Serdar Somuncu: der Mann, der nicht nach Nürnberg kommt!

FREITAG, 3. APRIL 2020

#Comedy, #Concertbüro Franken, #Im Gespräch mit, #Interview, #Kabarett, #Meistersingerhalle, #Verlosung

Man kennt ihn cholerisch. Serdar Somuncu, der Hassias, der sich auf Bühnen, im TV, im Radio keifend über die Dummheit der Menschen auslässt. Lustig, ja, manchmal anstrengend, ein Moralist und kein Luftikuss. Anschauen will man Somuncu gerne, aber treffen, ihm Fragen stellen, die ihm bereits gestellt worden sind?

„Ich geb dir nicht die Hand“, sagt der Hassias zur begrüßung, aber nicht aus Garstigkeit, sondern wegen Erkältung. Er lümmelt im Foyer eines Hotels nahe des Bahnhofs und ist zwar verrotzt, aber vollkommen entspannt. Somuncu befindet sich auf pre-Tour: Er fährt die Städte seiner Tour ab, trifft Veranstalter*innen und Presse. Und macht sich nochmal einen Eindruck von den Städten, damit er das später aufgreifen kann. Nürnberg: Ganz schön asozial. Hehe. Aber nix für ungut. Somuncu ist heute nicht hier, um irgendjemand zu provozieren. Er nimmt sich zeit, er scheint das gerne zu machen, ein Vollprofi. ACHTUNG! DER TERMIN AM 3. APRIL IN NÜRNERG WURDE VERSCHOBEN. EIN ERSATZTERMIN IST IN PLANUNG!


CURT: Der Hassias hatte drei Jahre Bühnenabstinenz. Du hat in der Zwischenzeit viel Fernsehen gemacht, Radio, warst Kanzlerkandidat der Partei. Was hat sich in der Zwischenzeit alles geändert?

SERDAR SOMUNCU: Es hat sich einiges verändert. AfD ist stärker geworden, Donald Trump, Erdogan, das Böhmermanngedicht zwischendurch… Da ist einiges passiert. Und auch der Umgang der Leute miteinander, der Umgang der Leute mit Politik ist radikaler, heftiger, oberflächlicher geworden.
 
Trotzdem bleibst du der Hassias. Hast du überlegt, weil außen rum so viel Aggression ist, einen anderen Motor zu finden?

Der Motor war nie immer nur auszuteilen und zu beleidigen, sondern es war auch immer schon ein wichtiger Teil des Programms, die andere Seite zu zeigen: Warum mache ich das, was ich mache? Am Anfang war meine Arbeit eine unmittelbare Reaktion auf Rechtsradikalismus, die Anschläge in Solingen, Mölln. Das war der Ursprung, als ich mit „Mein Kampf“ auf Tour gegangen bin. Das hat sich dann immer weiterentwickelt, bis zu einem Punkt, wo ich gesagt habe: Ich muss nicht nur Leute nachspielen, die Scheiße reden, sondern kann auch selbst Scheiße reden und das Publikum entscheiden lassen, wie ernst das gemeint ist. Leider ist das Publikum nicht immer dazu in der Lage, das zu entscheiden, aber das ist auch okay, das ist einkalkuliert.
 
Das heißt, du würdest sagen, an der Art und Weise wie du das machst, hat sich durch die Umstände nichts geändert.

