"Ein schwer erträglicher Zustand." Der Musikverein im Corona-Talk

MONTAG, 27. APRIL 2020, KANTINE

#Clubs/Diskotheken, #Corona, #coronasucks, #Interview, #Kantine, #Konzert, #Kultur, #Musikverein, #Nürnberg, #Stadtgeschehen

Da lebt man eh schon im Exil, dann brennt die Bude auf einmal, muss monatelang geschlossen bleiben und instand gesetzt werden, man ist auf Soli-Aktionen mit angewiesen und kann spät aber doch wieder eröffnen. Und dann kommt Corona ums Eck und macht den Laden wieder dicht. So geschehen dem Musikverein in der Kantine. Nach dem offenen Brief der Kulturschaffenden vergangene Woche wollte wir vom mitunterzeichnenden Verein wissen, welche Maßnahmen er sich jetzt wünscht. Und überhaupt, wie es so läuft. 

CURT: Ihr habt den Appell der Kulturschaffenden an die Stadt Nürnberg mit unterzeichnet. Welche Reaktion erhofft oder wünscht ihr euch jetzt von der Stadt? 
MUSIKVEREIN: Wir hoffen stark darauf, dass zumindest in Schritten bei den Hilfen für Künstler*Innen und Soloselbständigen nachgebessert wird. Das auch auf Bundesebene: Die mehr schlechte als rechte Übernahme der Maßnahmen für Künstler*Innen aus Baden-Württemberg soll ja nachgebessert werden.  Kulturschaffende und deren Verbände sowie den zahlreichen „Kleinen“ ohne größere Lobby, setzen sich gerade dafür ein, dass die Hürde „Mitgliedschaft in der KSK“ fällt. Denn da fallen ja wieder die Ärmsten – und meisten – durchs Raster.
‏Für Nürnberg auf kommunaler Ebene gesprochen fänden wir eine zentrale und niedrigschwellige Hilfsaktion toll. Nicht ein bisschen betteln gehen bei der Sparkasse und dann die Szene mit einem gefühlt hochironischen Verweis auf Eigenermächtigung sich selbst retten lassen, damit sie – im worst case – wieder für städtische Projekte, die schön undergroundig und szenig sein sollen, in einer Postcoronazeit zur Verfügung steht. 
‏Außerdem fänden wir es stark, wenn sich auf kommunaler Ebene für das bedingungslose Grundeinkommen eingesetzt würde und an Lösungsansätzen für Mieterleichterungen für alle gearbeitet würde.
 
Bekommt der Musikverein denn bereits Hilfen auf irgendeine Art?
‏Als Verein und Gruppe im Künstlerhaus bekommen wir ja grundsätzlich städtische Gelder, die wir jährlich neu beantragen. Derzeit fließen unsere ganzen Mittel, die wir dann eigentlich für unser Programm bekommen oder über Gastro und Eintritt selbst erwirtschaftet haben, in die strukturelle Aufrechterhaltung. Das könnte für unseren Status zu einem Problem werden. Es gibt hier noch keine Corona-Sonderregelungen, aber wenn Gruppen oder Vereine Gelder übrig haben, könnten diese künftig ‪– was zu befürchten wäre ‪– auch gekürzt werden‪,‬ wenn sie nicht verbraucht werden. Aber im Grunde wird ja gerade mehr für uns gekämpft‪,‬ wofür wir auch dankbar sind‪.‬ Im Hinblick auf die Zukunft wird man sehen‪,‬ das wird sich noch klären in der nächsten Zeit.
‏Das Künstlerhaus‪,‬ von dem wir ja ein Teil sind‪,‬ arbeitet vor allem gerade an Sonderzuschüssen für die Gruppen. Da sind wir super dankbar, wenn was rumkommt. Im Hilfe bekommen haben wir ja gerade momentan etwas … Erfahrung: Wir kamen ja vor dem Shutdown gerade erst aus der Schließung wegen der Brandstiftung (heul). 2021 wird also ganz bestimmt unser Jahr. Nach dem Brandanschlag haben die Leute ja schon wahnsinnig großzügig für uns gespendet – und sie tun es rührenderweise sogar bis jetzt noch weiter! Dafür möchten wir euch am liebsten alle herzlichst drücken! Aber in dem Zuge wollen wir anmerken: Wir sind nicht diejenigen, die es gerade am härtesten trifft von allen. Spendet im Moment gern lieber an die Desi oder das Projekt 31
 
Worin besteht für euch derzeit die größte Gefahr, müsst ihr, sofern ihr das jetzt sagen könnt, um das Überleben fürchten?  
Das ist noch schwer zu sagen. Es wird sicher darauf ankommen, wie lange der Lockdown anhält bzw. wann wir, unter welchen Bedingungen auch immer – flexibel sind wir ja – wieder aufmachen können. Also – wir fürchten uns weniger als andere, mehr als viele. Es ist nicht das Jahr der genauen Aussagen. Schlimm ist es, dass wir Minijobber und Selbständige normalerweise recht regelmäßig beschäftigen  – und das gerade nicht können, genauso wie die Künstler*innen, die wir buchen, die sich einen Teil ihres Lebensunterhalts dadurch mitverdienen, und wir die nicht mit auffangen können. Das ist für uns ein sehr schwer erträglicher Zustand.
 
Was könnte die Stadt Nürnberg aus dieser Krise lernen, um ihre Kulturpolitik entsprechend anzupassen?
Sie könnte lernen, zu lernen. Von ihren Protagonisten aus der Subkultur. Deren Bedarfe und Wünsche und Feedback wirklich ernst zu nehmen. Und zwar nicht nur dann, wenn es gerade in den Projekt-Kram passt. Sondern die Strukturen dauerhaft zu verbessern, für alles, was unter der Wasserstandsmarke Theater und Opernhaus liegt. Ihre Förderanträge öffnen für nichtorganisierte Strukturen und lose Zusammenschlüsse von Personen, mithin weniger Bedingungen stellen, Bürokratie generell mindern. Und vielleicht auch einfach in den Sessel zurückLehnern und schauen, was die Einwohner*Innen unserer geschätzten großen Kleinstadt so alles Erstaunliches aus diversen Hemdsärmeln schütteln, ob nun solche mit langjähriger Szenekenntnis und -Erfahrung oder solche, die ganz neu dabei sind. Ernst genommen werden möchten wir alle.

Worin besteht momentan eure Arbeit und könnt ihr den Lockdown in gewisser Weise nutzen?
Wir arbeiten an digitalen Konzepten für Formate, die wir dafür für geeignet halten. Ausprobiert haben wir das auch schon mit dem Feministisch Biertrinken Pubquiz online – ein Format, dass wir in der Kantine eh immer mal machen wollten, und jetzt hatten wir dafür die Muse. Ansonsten hören wir natürlich nicht auf zu buchen, zu verschieben und anzufragen. Wir verfolgen Nachrichten, Politik und Kulturgeschehen, tauschen uns aus und tagen virtuell. 

https://musikverein-concerts.com/




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