Nürnberger Tafel: Systemrelevant im Ehrenamt

FREITAG, 17. APRIL 2020

#Corona, #coronasucks, #Interview, #Nürnberg, #Nürnberger Tafel

1,6 Millionen bedürftige Menschen in Deutschland haben die Berechtigung, bei den Tafeln einzukaufen. Und in vielen Städten wegen der Coronakrise derzeit keine Anlaufestation mehr. Die Nürnberger Tafel hat auf die Krise reagiert und ein Ausgabesystem mit fertig gepackten Tüten eingeführt. Wir haben bei Projektleiterin Edeltraut Rager nachgehört, wie sie und ihr Team die Krise derzeit bewältigen.

CURT: In anderen Städten haben die Tafeln teilweise schon geschlossen. Die Nürnberger Tafel hat auf ein Ausgabe-System umgestellt. Wie funktioniert das?

RAGER: Wir haben auf Tüten umgestellt. Sonst geht der Kunde bei uns ja durch wie durch einen Laden, sodass er sich relativ lange in der Ausgabe aufhält. Das war der Knackpunkt: Wir wollten die Verweildauer reduzieren. Deshalb bekommt man jetzt, seit es die Ausgangsbegrenzung gibt, immer mindestens drei Tüten. Eine mit Trockenwaren und Brot, eine mit Obst und Gemüse, eine mit Frischwaren und Milchprodukten. Die Ausgabe in der Geisseestraße konnten wir in den Eingangsbereich von Pflanzen Kölle verlegen und die Ausgabe in der Norstadt in den großen Saal der Kirchengemeinde. So haben wir da deutlich mehr Platz. Wir haben wirklich glückliche Umstände gehabt.


Die Tafeln bekommen ja auch Essensspenden von Hotels und Gastronomie. Geraten Sie jetzt in Schwierigkeiten, überhaupt an Lebensmittel zu kommen?

Die Menschen bekommen die gleichen Dinge, die man bei uns sonst auch bekommt. Wir haben nicht gemerkt, dass der Lebensmittelstrom versiegt. Trockenware und Konserven gibt es eher weniger, aber das ist nie viel. In der ersten Woche, als der Ansturm auf die Läden so groß war, blieb dort wenig für uns übrig. Da konnten wir uns aber gut mit Hilfe von Restaurants retten, die zumachen mussten. Zuletzt kam uns uns Ostern zugute. Wir hatten ein riesen Angebot an Ostereiern und Schokolade. In der Hinsicht geht es unseren Kunden jetzt richtig gut.

 

Spüren sie bei der Ausgabe, dass die Situation angespannt ist, kommt es da zu Konflikten?

Überhaupt nicht. Die Leute sind sehr einsichtig, teilweise auch sehr ängstlich. Was mir die Kolleginnen von der Ausgabe berichten ist, dass die Kunden eben sehr dankbar sind, dass wir nicht schließen. Deshalb gibt es jetzt eigentlich weniger Gemurre und Gezicke als sonst. Die Kunden sind recht entspannt, halten sich an die Vorgaben und gehen schnell durch. Und wir desinfizieren viel Fläche, alle Mitarbeiter tragen jetzt Handschuhe und Mundbedeckungen aus Stoff. Teilweise wurden wir da auch von Kunden versorgt, die zu Hause für uns nähen.


Hat sich die Nachfrage denn verändert?

In den ersten zwei Wochen waren es weniger, weil viele auch verunsichert waren und dachten, die Tafel sei zu. Seit dieser Woche merkt man, dass es wieder anzieht, weil es die Leute über die Medien mitgekriegt haben, dass wir offen sind. Es sind aber noch weniger, weil viele sich auch erst organisieren müssen. Wir vermitteln auch an die Hotline der Stadt für ehrenamtliche Einkaufshilfen, weil wir selbst nicht liefern können. Die organisieren dann jemanden.


Gibt es momentan Bedarf an Ehrenamtlern und wenn ja, wo sollen die Menschen sich melden?

