Andis Corona Capriccio 1: Jeden Tag nur eine Sache. Oder: Funksignale aus dem Vakuum

FREITAG, 20. MäRZ 2020

#Andi, #Corona, #Schreiberling, #Tagebuch

Es sind die kleinen Dinge, die in diesen Tagen große Freude bereiten. Du kommst in die Küche und da ist noch Kaffee in der Kanne. Es gibt tatsächlich eine Terra X-Doku über die Nasca Linien in Peru. Karl Lauterbach ist mal wieder im Fernsehen.

Es ist Donnerstag und es ist Freitag. Wie lange halten wir es hier noch aus. Und von draußen, aus dem Hinterhof oder vielleicht vom Hof dahinter, dringen noch immer die Geräusche der Bauarbeiten zu uns hoch. Stangen, die gegen andere Stangen schlagen. Warum hören die nicht auf damit, warum bleiben die nicht, verdammtnochmal, daheim.
 

Gestern haben wir, Nahe Aufseßplatz, eine Frau gesehen, komplett gesichtstätowiert und mit nicht weniger, aber vielleicht mehr als fünf Hunden im Schlepptau, die sie umschwirrten wie ein flauschiger Mückenschwarm. Gut macht ihr das, rief die Frau den Hunden unablässig zu, als wäre das allein, das Laufen, in diesen Zeiten schon eine lobenswerte Leistung.
 

Dass die gesichtstätowierte Frau rausgeht mit ihren Hunden, und wir, aber nur kurz spazieren und slalommäßig zwischen den Menschen durch, das lasse ich mir noch eingehen. Die Trauben vor den Eiscafés, als wäre das der erste schöne Tag und nicht der erste im Leben im Katastrophenfall, die sonnenblinzelnde Geschwätzigkeit, das hat schon was obszön Trotziges, Wurschtiges an sich. Wir laufen große Halbkreise um alle Menschenansammlungen und kontrollieren per Augenmaß, ob die Tische unter freiem Himmel zwei Meter voneinander entfernt stehen und die Menschen auf den Parkbänken denselben Abstand einhalten. Alle mal ein bisschen voneinander abrücken und geistig dafür, meinetwegen, zusammen.
 

Am Kopernikusplatz gibt es einen Bücherschrank, aus dem ich mir ab und an was rausnehme und wo ich noch nie was reingestellt habe, weil es mir widerstrebt, Bücher abzugeben, was das ganze Solidarprinzip des Bücherschranks ad absurdum führt, dass sich so ein Horter wie ich daran bedient. Na ja. Jedenfalls ist das jetzt natürlich ein geeigneter Anlaufpunkt, weil man in der Quarantäne ja angeblich endlich dazu kommt, alle Bücherstapel wegzulesen und deshalb Gründe hat, um den bislang noch bestehenden Bücherstapel aufzufüllen. Das ist ja klar.
 

Wer mich persönlich und angetrunken kennt, weiß, dass ich im Rausch zu apokalyptischen Sehnsüchten neige und mich die Angst vor der Klimakatastrophe dazu treibt, in vollster Überzeugung und mit tränennassen Augen das Gespinst des Wüstenplaneten zu zeichnen. Der Wüstenplanet, das erleben wir noch, das zeichnet sich doch ab, glaubt mir doch, warum hört mit denn keiner zu, usw. Das ist ein Klassiker. Und ein Zufall kann es nicht sein, dass mir ausgerechnet in diesen apokalyptischen Tagen am Kopernikusplatz ein Buch in die Hand fällt, Frank Herbert: Der Wüstenplanet. Auch bekannt als, das muss ich nachrecherchieren, Dune. Schaut trashig aus, ist aber ein Klassiker, hoffentlich hat das keiner angegrabbelt, der infiziert ist.
 

Und apropos nochmal Apokalypse: Was ist die erste Erkenntnis, die wir aus diesen Tagen gewonnen haben? Dass gestern noch ein blöder Scherz, ein ironischer Spruch war, was heute einfach Realität ist und stimmt. Es gibt kein Klopapier mehr. Haha. Ne, echt, keines da. Noch drei Rollen daheim, jetzt gilt‘s. Ernährung umstellen, und wohin dann? Es gibt heut Brezenknödel.
 

Die Quarantäne-Welt sie fühlt sich an wie wattiert, wie einvakuumiert. Auch wenn da noch Autos fahren und Menschen sitzen. Man gönnt sich ein kleines Rausgehen. Und fischt wie ein Sieb die kleinen Momente, aus dem Nichts, die einen Tag vom anderen unterscheiden. Eine Frau mit vielen Hunden, ein Spruch der Bauarbeiter vorm Fenster, Der Wüstenplanet. Jeden Tag vielleicht nur eine Sache, aus der am Ende so etwas wie eine Geschichte wird, die Erzählung aus dem Vakuum.

 




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