Robin Greipel | Spuren im Labyrinth der Bedeutungen

FREITAG, 17. JULI 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in, #Robin Greipel

Locked in | 018 – Kunstwerke sind eine fiese Sache. Da gibt es welche, die schaut man sich an und kann beim besten Willen nichts darin erkennen, findet keine Beziehung dazu, keinen Sinn, verzweifelt unmittelbar etwas an der eigenen Unfähigkeit und geht etwas geknickt und verunsichert weiter. Und dann gibt es diese anderen Werke, da schaut man hin, denkt sich „Eindeutig, ein Vogel“, freut sich und fühlt sich bestätigt, der Tag und die Ehre sind gerettet.

Beide Arten von Kunstwerken sind ziemlich gemein, die zweite Sorte vermutlich mehr als die erste. Was, wenn ich euch nun sagen würde, dass der Vogel gar nicht da ist? Dass der Künstler nie einen Vogel gemalt hat? Dass ihr den Vogel nur dann seht, wenn ihr ihn unbedingt sehen wollt? Und schon ist die ganze Freude verflogen. So geht es beileibe nicht nur Museumsbesuchern, die Gefahr ist auch in der Fachwelt ein ständiger Begleiter. Die Besten des Fachs versteigen sich manchmal zu einer Deutung von Kunstwerken, die sich im Nachhinein als zumindest diskutierbar, im schlimmsten Fall völlig absurd herausstellt. Es liegt in der Natur der Kunstwerke, sagen mehrere Kunstheoretiker tröstend. Unser Gehirn sucht vertraute Formen und ergänzt sie auch da, wo sie nicht sind, vermutlich um uns in der Grassteppe zu beruhigen: „Keine Gefahr, Höhlenmensch, es sind nur raschelnde Halme, kein Löwe.“
Bei der Zeichnung „ohne Titel“, Abbildung 5 in der Galerie, habe ich natürlich sofort an eine Szene aus Metropolis gedacht, dem Film von Fritz Lang aus den 1920ern. Unten die Maschinentürme, oben die große „Uhr“, an der ein Arbeiter die Zeiger und vermutlich damit den Dampfdruck justiert. Aber das war nicht das Ende der Tragödie in meinem Kopf. Nein, eindeutig eine Zeichnung der Installation „The Weather Project“ von Olafur Eliasson, dachte ich dann. Er kann ja nicht beides gemalt haben, und letztlich, wir kommen zum brutalen Finale, ist es weder das eine noch das andere. Robin malt diese Motive nicht, die ich sehen kann, das ist die harte Realität für mich. Ich mag ihn trotzdem gern.

Im Interview erzählt Robin von der Faszination der Höhlenmalerei, der Poesie von Archivalien und langsamen Zeichengeräten.

Marian Wild: Man hört du verbringst die Krise auf dem Land, unter Kühen und Kälbern. In Nürnberg wohnst du an einer recht lauten Straße, wenn ich mich richtig erinnere. Was hat die Krise bei dir ausgelöst, was ist deine Strategie damit klarzukommen?
Robin Greipel: Sulzbach-Rosenberg ist mit seinen 20.000 Einwohnern natürlich kein Vergleich zu einer Großstadt wie Nürnberg, aber ganz so ländlich wie du denkst ist es dann auch nicht. Um Kühe zu sehen muss man schon ein paar Minuten aus der Stadt fahren. Davon abgesehen merkt man hier durchaus einen deutlichen Unterschied inwiefern sich die Krise auf das Leben der Menschen auswirkt. Weil jeder ein eigenes Grundstück mit Garten hat nutzen viele diese Zeit um in diesem zu arbeiten, den Hof neu zu pflastern und andere Dinge am Haus zu erledigen. Wir sind da keine Ausnahme. Man sieht viele Spaziergänge, Fahrradfahrer und Wanderer die das wäldliche Gebiet um unsere Stadt erkunden, oder durch die Straßen flanieren. Vergleicht man diese Situation mit der Zeit vor der Krise, dann ist die Stadt jetzt wahrscheinlich sogar belebter. Aus diesem Grund berührt mich die Krise hier kaum. Den täglichen sozialen Kontakt zu meinen Eltern schätze ich gerade ganz besonders. Wie wahrscheinlich jeder habe ich viele Projekte die ich vor mir hergeschoben habe und diese kann ich jetzt in aller Ruhe anpacken. Das Einzige das mich wirklich an diesem Lockdown stört ist, dass meine Prüfungen für das erste Staatsexamen auf unbestimmte Zeit verschoben wurden.

Manche deiner Arbeiten wirken auf den ersten Blick wie altertümliche Archivalien: Zeichnungen auf braunem Papier mit kryptischen Geometrien wie aus alten Mathematikbüchern, Schaukästen mit aufgespießten Origamiformen, die an Schmetterlingssammlungen erinnern. Welche persönliche Beziehung hast du zu Museen und Archiven? Was bedeuten sie in der heutigen Zeit?
Genau, wichtig ist für mich in meinen Arbeiten der Schein. Das suggerieren von Bedeutung wo keine ist. Unterstützt wird dies durch die Wahl des Materials und die Klarheit der Zeichnungen. Es liegt in der Natur des Menschen Symbolen oder Plänen, an die viele meiner Arbeiten erinnern, einen Sinn zuzuschreiben. Das spannende ist für mich wenn mir Betrachter sagen, was sie in den Arbeiten sehen. Die Beobachtungen und Interpretationen gehen hier oft weit auseinander. Die Art der Präsentation spielt hier eine sehr wichtige Rolle. Eine ordentliche Rahmung oder ein eigens für die Arbeit angefertigter Schaukasten verleihen den Zeichnungen und Objekten eine weitere Bedeutungsebene und verstärken den Reliquiencharakter weiter. Präsentationsformen sind auch das was mich besonders bei Besuchen in Museen interessiert. Museen und Archive sind an sich auch nur eine Art der Präsentation, ein Bedeutungsträger in dem Alles was sich darin befindet an Wichtigkeit gewinnt. Diese Institutionen ermöglichen es Arbeiten im Original zu erleben. In unserer Gegenwart der digitalen Bilderflut erhalten sie für mich somit eine noch größere Wichtigkeit.