Im Grunde genommen nicht. Ich habe so eine Kolumne, die „Kaffeepause“ auf Tele 5. Wenn du dir anschaust, was da passiert: Reduziert gesagt, ist es ein bisschen Alfred Tetzlaff (Ein Herz und eine Seele) 2.0. Der war eine Art Prototyp des Wutbürgers, der politisch, super chauvinistisch, oberflächlich ist und Dinge sagt, die man vielleicht denkt, aber sich nicht zu sagen traut. Die Kaffeepause hat gewisse Gemeinsamkeiten mit dieser Figur. Ich spreche darin über sehr unterschiedliche Themen, meistens alltägliche Dinge und ich bin sehr erstaunt darüber, wie wenig Leute das raffen und denken, ich meine das ernst. Theoretisch kann man eins zu eins zusammenzählen und sagen, der macht jede Woche eine Kolumne, in der er über was anderes redet, so viel kann der gar nicht hassen. Aber wenn Leute sich angesprochen fühlen, schalten die alles andere aus und konzentrieren sich nur noch auf das, was sie darin hören wollen. Sehr erfolgreiche Folge z.B., weil das viele Reaktionen hervorgerufen hat: Hunde. Das war der Burner. In Deutschland kannst du nichts gegen Hunde sagen. Ich habe mich selbst total erschrocken, weil die Leute so heftig reagiert haben. Aber wie gesagt, die Leute sehen das kontextlos. Die denken wahrscheinlich auch, dass der Typ, der im Tatort den Mörder spielt, danach ins Gefängnis muss. Ist übrigens auch mal passiert: Ich habe in meiner Anfangszeit bei Aktenzeichen XY gespielt und nicht daran gedacht, dass Leute, die das sehen, denken, ich wäre echt. Und dann sind zahlreiche Anzeigen bei der Polizei eingegangen: Hier den Einbrecher, den hab ich gesehen, der wohnt bei mir um die Ecke…

Wenn du das feststellst, dass das Publikum schlecht zwischen Kunstfigur und dir persönlich unterscheiden kann – ist das eher eine Bestätigung oder ein Korrektiv, vielleicht etwas anders zu machen?

Du hast mich ja gefragt, was sich geändert hat: Auf einen Nenner gebracht sind die technischen Möglichkeiten mehr geworden, aber das Verständnis der Leute hat sich zurückentwickelt. Wir haben Smartphones, iPads, Netflix, tausende Informationsquellen. Aber die Leute werden nicht klüger. Ich kann durchs Internet nach Australien reisen und das sinnvoll nutzen, aber eigentlich ist man doch immer auf den drei gleichen Seiten: bild.de, Spiegel online, Deutsche Bank und wenn‘s hoch kommt noch Youporn. Das ist das, wie das Internet genutzt wird und da fragt man sich natürlich, ist das angemessen? Dürfen wir die Hoheit über gesellschaftliche Diskussionen Idioten überlassen, die im Internet ohne Namen, ohne Angabe von Identität mal eben so aus der Hüfte schießen oder müssen wir wieder zurück zu einem ganz aufgeschlossenen, intellektuellen, differenzierten Dialog zwischen Leuten, die unterschiedlicher Meinung sein können aber einander nicht sofort verurteilen, beschimpfen oder Zuweisungen erteilen. Das ist in der Klimadebatte ganz extrem: Sobald du anzweifelst, dass etwas richtig ist, wirst du zu einem Gegner. So wie es auch in anderen Debatten nur noch schwarz-weiß, richtig-falsch, gut-böse gibt. Obwohl du vielleicht etwas sagst, das sinnvoll und nachvollziehbar ist, z.B.: Den Klimawandel gibt es nicht erst seit letztem Jahr, sondern seit 40 Jahren. Die Ursache ist nicht, dass wir fliegen und Auto fahren, das sind auch Ursachen, aber der CO2-Ausstoß ist die hauptsächliche Ursache und den gibt es, weil wir Strom aus der Steckdose ziehen und dasselbe Smartphone, mit dem du ein Bild vom Hambacher Forst machst, lädst du auf aus einer Steckdose, die von der Firma, die den Hambacher Forst roden will, beliefert wird. Diesen Gedankengang schaffen die Leute nicht mehr und sie reagieren auf einen Impuls und dann weisen sie dich zu und dann hat sich das. Das ist keine angemessene Haltung, sondern nur eine Niederlage.
 
Heißt das, du würdest es als deine Verantwortung in deiner Rolle betrachten, aufzuzeigen, man kann über Sachen anders sprechen?

