Theo O.J. Fuchs: Eisen zum Frühstück

MITTWOCH, 25. MäRZ 2020

#Corona, #coronasucks, #Kolumne, #Literatur, #Theobald O.J. Fuchs

Seine Frau bestand darauf, dass er den Jungen zur Schule brachte. Er fügte sich ihrem Wunsch, obwohl er der Meinung war, ein achtjähriger Ritter könne durchaus die dreizehn Meilchen alleine zur Schule reiten. Zudem er unterwegs von zahlreichen anderen gepanzerten Königskindern begleitet würde.

Seufzend ließ er sich von seinen Knappen, Stücker fünfe an der Zahl, in die eisernen Gewänder schweißen und mittels Auslegerkran auf sein vielfach behuftes Gerät hieven. Sodann lenkte er sein schweres Gespann aus der Garage. Er war der schwerste Reiter im gesamten Gau, vier Pferde waren nötig, um seine eiserne Außenbekleidung zu tragen. Die Menge an Blech, die in seiner Rüstung verbaut war, hätte ausgereicht, um sämtliche Kutschenschuppen im Markgrafentum neu zu decken.
Vor der Klosterschule hatte es ihn eine Dreiviertelstunde gekostet, sich zwischen den anderen Eltern zur Zugbrücke vorzudrängen. Allein für das Kreisen, bis er eine Haltetränke gefunden hatte, war ein Ballen Heu draufgegangen. Melancholisch blickte er auf die Überbleibsel, die nun als Pferdeäpfel den Straßenrand zierten.
Doch nun konnte er sich endlich zur Arbeit aufmachen. Als er durchs Stadttor ritt, warteten draußen schon seine Kollegen. »Moin, moin«, ging es durch die Runde. »Dann wolln wa mal.« – »Jou, Digga!«
Sie setzten ihre Pferde in Trab, wenngleich nur für ein paar Meter, dann waren alle außer Atem. Die Rüstungen klapperten, die Lanzen scharrten auf dem Boden, irgendjemand klappte das Visier hoch, um aus einem Pappbecher duftende schwarze Brühe zu schlürfen. »Und? Kann das Zeug was?« »Handgerupfter Krähenschweiß«, erklärte der Hellebardist. »Gibt's seit Neuestem vorne am Zwinger, gleich beim Kerker. Ein Gulden und zehn, ganz lecker.« – »Cool, muss ich bei Gelegenheit mal checken.« »Klar, aber lass dir nicht zu lange Zeit, der Krähenschweißboom riecht schon komisch, der hat es bald hinter sich.«
Von rechts drängte eine zweite Schar auf die Landstraße, welche sich hier auf eine Spurrinne verengte, da auf der anderen Seite an einer unheimlichen Schlucht gewerkelt wurde.
»Vorsicht, Mann!« – »Aufgepasst, ihr Spackos!« – »Hey, Alter, muss das sein?!« – »Ihr habt wohl Krötenpisse getrunken?!«
Weiter vorne entspann sich eine kleine Rangelei. Klingen blitzten auf, getroffene Brustpanzer dröhnten wie leere Ölfässer.
»Scheiß Dauerbaustelle! Was das die einfachen Wegezollzahler wieder kostet!«
»Hat der das Reiten beim Schweinehüten gelernt, oder was?«
»Hey du blinder Waldschrat, schaff mal dein Sündenregister aus der Schießscharte, sonst schubs' ich dich über die Erdkante!«
Auch hinter dem Rücken des Überschweren wurde gelästert. »Was der sich nur mit seinen vier Pferden beweisen will? Der steckt hier genauso fest wie alle anderen und produziert nur x mal soviel Dung.«
»Reiner Schweifneid«, dachte sich der König der Stahlplatten. »Außerdem ist x gleich 4, aber egal...«
Mit fast einer Stunde Verspätung erreichten sie den Treffpunkt, eine Pferdetränke mit Sarazenen-Imbiss an der goldenen Straße. Ihre Kontrahenten waren auch nur wenige Minuten zuvor eingetroffen, da in der Gegenrichtung ein Drachentransport umgestürzt war.
»O.k., kurze Biopause, dann kann's losgehen!«
Ein Gutteil der Ritter sprang vom Pferd und verdrückte sich hinter den Dornbüschen an der Böschung. Ein Kräuterweiblein kassierte fünf Kreuzer Pinkelgebühr und händigte jedem einen Gutschein für den Heilpulver-Shop auf Reliquienbasis in einer nahegelegenen Höhle aus.
»Reinster Beschiss«, murrte ein Neuling, der mit einem Leinensäckchen Eisenhut-Mehl zurückkehrte. »Gültig erst ab einen Einkaufswert von 2 Gulden, und man kann jeweils nur einen Bon einlösen. Ich musste dann der Alten die neuen Geschäftsbedingungen erläutern. Gar nicht so einfach, bei dem Dreckswetter einen Scheiterhaufen anzuwerfen.«
Der schwere Ritter war auf seinem Gespann sitzen geblieben, ein Mietknappe hatte die Wartungsklappe unten am Boden der Rüstung geöffnet und mittels eines neuartigen Instruments, das man der Unverständlichkeit halber »Nürnberger Trichter« nannte, dem Reiter Erleichterung verschafft. Nachdem sich die Gruppen wieder mühselig auseinander sortiert hatten – die Ritter waren gesetzlich lediglich verpflichtet, an der Schulter ein gültiges Versicherungskennzeichen zu befestigen – und aufgesessen waren, ging es endlich ans Werk.
