Anton Atzenhofer | Every little thing he does is magic

FREITAG, 10. JULI 2020

#Anton Atzenhofer, #Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in

Locked in | 017 – Die Frau mit Steckfrisur trägt ein langes, zweifarbiges Kleid und Samthandschuhe. Der Titel des Bildes, eine Referenz an die New-Wave-Band „The Police“, wirkt wie aus der Zeit gefallen, ein nostalgischer Blick in die pastelligen 1950er Jahre, denkt man auf den ersten Blick. So einfach könnte es sein, doch die Dame blickt nicht nur mit tiefen, erbarmungslosen Augen zum Betrachter, sie hält in ihrer rechten Hand eine Wassermelone und in der linken einen Säbel.

Was hat sie vor? Wird sie die Melone in der Luft zerschlagen, den Betrachter mit Obst bewerfen, posiert sie für ein surreales Modemagazin? Bange fragt man sich ob man die Begegnung vor der malvenfarbenen Wand überleben wird. Es sind sanft-dadaistische Geschichten wie diese, mit denen Anton Atzenhofer seine Bilder bevölkert: Nudisten im Wetterhäuschen, einerlei ob bei Sonne oder Regen, oder die wahlweise leicht zotigen oder morbiden Zeichnungen der „Lesen“-Serie. Lesen statt ackern, lesen statt morden, beiden gönnt man die Pause. Unverwechselbar sind die beiden prägnantesten Modeikonen unserer Zeit, Karl Lagerfeld und Iris Apfel, die leichte Absurdität der beiden Charaktere schwingt mit. Tief in die Beobachtungsweise blicken lässt die Tusche-Aquarellzeichnung „der Ruhepol“: Ein breites Repertoire an Mimik und Gestik versammelt sich in der Barszene, kinskihafte Figuren beschallen blonde Frauen, der Schönling mit lilafarbenem Haar am unteren Bildrand ist vom wandelnden Zombie nur auf den zweiten Blick zu unterscheiden. Mittendrin sitzt ein hellgesichtiger Raucher, mit Weinglas und offenem Hemd, gleichzeitig Ruhepol und beunruhigendster Charakter des Bildes. Eine wehmütige Remineszenz an die Zeiten vor Corona, könnte man kurz denken.

Im Interview erzählt Anton von der Wichtigkeit des Humors, typischen Gesichtern und Länderreisen im eigenen Wohnzimmer.

Marian Wild: Viele deiner Bilder sind offenbar nach Eindrücken auf Reisen entstanden, man findet zum Beispiel einige Szenen aus Venedig. Wie wichtig ist dir das Reisen, und wie sehr fehlt es dir momentan?
Anton Atzenhofer: Im März und April hätte ich normalerweise an zwei Kunstmessen in München und Köln teilgenommen, über Ostern Verwandte in der Oberpfalz besucht und einige Tage Urlaub auf Madeira gemacht. Insofern hat mich Corona vor einigen langen Bahn-und Flugreisen und ständigem Koffer-Ein- und Auspacken bewahrt. Schlimmer als die ausgefallenen Reisen finde ich die fehlende Unbeschwertheit im Nürnberger Sommer. Eigentlich ginge jetzt die Freiluftsaison mit entspannten Spaziergängen und Einkehr unter freiem Himmel los. Im Übrigen haben wir hier in Nürnberg, vom Meer mal abgesehen, alles was man zum glücklich sein braucht. Wenn ich unterwegs bin, habe ich ein Skizzenbuch dabei, auch wenn ich in Nürnberg im Café sitze. Skizzenbücher sind für mich visuelle Notizblöcke, in denen festhalte, was ich sehe oder was mir gerade einfällt, um es später als Fundus für Bilder zu verwenden. Beispielsweise haben zwei große neue Acrylgemälde mit Cafébar-Szenen ihren Ursprung in Zeichnungen aus meiner Lieblingsbar in Palma. Im Moment mache ich gerade eine Weltreise durch die Wohnung. Ich suche mir Gegenstände und zeichne länderspezifische Stillleben – Afrika, Spanien, Italien und Russland hab ich schon bereist. Als nächstes kommt Mexiko…