Meine Verantwortung ist erstmal, mir selbst gegenüber glaubwürdig zu sein und zu prüfen, ob ich einknicke, bloß weil ich Angst habe. Ich könnte viel Angst haben, weil ich sage viele Dinge, die Leute ärgern. Aber es ist nicht meine Aufgabe, Leuten zu gefallen oder Dinge zu sagen, die Leute richtig finden. Die Menschen kommen zu mir, weil sie hören wollen, was ich sage und dann dürfen sie entscheiden, ob sie das auch richtig finden. Wenn du dir heute anschaust, was Kabarett, Comedy, Satire macht, gibt es so unterschiedliche Bereiche: Die Satire greift in die Politik ein, die Politik wird fast zur Satire und Leute wie Jan Böhmermann, Martin Sonneborn, Nico Semsrott wechseln sogar die Seite und werden zu Politikern. In der Ukraine ist es mittlerweile so, dass der Ministerpräsident ein ehemaliger Comedian ist, in Italien ist Beppe Grillo im Parlament, in Island ist eine Partei, die eine Spaßpartei war, an der Macht. Das ist der eine Bereich, in dem Künstler sich der Verantwortung, mitzugestalten, bewusst werden und nicht immer nur mit Abstand oder zynisch, ironisch kommentieren, sondern ernsthaft Stellung beziehen wollen. Der andere Bereich sind Künstler, die das bedienen, was der Mainstream von ihnen will. Das wird Dieter Nuhr gerade vorgeworfen, wobei ich das bei Nuhr etwas differenzierter sehe: Ich halte ihn weder für einen Rechten, noch ist er ein Klimaleugner. Dieter Nuhr war immer schon ein Neoliberaler und hat eine Meinung, die vielen Zuschauern besser gefällt als was ich z.B. sage. Trotzdem hat er das Recht, das zu sagen, so wie jeder Kabarettist seine politische Meinung haben darf und ich nicht mit ihm übereinstimmen muss. Es ist eine erschreckende Entwicklung der Jetztzeit, dass auch da im Affekt reagiert wird und Leute aus ihrer Enttäuschung ein Urteil machen: Der entspricht nicht mehr meinem Weltbild und deswegen beschuldige ich ihn oder verurteile ihn als whatever. Die dritte Sparte sind Leute wie Chris Tall oder Felix Lobrecht, die supermainstream sind, aber Sachen sagen, wo ich mir denke: Moment mal, auf der einen Seite seid ihr so empfindlich und macht eine riesen Kampagne auf Twitter und wenn Chris Tall auf der Bühne sagt, heute fackeln wir die Bude ab, es ist Chris-Tall-Nacht, kümmert sich keiner drum? Was ist das für eine Verhältnismäßigkeit? Es kommt auch immer darauf an, aus welcher Richtung wer wie agiert. Und die Verantwortung, die jede einzelne dieser drei Sparten hat, ist sich erklären zu müssen, für das, was sie da tut, eine Ursache zu haben und nicht einfach zu sagen: Ich beleidige die Leute sinnlos, weil mir gerade danach ist. Sondern: Es steckt ein anderes Thema dahinter. Bei mir ist es Toleranz und Respekt. Ich arbeite auf der Bühne gegen Faschismus und für Aufklärung. Es ist immer noch das gleiche, nur in einem anderen Gewand.
 
Du hast im vergangenen Jahr auch ein Album mit Liebesliedern aufgenommen, Popsongs. Geht es dir dabei auch darum, ein eindimensionales Bild von dir in der Öffentlichkeit zu korrigieren?

