Karl Schnell | Rost und Ruß

DONNERSTAG, 2. APRIL 2020

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in

Locked in | 001 | – Es sind rätselhafte Gegenstände, die Karl Schnell an die unterschiedlichsten Orte stellt und legt. Übergroße Zahnräder aus schwarzem Holz und rostig-rotem Stahl setzen sich von der Natur ab, wie eine antike, vergessene Apparatur oder der unnötig komplizierte Zahnstocher eines Riesen. Hölzerne Fahnen finden sich da, vielfach durchbrochen und in sich verschwungen wie ein filigranes Gewebe. Die Arbeiten sind stark in sich zentriert und geschlossen, aber ihre Form strahlt stark in den umgebenden Raum aus und verändert ihn in seiner Atmosphäre. Das ist ein feines, subversives Element in den Arbeiten: Dass sie sehr selbstverständlich und sinnhaft wirken, auch wenn man die vermeintliche Funktion der Objekte nicht greifen kann. Dass sie auf den zweiten Blick aber eine ganz andere Aufgabe verrichten, nämlich eine sehr subtile Transformation der Umgebung.

Im Interview erzählt er uns von seiner aktuellen Situation, seiner Arbeitsweise und der Rolle des Opferstocks im Kirchenraum:

MARIAN WILD: Wir alle sind gerade sehr in unserer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, wodurch sich unsere Wahrnehmung für unsere Umgebung verschiebt. Wie sieht dein Tag momentan aus und welche Veränderungen fallen dir besonders auf?
KARL SCHNELL: So sehr eingeschränkt fühle ich mich gar nicht. Ich kann mich frei in Haus, Garten und Werkstatt bewegen. Dazu habe ich noch viel Zeit bekommen; alle, zum Teil auch lästigen Außenkontakte sind ja weggefallen. Eigentlich könnte ich nach Herzenslust alles angehen, was ich mir schon immer gewünscht habe. Aber tatsächlich schaffe ich es bisher nur eher ungezielt ein bisschen rum zu räumen und mal ein Eisen zu schärfen.

Deine Skulpturen wirken in sich zentriert und ruhig, sie vermitteln mir ein sehr ähnliches Gefühl von Stille wie man es gerade an vielen öffentlichen Orten erlebt. Wie fühlt sich die Quarantäne für dich an, wie gehst du mit ihr um?
An sich genieße ich die Stille und den momentanen Stillstand, – da bin ich mit den von dir angesprochenen Skulpturen sehr einig. Über der momentanen Ruhe und Stille liegt aber natürlich auch irgendwie drohend das Gefühl: Wie geht es weiter? – nicht so sehr für mich persönlich; aber für die Gesellschaft und für einzelne, die sich in ihrer Existenz bedroht sehen. Vielleicht ist das gerade ein Grund für meine Ziellosigkeit.

Du benutzt für deine Kunstwerke sehr schwere Materialien, wie geflammtes Eichenholz und Stahl. Wie bist du zu diesen Materialien gekommen und was bedeuten sie für dich?
Mit Holz bin ich aufgewachsen. Mein Vater hat dieses Material verwendet. Einen vielfältigen Umgang damit habe ich so nebenbei mitbekommen. Angefangen habe ich mit Kindermöbeln und Spielzeug. Den Umgang mit Kettensäge, Schnitzmesser, Drechselbank habe ich dann ganz gezielt erlernt. Stahl habe ich zunächst nur als Hilfsmittel gesehen – als Stahlsockel und -füße für Holzskulpturen. Spätestens seit den „Montagen“, etwa seit sechs Jahren, sehe ich das aber anders. Wie in den Skulpturen selbst stehen für mich beide Materialien fast gleichberechtigt nebeneinander. Dabei habe ich mich auf gerosteten Stahl und gebranntes Holz festgelegt, also beides verändert im Vergleich zum Ausgangszustand. Die beiden Farbigkeiten passen für mich irgendwie zusammen. Bei den „Montagen“ gehe ich ja von einem Stahl-Fundstück aus, nehme die Form im Holz auf, führe sie „sinnvoll“ fort und setze beides zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Dabei ist die Art der Bearbeitung total unterschiedlich. Einfach gesagt: Vom Holz nehme ich weg, Stahl baue ich auf, um auf die gleiche Form zu kommen. Beides reizt mich und mag ich.

In welchen Schritten entstehen neue Kunstwerke bei dir?
Üblicherweise gibt es eine Idee im Kopf oder einen Auftrag mit Vorgaben, dann fogt eine Skizze oder Zeichnung, und vor allem bei größeren Skulpturen unbedingt ein Modell. Dadurch lassen sich Proportion und Wirkung abschätzen und Fehler vermeiden. In der Regel entstehen mehrere Arbeiten gleichzeitig nebeneinander.

Hast du eine Lieblingsskulptur und wenn ja, warum diese?
Irgendwie mag ich fast alle. „Montage 73“ hat eine ausgewogene Form mit geheimnisvollem Durchblick und erweckt den Eindruck einer ganz wichtigen Funktion. Im Moment entsteht eine ganz andersartige Skulptur: Zur Einweihung einer Grundschule wird von mir etwas zum Thema „Bildung“ erwartet. Es wird etwas aus Holz und Edelstahl mit Glas sein, das Holz gebrannt und gefärbt. Alles eher dynamisch, aufstrebend und leicht, nicht schwer in sich ruhend.

Du ergänzt mit deinen Arbeiten sowohl öffentliche, mitunter sehr laute hektische Orte, aber genauso auch stille Kirchenräume. Was ist deine Beobachtung, was deine Werke an diesen Orten auslösen?
Kunst im öffentlichen Raum muss sich behaupten gegenüber Natur und Architektur, oder besser mit ihnen in einen Dialog treten. Gerade die Montagen sind eigenständig, selbstbewusst und brauchen den Kontext ihrer Umgebung eigentlich nicht. In Kirchenräumen bilden Kreuze und Opferstöcke Ruhepole. Gerade das oft schwarzgebrannte unterstreicht diese Wirkung der Ruhe – Farbigkeit tritt zurück hinter Form und Struktur.

Weitere Informationen zum Künstler (KLICK)
 




Twitter Facebook Google

#Dr. Marian Wild, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kunst, #Locked in

Vielleicht auch interessant...

20200801_Felsengaenge
20200801_Losteria
20200520_Umweltbank
20200801_Tucher
20200801_Wendelstein
20200801_Symphoniker
20200801_SNFF