Du bist gelernter Druckvorlagenhersteller, hast in Nürnberg in der Klasse des Akademieprofessors und Grafikdesigners Heinz Schillinger studiert. Du hast in Erlangen wissenschaftliche medizinische und anatomische Fachliteratur illustriert, seit den 1980ern zeichnest du für diverse Zeitschriften und Verlage Comics und Illustrationen. In deinem Werk findet sich jede Menge verschiedene Zeichen- und Maltechniken wie Acryl, Aquarell und Tusche. Was gibt den Ausschlag, wann du dich für welche Technik entscheidest?
Ich habe mich nie so richtig auf einen Stil oder eine Technik festlegen wollen, dafür probiere ich zu gerne immer mal was Neues aus. Die verwendete Maltechnik hängt letztendlich vom Motiv ab. Jede Technik hat da ihre Vorzüge. Die Zeichnung ist eine spontane Methode, die ein schnelles detailreiches Ergebnis bietet. In der Malerei kommen Farben und Lichtsituationen besser zur Geltung. Manchmal gibt es auch zuerst eine kolorierte Tuschezeichnung, bei der ich mich mit dem Motiv auseinanderzusetze und nach dieser Vorlage entsteht dann ein großes detailliertes Acrylbild. Vor kurzem, auf einer Wienreise (zum Besuch einer Monetausstellung) hat mich die Malerei aus der Zeit des Expressionismus und Fauvismus, die ich bis jetzt nicht so auf dem Schirm hatte, sehr begeistert. Mal sehen wozu mich das noch inspirieren wird …

Deine Bildmotive sind höchst unterschiedlich, aber fast immer steht eine menschliche Figur im Zentrum der Komposition. Was fasziniert dich so an Menschen, dass du dieses gewaltige Repertoire an Figuren entwickelt hast?
Ich bin ein kommunikativer Mensch, da sind Personen naheliegend. Menschen sind auf den ersten Blick im Aussehen sehr unterschiedlich und dann paradoxerweise doch wieder im Typ und Verhalten ähnlich, das bietet für mich als Künstler ein breites Spektrum an Möglichkeiten, mit Klischees und Erwartungen zu spielen.
Einige Bilder haben einen herrlichen, teils schwarzen Humor. Streckenweise habe ich mich an die Comics des erst kürzlich verstorbenen Albert Uderzo erinnert gefühlt, des „Vater“ von Asterix, dessen Gefühl für Mimik und Körperhaltung ja gewaltig war. Welche Comics hast du früher gelesen, wann und wie bist du damit in Berührung gekommen?
Ohne Humor geht's für mich nicht im Leben, auch nicht in der bildenden Kunst. Uderzo und, nicht zu vergessen, sein Texter Goscinny sind natürlich Giganten des Humors, aber da gibt es noch so viele andere in dieser Kunstform. Ich wüsste gar nicht, wann ich aufhören sollte, wenn ich einmal anfinge, darüber nachzudenken wer mich alles beeinflusst hat. Meine künstlerische Sozialisierung kommt ja aus dieser Ecke der Popkultur. Comics und Kino waren für mich prägend, auch das Erzählerische in diesen Kunstformen. Für mich ist ein Bild immer eine Art Schnappschuss, zu dem es ein Vorher und ein Nachher gibt, selbst bei einem Portrait. Ich lade die Betrachter ein, über eine Geschichte zu meinen Bildern nachzudenken, wenn sie Lust darauf haben. Ich will aber keinesfalls Rätsel aufgeben, ein Rätsel hat ja nur eine Lösung und auch so etwas besserwisserisch Belehrendes. Das liegt mir fern, mir gefällt der spielerische Umgang mit Bildinhalten. Da weiß ein Betrachter auch nicht mehr oder weniger als ich, wir sind quasi auf Augenhöhe, das finde ich prima.

Weitere Informationen zum Künstler (KLICK!)




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