Wir haben ziemlich am Anfang eine Anfrage von der Uni bekommen, ob wir das auf deren Facebook platzieren wollen. Über die Schiene kamen sehr viele junge Freiwillige, die momentan freigestellt sind und uns unterstützen. Es hat sich heraus kristallisiert, dass es einzelne gibt, die sehr viel machen und andere, die z.B. familiär sehr eingespannt sind, sodass das nicht immer klappt. Aber unser Betrieb ist geregelt.


Glauben Sie, dass die Nürnberger Tafel durch die Krise offen bleiben kann oder befürchten Sie eine Schließung?

Wir halten die Abstände ein, benutzen die Mundbedeckung, achten auf die Hygiene, von daher ist das nicht bedroht. Wir sind systemrelevant, unsere Arbeit ist notwendig. Dadurch dass wir die Chance haben, weiterzumachen, wäre es nicht okay zu sagen, wir ziehen uns zurück. Es gibt Tafeln die können es nicht. Wir haben den Luxus in einer Stadt mit gleich mehren Universitäten zu leben, wo wir viele engagierte junge Menschen haben. Dafür sind wir jetzt sehr dankbar.

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Alle Informationen über die Nürnberger Tafel und die Anlaufstelle für ehrenamtliche Mitarbeit findet ihr auf:
http://nuernberger-tafel.de/




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Für viele Freiberufler im Kunst- und Kulturbereich waren die vergangenen Wochen nicht nur mit finanziellen Schwierigkeiten, sondern auch mit großer Unsicherheit verbunden: Wo kann ich was beantragen, bin ich antragsberechtigt, wann kommen die 1.000 Euro pro Monat oder doch nicht oder für wen? Ein Teil Unsicherheit wird auch in den kommenden Tagen bleiben, dafür ist die Lage einfach zu neu und komplex und scheiße. Klar ist aber nach der heutigen Pressekonferenz von Markus Söder und Kultusminister Bernd Sibler, dass der Rettungsschirm vergrößert wird: 200 statt 90 Millionen kommen in den Topf. Das ist nötig, damit auch Menschen, die nicht in der Künstlersozialkasse versichert sind, Zugriff darauf haben. Dazu gehören dann zum Beispiel Techniker, Maskenbildner aber auch freie Journalisten, etc. Die Zahl der Begeünstigten verdopple sich von 30.000 auf 60.000. Nachzuweisen ist ein substantieller Beitrag zum Einkommen aus der freien künstlerischen Arbeit.

50 Millionen Euro stehen außerdem für “Spielstätten” (Söder) bzw. “Veranstaltungsbetriebe” (Sibler) bereit, die bis zum Jahresende unterstützt werden sollen. Söder nannte explizit 700 kleine und mittlere Theater und 260 Kinos. Sibler sprach von “Kleine und mittlere Spielstätten aus den Bereichen Theater, Kunst, Kleinkunst, Musik und Kabarett.” Musikschulen und Laienmusikgruppen wie Chöre können ebenfalls je 1.000 Euro beantragen, für sie stehen insgesamt 10 Millionen Euro zur Verfügung. Söder: “Es ist der Versuch, Kultur in der Breite durch Förderung zu erhalten.” Außerdem gibt es einen ersten Hoffnungsschimmer für die Rückkehr von kulturellen Veranstaltungen: "Wir glauben, dass wir Perspektiven für die Zeit nach Pfingsten entwickeln sollen”, so Söder. Man wolle sich dabei an den Hygieneschutzmaßnahmen in Kirchen orientieren. Am 20. Mai soll die Ministerpräsidentenkonferenz über ein solches, bundesweites Konzept entscheiden.

Die Software, so Sibler, ist installiert, die Anträge können auf den Weg gebracht und ab nächster Woche heruntergeladen werden.
Die entsprechenden Anträge findet man, sobald es sie gibt hier:
https://www.stmwk.bayern.de/index.html

Einen guten Überblick über die Hilfsprogramme findet ihr hier:
https://bayern-kreativ.de/aktuelles/corona-erste-hilfe/

Die gesamte Pressekonferenz zum Nachschauen:
https://youtu.be/9zf-x75-YOQ


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