In dem Moment, in dem ich das mache, geht es mir um gar nix. Das ist unabhängig von der Rezeption. Ich mache meine Arbeit für mich und wenn ich ein Musikalbum mache, sitze ich nicht am Schreibtisch und überlege: Was könnte ich denn jetzt machen? Deswegen entspricht das auch nicht der Erwartung der Leute und manche sind enttäuscht, weil sie sagen, warum machst du nicht das, was du vorher gemacht hast? Auch da: Ich bin ja nicht Dienstleister einer bestimmen Klientel. Die Leute können selbst entscheiden, ob sie das mögen, was ich mache. Wenn sie es mögen, ist es ein Kompliment, aber es ist nicht bindend, es heißt nicht, dass ich das die nächsten 100 Jahre weiter mache, damit die mich mögen. Ich riskiere auch mal, dass die sagen, ist nicht meine Musik oder: warum jetzt das? Das war mein ganzes Leben schon so, dass, wenn ein neues Projekt kam, das auf ein sehr erfolgreiches Projekt folgte, ein bestimmter Prozentsatz der Zuschauer enttäuscht war. Nach mein Kampf: Wie viele Leute haben gesagt, Mensch mach das doch wieder! Vorher haben die gleichen aber gesagt, ich kanns nicht mehr hören. Wenn man anfängt, sich beeinflussen zu lassen, ist man relativ schnell abhängig.
 
Begegnen dir viele Leute, die erwartet hatten, dass das ein Album mit wütenden, lustigen Songs ist?

Ja. Die dachten es wird Death Metal oder Punk… Hätte auch sein können, aber es war mir nicht danach und da bin ich flexibel und frei genug zu sagen, nö, muss ich jetzt nicht machen.
 
Wir haben das Thema schon ziemlich angeschnitten, ich stelle die Frage trotzdem nochmal konkret: Du bist seit bald 30 Jahren in der Öffentlichkeit unterwegs. Inwiefern beobachtest du, dass sich das gesellschaftliche Klima in Deutschland verändert hat?

Nicht nur in Deutschland, die ganze Welt verändert sich ja. Grob gesagt, wird sie immer ungerechter. Wir leben auf der Sonnenseite, wir können uns alles leisten. Auch Menschen wie Du, ich schätze du bist eher im durchschnittlichen Gesellschaftssegment, können wahrscheinlich zwei Mal im Jahr in Urlaub fahren, gehen einmal im halben Jahr einkaufen und so wirklich aufs Etikett, was es kostet, wirst Du auch nicht kucken müssen und wenn du abends Lust hast, essen zu gehen, kannst du auch mal essen gehen. Das ist schon immenser Luxus. Andere Leute leben z.B. auf Haiti immer noch in Ruinen, weil nach dem Erdbeben vor sieben Jahren nichts passiert ist. Und das ist gar nicht weit weg von Amerika, auch nicht von hier, das sind acht Flugstunden, aber wir kriegen davon relativ wenig mit. Diese Diskrepanz zwischen einem großen Teil der Welt, in dem die Menschen arm sind, und nicht nur arm, sie leben in Verwüstung und Krieg und Untergang, und dem kleinen Teil der Welt, in dem die Menschen reich sind und sich anmaßen, so arrogant zu sein, dass sie darüber bestimmen wollen, wer dieses Leben auch haben darf, diese Diskrepanz ist so groß, dass es immer wieder zu Eskalation kommt und viel schlimmer noch eskalieren wird. Eskalation ist nicht, wenn Flüchtlinge nach Europa kommen, das sagt die AfD. Eskalation ist, wenn wir in die Länder fahren, nach Syrien oder was weiß ich, und die Länder in Schutt und Asche bomben, weil wir irgendwelche Interessen vertreten, wie z.B. Waffen zu verkaufen. Und ich sage auch „wir“, weil jeder von uns ist beteiligt, in dem Moment, wo er es ignoriert oder davon profitiert. Und wir profitieren alle davon, unsere Klamotten sind in diesen Ländern hergestellt, wenn du Sprit in dein Auto füllst, kommt es aus dem nahen Osten. Also kann man das nicht von sich weisen und sagen, das sind die großen Konsortien, die ihre Waffen verkaufen. Diese Interessen, die wir dulden und mit verschulden, führen dazu, dass es ein gravierendes Ungleichgewicht in der Welt gibt, das über die Jahre größer geworden ist und parallel dazu sind die Lösungen nicht besser geworden, sondern haben sich verlagert. Zum Beispiel der viel gelobte Obama, der nicht besser war als Trump, hat die Leute mit Drohnen bombardiert. Ich weiß nicht, ob du jemals einen Drohnenangriff erlebt hast, das ist irre. Du stehst in Nürnberg und plötzlich schwebt so ein Ding über dir und erschießt dich. Das sind so Sachen, die werden weitergehen, solange sich die Verhältnisse nicht ändern und das Missverhältnis zwischen der einen und der anderen Welt nicht angeglichen wird. Das ist dramatisch, das klingt sehr schwarzmalerisch. Aber wie beim Klima, wo ich sage, man hätte längst handeln müssen, sage ich in Sachen Verteilungsgerechtigkeit, wir müssen handeln, indem wir unser eigenes Handeln überprüfen, indem wir unsere Gewohnheiten ändern und nicht mehr andere Leute ausbeuten, um unseren Reichtum zu finanzieren.
 