Der superschwere Reiter machte gemäß den amtlichen Vorgaben für Scharmützel den ersten Zug. Er zog das zweischneidige Schwert, das er in einem Hänger an seinem Vierergespann hinter sich her geschleppt hatte, hervor und hob es unter Aufbietung aller seiner Kraft hoch über die Köpfe, die sich instinktiv unter ihren Helmen duckten. Dann obsiegte die Schwerkraft und das drei Meter lange Blatt aus Schmiedeeisen krachte irgendwo zwischen die Meute. Es schepperte mordsmäßig, ein Pferd fiel wiehernd auf die Seite, der getroffene Ritter grunzte kurz, dann klappten die beiden Hälften, in die er zerschnitten worden war, auseinander.
»Aua, aua, das war ein Foul«, rief der überschwere Ritter und versuchte durch sein Blechgewand hindurch einen leidenden Eindruck zu erwecken. Sofort sprang der unparteiische Zauberer, der den wöchentlichen Erbfolgekrieg im Auftrag des Kaisers überwachte, in die Mitte und hob die Hände! »Auseinander, Ihr Besessenen!«, quäkte er. Aus der tönernen Tröte, die ihm an den Mund geschnallt war, gellte ein widerwärtiges Kreischen. Das einem der leichteren Edelmänner so sehr in den Ohren schmerzte, dass er blankzog und des Zauberers struwweligen Kopf absäbelte.
Die anderen Ritter sahen den unbeherrschten Enthaupter vorwurfsvoll an. Auch der schwere Reiter, der seine fürchterlichen Schmerzen plötzlich komplett vergessen hatte, war empört. »Was sollte denn das jetzt? So kommen wir nie ans Ende. Weißt du, wie viel so ein neuer Zauberer kostet, seitdem die Kelten den Exportstopp erklärt haben?«
»Sorry, tut mir leid. War irgendwie krass spontan und so.« Die anderen murrten noch eine Weile, sahen dann aber ein, dass so ein Missgeschick jedem von ihnen hätte passieren können, und beschlossen einmütig, die Arbeit für heute zu beenden.
Wortlos begannen sie, ihre Ausrüstung einzusammeln. Ein paar verlorene Blechplatten und Schrauben, der halbierte Ritter, ein versehentlich zertretener Knecht und diverser Verpackungsmüll blieben zurück. Gerade als sich seine vier PS in Bewegung setzten, landete eine Krähe auf der Schulter unseres stahlreichen Helden und überbrachte eine Kurznachricht von seiner Frau. Sie würde erst spät aus dem Feuerschlucker-Kurs kommen, ob er bitte unterwegs noch ein oder zwei Fässchen einwinken könne, sie habe gehört, dass es beim Discounter-Wikinger echtes Löwenzahn-Met im Sonderangebot hätte. Ein geiles Schnäppchen für Sparfalken. Den Buben würde sie mit der Kürbiskutsche einsammeln.
»O du pestkranke Schmeißfliege!«, fluchte der überschwere Ritter, denn der Auftrag bedeutete im Feierabendverkehr mindestens eine Stunde Umweg. Aber er war ein echter Familienmensch und las auch noch nach sieben Monaten Ehe seiner fünften Frau jeden Wunsch vom Schleier ab.
Überhaupt? Was konnte er schon groß ändern daran, dass auf den Straßen zu viel los war? Dass alle gestresst waren und sich um zahllose Gäule, Einhörner, Feldschlangen, Katapulte und Kürbiskutschen kümmern mussten? Die Kriegswirtschaft wuchs nun schon die elfte Wallfahrtsaison in Folge, das Waffenhandwerk florierte – schließlich waren seine Arbeitskollegen nicht reihenweise mit höllischem Sonnenbrand aus den Kreuzzügen zurückgekehrt, bloß damit er jetzt das finstere Mittelalter abschaffte, oder?
Blieb der Zweifel, der in seinem Bewusstsein steckte wie der Pfeil eines angelsächsischen Langbogen-Schützen. Manch ein Wahrsager auf Tollkirsche verkündete es bei den regelmäßigen Talk-Runden im Krönungssaal. Bzw. in fremden Zungen: Dass die schöne Epoche der Dunkelheit kurz vor dem Zusammenbruch stehe und ein grauenhaftes Licht, welches sich »Die Aufklärung« schimpfe, die wunderbare Welt der Gepanzerten in den Abgrund stoßen werde... Der Mittelalter-Hype würde in nicht allzulanger Zeit abflauen und was danach kam, sah nur allzu rosig aus. Für unseren Helden freilich eine grässliche Vorstellung. Abermals seufzend entzündete er eine Fackel zur Anzeige des Richtungswechsels und fädelte sich in den Verkehr auf der Stadtmauerumfahrungs-Rumpelpiste ein...

 




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Da saß ich im Bus nach Prag und dachte mir, wie unangenehm es sein müsste, von einer Stadt in die andere Stadt gebeamt zu werden. Also mittels Star-Trek-Transporter [https://de.wikipedia.org/wiki/Star-Trek-Technologie]. Man wäre ja im selben Augenblick da, in dem man abgeschickt wird, und würde die schöne Fahrt verpassen. Welche Auswirkungen der abrupte Ortswechsel auf die menschliche Seele hätte, ist noch völlig unerforscht. Zudem ja erst die Seele an sich definiert werden müsste. Das ist sonst ungefähr so, wie wenn man die Verdauung des Monsters von Loch Ness erforschen wollte.  >>
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