Du scheinst ganz bewusst als Person hinter deine Arbeiten zurückzutreten, der Strich der Zeichnungen ist genauso technisch wie die Origami. Das scheint mir eine sehr japanische Einstellung zu sein. ist das eine der Sachen, die du von dort mitgebracht hast?
Dass ich hinter meinen Arbeiten zurücktreten würde habe ich schon öfter gehört. Ich verstehe allerdings nicht wirklich was das bedeuten soll. Bedeutet das Zurücktreten die Arbeiten wären unpersönlich? Für mich ist eine Arbeit immer mit dem Künstler verbunden, auch wenn sie technisch anmuten mag. Die Auswahl der Materialien, die Erarbeitung des Motivs, der Präsentationsform und die Titelgebung – das sind alles überaus persönliche Entscheidungen die der Künstler treffen muss. Eine unpersönliche Arbeit kann ich mir nur schwer vorstellen. Betrachtet man meine auf den ersten Blick perfekt symmetrisch anmutenden Zeichnungen genauer, fallen einem Spuren auf, die durch den Arbeitsprozess entstanden sind. Die Zeichnungen auf braunem Papier fertige ich mit einem Scriber an, der Architekten bis zur Digitalisierung dazu diente Pläne anzufertigen. Die Arbeiten bestehen aus vielen einzelnen Symbolen, welche aus dem Formenschatz der Architektur gegriffen sind. Durch das manuelle Positionieren des maschinellen Zeichenarms und das Drücken einer Taste gebe ich dem Scriber den Auftrag eines dieser Symbole auf das Papier zu schreiben. Durch das langsame Tempo des Apparates, den ich nicht beeinflussen kann, bekommt der Arbeitsprozess etwas Meditatives für mich. Weil die Maschine nun auch schon um die 40 Jahre alt ist und Verschleißerscheinungen aufweist, und weil mir bei dieser präzisen und langwierigen Arbeitsweise immer Unachtsamkeiten passieren, hinterlasse ich unabsichtlich Spuren in der Arbeit. Das Meditative und Klare in meinen Arbeiten lässt sich sicher mit einer japanischen Einstellung verbinden. Allerdings habe ich mir diese nicht bei meinem Besuch in Japan angeeignet. Mein Interesse an dieser Kultur rührt wohl daher, weil ich bereits eine ähnliche Einstellung habe.

Deine Graphitzeichnung zeigt einen stürzenden Hahn [dachte ich damals beim Formulieren der Frage :D ]. Das ist als Zitat nicht schwer mit dem stürzenden Adler von Baselitz in Beziehung zu bringen, aber es ist ein anderes Medium und der Fokus ist anders gewählt. Was interessiert dich an bestehenden Kunstwerken, welche schaust du auch mal länger an?
Die Zeichnung ist aus einem Triptychon gegriffen. Meine Grundidee zu dieser Arbeit war moderne Höhlenmalereien zu erschaffen. An öffentlichen Plätzen in Großstädten kann an Architektur aus Beton beobachtet werden, dass Botschaften hinterlassen werden. Wörter oder Zeichnungen, Spuren verschiedener Menschen die sich dort aufhielten und bewusst oder unbewusst Botschaften für Andere hinterließen. Für mich hatte das Ganze Ähnlichkeit mit einem urtümlichen und anonymen Kommunikationsnetzwerk. Ich habe mich davon inspirieren lassen und Platten aus Beton gegossen, auf denen ich mit Graphit und einem Nagel durch Zeichnen und Aufkratzen der Oberfläche Spuren hinterlassen habe. Als Zitat von Baselitz' Arbeit war diese Arbeit nicht gedacht. Aber es ist interessant, dass du meine Hypothese, der Mensch würde nach einer Bedeutung in Allem suchen, bestätigst. So gesehen war meine Arbeit wohl ein Erfolg. Ich denke es ist grundsätzlich schwierig heute Künstler zu sein, ohne dass die eigenen Arbeiten Ähnlichkeiten mit bereits Dagewesenem aufweisen. Auch wenn man es nicht beabsichtigt, so prägen einen die Bilder, die man gesehen hat, unterbewusst und beeinflussen den Arbeitsprozess indirekt. Diese gegenseitige Beeinflussung der Künstler untereinander war schon immer ein Teil dieses Betriebs. Es ist notwendig sich dieser Ähnlichkeit bewusst zu werden, um seine eigene Position zu hinterfragen und zu präzisieren. Ich versuche mir zu jedem Werk, ob es mich nun anspricht oder abstößt, Gedanken zu machen, auch wenn das manchmal natürlich schwer fällt. Zu wissen warum einem etwas nicht gefällt kann manchmal sogar hilfreicher sein als das Gegenteil.

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