Das ist ja etwas, was man eigentlich weiß, was aber einen gewissen Transfer erfordert, um daraus Handlung zu machen.

Transfer ist ein wichtiger Begriff. Transfer der Geldleistung sowieso aber auch der Transfer der Bildungs- und Entwicklungsleistung ist notwendiger denn je. Der findet aber nicht statt, die Leute werden sich selbst überlassen, weil es aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit rausfällt und niemand sich dafür interessiert, ob Erdbebenopfern in Haiti geholfen wird. Wie man das machen kann, ist eine andere Frage, was sind konstruktive Lösungsvorschläge? Das ist zum Beispiel eine Reglementierung der Spekulation an der Börse, dass man sagt, nicht jeder kann frei in jedes Unternehmen, das er will, investieren, schon gar nicht der Staat. Es wäre ein Verbot für Waffenhandel. Wenn ich bei Maybrit Illner sitze, sagt mir Sigmar Gabriel, der ehemalige Außenminister, auf meine Frage, warum man mit Saudi Arabien Geschäfte macht: Manchmal stehen wirtschaftliche Interessen vor Menschenrechten. Das sagt der Bundesaußenminister in einer Fernsehsendung, in einem Land, das sich für demokratisch hält, aber undemokratische Regierungen unterstützt. Das kann man noch weiter fortsetzen und wird irgendwann wahnsinnig. Das sind Prozesse, die finden überall auf der Welt statt. Alles, was wir tun können, ist, ein Bewusstsein zu schaffen. Ich als Künstler kann das an zwei Stunden an meinem Abend machen, aber jeder andere muss das auf seine Art auch machen.
 
Wie hat sich deine persönliche Quote an Morddrohungen über die Jahre entwickelt?

Ich zähle es nicht, es bleibt immer gleich, kommt halt nur aus anderen Richtungen. Früher waren es die Nazis, dann die Erdogan-Anhänger und zuletzt die Hundeliebhaber.
 
Hast du das Gefühl, dass das Publikum heute empörter ist und auch selbstbewusst genug, um während einer Show zu widersprechen?

