch, das alle Orte in Nürnberg zeigt, die ohne Geld funktionieren, also z.B. Verschenkregale, Verschenkläden, Foodsharing-Verteiler usw.

Wie kann man selbst die Stadt verbessern, auch ohne Bluepingu?
Es gibt unzählige Möglichkeiten. Die oben erwähnten nachhaltigen Entwicklungsziele zeigen die Themenfelder gut auf.
Hier mal meine Top 3:
1. Baumpate werden: Habt ihr eine Baumscheibe vor dem Haus, die nicht sehr ansehnlich ist? Dann werdet Baumpate und macht die Baumscheibe schön. Ihr bekommt dazu sogar von der Stadt Nürnberg ein Starter-Paket als Unterstützung.
2. Einkaufen mit Herz und Verstand: Beim Einkauf auf öko-fair-regionale Herkunft der Waren achten. Längst gibt es nicht nur beim Essen Alternativen zur Massentierhaltung etc. Egal, ob Büromaterial, Möbel, Kleidung oder Kosmetik, wir haben eigentlich immer die Wahl.
3. Mobil sein ohne Auto: Auch wenn das Radwegenetz sicherlich nicht perfekt ist, so ist der Großraum doch auch ohne Auto wunderbar zu durchqueren. Autos nehmen einen großen Teil städtischen Flächen ein. Wenn wir alle Autos teilen würden, oder noch besser auf Fahrrad und ÖPNV umsteigen, könnte unsere Stadt so viel schöner sein. Gerade kämpfen wir ja im Bündnis Nürnberg for Future für das 365€-Ticket im ÖPNV für die Region und im Bündnis Radentscheid für ein besseres Radwegenetz.

Gerade werden viele Parkplätze zu Gastroflächen. Solche Flächen umzunutzen, das war schon immer euer Plan.
Ja, wie schon in der vorherigen Frage aufgezeigt, scheint es uns eine große Verschwendung, so viel Fläche mit Blech zuzustellen, das mehr als 90% der Zeit nicht genutzt wird. Das ginge sicherlich auch anders. Auch die Essbare Stadt und unsere Stadtgärten nutzen vorher hässliche Brachflächen um. Aber es geht auch um Leerstandsimmobilien. Hier könnten auch temporäre Pop-up-Konzepte, wie das TaTüTaTa in Fürth zeigt, unsere Innenstädte beleben. Es ist eine Verschwendung, wenn ganze Gebäudekomplexe wie die Quelle über Jahre leerstehen.

Autos raus aus der Innenstadt – der Lockdown hat es gezeigt, wie das aussehen kann. Wie sollte es hier weitergehen?
Auch das Thema habe ich ja schon angeschnitten. Wir brauchen sicherlich hier viel bessere Verkehrskonzepte, die gerade auch heute schlecht angebundene Ortsteile gut integrieren. Da sollte man ganz neue Wege gehen. Amsterdam, Kopenhagen und andere Städte zeigen uns, wie das gehen kann, den Autoverkehr in den Städten signifikant zu reduzieren. Und dort ist das Klima sicherlich nicht besser als hier in Franken.

Fühlt ihr euch von den regionalen Medien gut mitgenommen?
Grundsätzlich bekommen wir schon immer wieder gute Berichterstattung. Generell nimmt das Thema des öko-sozialen Wandels aber in den Medien noch viel zu wenig Raum ein. Es geht um nichts weniger als unsere Zukunft. Was könnte da wichtiger sein? Hier gilt es, auch unangenehme Themen wie den Umbau unserer Wirtschaft offen und im Dialog zu bearbeiten.

Werdet ihr von der Stadt/Stadtverwaltung ausreichend unterstützt?
Natürlich sind wir mit der Stadt nicht immer einer Meinung, das liegt in der Natur der Sache. Aber wir haben eine Vielzahl von gemeinsamen Projekten, wie z.B. die Fairtrade Stadt, über die Jahre umgesetzt und erleben die Stadt grundsätzlich als Partner, der uns zuhört und auch immer wieder unterstützt.

Ab sofort hat Bluepingu eine Kolumne in curt. Werden wir gemeinsam die Stadt etwas besser machen?
Durch die Kolumne sicherlich nicht, aber vielleicht gelingt es ja, dass nach dem Lesen jedes Mal ein paar Menschen mehr mitmachen auf dem Weg zu einem ökologisch und sozial gerechten Miteinander. Das wäre unser Wunsch!
Genau das hatte ich gemeint. Wir freuen uns drauf!

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Bluepingu e.V.
ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Nürnberg, der sich im Jahr 2008 formiert hat, um „(die) Franken zu einem nachhaltigen Lebensmodell zu bewegen“. Bluepingu möchte durch seine Arbeit einen Beitrag zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensbedingungen leisten. Unter dem Motto »Gemeinsam Zukunft bauen - ökologisch, fair und regional« will Bluepingu damit jede*r Bürger*in die eigenen Möglichkeiten aufzeigen, zu einer gesunden Umwelt und sozialen Gesellschaft beizutragen und sie ermutigen, selbst Teil der Veränderung zu werden. Durch kleine Schritte die notwendigen großen Veränderungen anzustoßen und zu beschleunigen.
Bluepingu e.V. versteht sich als Teil des globalen Transition-Town-Netzwerkes, bei dem es darum geht, eine ökologisch und sozial gerechte Stadtgesellschaft vorzuleben und über Pilotprojekte Lust dazu zu machen, selbst Teil dieser Bewegung zu werden.

Alles zu den Projekten unter www.bluepingu.de/projekte
www.transitionnetwork.org
 




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