Erstmal hatte ich die Auftritte noch nicht, deswegen weiß ich es nicht. Zweitens weiß ich damit umzugehen. Und drittens glaube ich nicht, dass die Leute es drauf anlegen. Es gibt ja hacken als Volkssport, also in eine Veranstaltung gehen und die stören. Wer das macht, ist ganz schön naiv, weil er vergisst, dass ich immer die Oberhand behalte, weil ich das Mikro habe. Ich glaube, das hat keine Erfolgschancen, man kann es aber gerne versuchen. Du fragtest nach der Empörung: Ich glaube schon, dass die Leute genauer zuhören. Ich glaube auch, dass sie bereit sind, sich auf Dinge einzulassen, die bei ihnen Widerstand auslösen. Weil sie wissen – ich hoffe das! – dass ich eine gewisse Referenz habe. Ich bin da aber auch erstaunt, wie schnell diese Referenz aus dem Blickfeld verschwindet. Auch ich bin schon als Nazi beschimpft worden und als Antisemit, wo ich mich dann erschrecke und frage: Ist das jetzt ein Witz? Nee, nee, das ist ernst und dann musst du was dazu sagen. Und du merkst, ich rechtfertige mich jetzt für eine Sache, die total absurd ist. Die Bandbreite an Angeboten gibt den Leuten heute das Gefühl, in einer Art Jury zu sitzen. Es gibt so eine Mentalität in Deutschland, dass Leute über alles, was sie sehen, eine Kritik abgeben. Das wird natürlich auch gefördert durch Tripadvisor, Holidaycheck, Eventim… Das Leute etwas konsumieren und dann kommt eine Maschine, die liest, was die schreiben, um die Angebote noch besser anzupassen. Und dann schreiben die halt irgendeinen Scheißdreck da rein: „Bisher war ich dein größter Fan.“ So geht’s dann los. „Aber jetzt bin ich richtig enttäuscht von dir, seitdem ich weiß, dass du keine Hunde magst, verbrenne ich alle deine DVDs.“ Es nervt, aber es ist auch total beliebig.
 
Du hattest bis vergangenes Jahr auf Ntv deine eigene politische Talkshow. War das so ein Ziel von dir, um wirklich auch mit Personen in diesen politischen Nahkampf treten zu können?

Das war nicht explizit das Ziel, aber eine gute Beilage zu dieser Idee, die wir hatten. Wir wollten Christoph Schlingensief reanimieren. Der hatte mit seinem Talk 2000 etwas Ähnliches gemacht und wir wollten das etwas variieren, indem ich eine Doppelrolle annehme: Ich bin das Trugbild eines seriösen Moderators, der aber permanent aus der Rolle fällt und auch die Möglichkeit hat, die Rolle zu brechen. Auf der anderen Seite bin ich jemand der eine Projektionsfläche wird. Sowohl für die Zuschauer, die mich hassen dürfen, weil ich die Gäste permanent unterbreche. Als auch für die Gäste, die nicht wissen, wie sie mit mir umgehen sollen. Der Effekt, der dabei entstanden ist, war total gut: Die Gäste haben sich entfremdet, sie waren also nicht mehr in einer Situation, in der sie berechnen konnten, was passiert und deswegen haben sie nicht mehr stereotyp reagiert, sondern nur noch reflexartig. Und im Reflex ist die Berechenbarkeit des Verhaltens verschwunden und sie haben plötzlich die Wahrheit gesagt. Dietmar Bartsch von der Linkspartei hat gesagt: Wenn wir den Wählern die Wahrheit sagen, verlieren wir Wahlen. Und das konnte er nur sagen, weil ich ihn so drangsaliert habe, dass er die Kontrolle verloren hat und auf seine Intuition zurückgefallen ist. Stefan Brandner von der AfD hat auf die Frage, wie viele Ausländer es in Deutschland gibt gesagt: Keine Ahnung, 50 Millionen. Was ein Offenbarungseid und ein Armutszeugnis ist für jemanden, der in einer Partei ist, die gegen Ausländer ist. Das zu locken, war superspannend. Und das war für mich ein ideales Experimentierfeld. Aber Fernsehen ist eine sehr eigene Welt. Im Fernsehen musst du berechenbar sein, weil sonst die Gremien, die das Fernsehen bestimmen, die Redaktionen und Produktionsfirmen, anfangen rigiden Eingriff auf deine Arbeit auszuüben, also zensieren: Das kann man so nicht machen, der Intendant wird sauer. Dann stehst du da und denkst, mit meiner Kunst hat das nicht mehr viel zu tun. Deswegen war ich am Ende fast froh, dass wir das Experiment erfolgreich beendet haben. Wir sind nominiert worden für den Grimmepreis, Fernsehpreis… hatten super Quoten und beide Seiten merkten auch, dass wir es jetzt nicht auf die Spitze treiben müssen. Wir hätten nur unter der Bedingung weitergemacht, dass die Sendung in einer höheren Schlagzahl erfolgt.
 
AfD hatten wir jetzt schon, Islamisten auch, typische Lieblingsziele von dir. Ich habe heute einen Tweet von Ralph Ruthe gesehen, der schreibt, er hat sich immer wieder mit der AfD auseinandergesetzt und die attackiert und ist zu dem Schluss gekommen, man sollte aufhören, diesen Leute Reichweite zu verschaffen. Glaubst du, da ist was dran?

Da habe ich keine universelle Antwort drauf. Man muss ganz vorsichtig damit sein, der AfD die Themenfelder zu überlassen. Das heißt, man darf nicht aus Angst davor, als Nazi dargestellt zu werden, jegliche Argumentation der AfD negieren. Weil manchmal sagt die AfD auch richtige Sachen. Und trotzdem muss man dazu in der Lage sein, sich davon abzugrenzen. Weil die AfD sagt das ja mit einem bestimmten Zweck. Die sagt ja nicht Impfpflicht für Migranten, weil sie will, dass die Migranten gesund wären, sondern sie will der Bevölkerung das Gefühl geben, dass die nach Deutschland eingereisten Migranten alle krank wären. Das kann man aufdecken, indem man das so formuliert, auch in Anwesenheit der AfD. Mir sind die Menschen in Talkshows und auch im Internet zu affektbehaftet. Die Argumentation, die erfolgt, ist oft eine emotionale und keine rationale. Und eine emotionale Argumentation bringt bei der AfD nichts, weil sie genau diese Emotion ja triggern will. Wenn Höcke sagt, wir sind das einzige Land, das sich ein Mahnmal der Schande in seine Hauptstadt setzt, weiß der, dass Schande und Mahnmal zwei Triggerbegriffe sind für Leute, die seit Jahren darum kämpfen, gerade diese Terminologie nicht zu verwässern. Wenn die AfD sagt, gegen uns wird gehetzt, nimmt sie den Begriff Hetze von ihren politischen Gegnern und verwendet ihn selbst. Und das macht sie bewusst, um den Begriff dadurch zu entwerten. Das Spiel mit den Terminologien ist etwas, das die AfD gut beherrscht, aber für mich sind diejenigen, die das widerlegen oder aufschlüsseln könnten, oft zu angstbestimmt, weil sie selbst befürchten, als Teil der AfD betrachten werden zu können.
 
Hass und Zynismus steht ja im Ruf destruktiv zu sein und Lösungen zu scheuen. Wie viel Hoffnung kennt der Hassias?

Am Ende meiner Vorstellungen bin ich oft sehr hoffnungsvoll, weil ich das Gefühl habe, dass die Zuschauer verstehen, was ich will. Ich halte mein Publikum für sehr klug und selbst die, die nicht klug sind, hoffe ich, sind am Ende etwas klüger. Mindestens weil sie merken, dass es nicht um etwas Oberflächliches geht. Die Vorstellungen sind oft sehr anstrengend, weil ich auch sehr viel theoretische Sachen sage, aber auch amüsant, weil ich immer wieder ausbreche. Ich habe eine Sache erlebt, die mir Hoffnung macht. Nämlich, dass die Arbeiten, die ich vorher gemacht habe, heute noch eine Rolle spielen. Ich kriege Briefe von Schülern, die heute erwachsene Menschen sind, die sagen: Deine Lesung damals bei mir, war für mich ein Startpunkt für ein Bewusstsein, dass ich nicht mehr verloren habe. Das ist das größte Kompliment, das ich bekomme, weil es mir letztlich auch die Arbeit erleichtert, weil ich merke, dass sie bei den Richtigen ankommt.
 
Was sind gerade, aktuell Themen, an denen man als Hassias nicht vorbeikommt?

Wie eben schon gesagt, die Macht des Internets, der gesellschaftliche Umgang miteinander, der Sprachduktus, das immer extremer werdende Urteil, Meinungsbildung im Affekt, das sind die philosophischen, großen Themen. Darauf setzt sich nochmal eine Schicht Boulevard: Warum Wendler und Laura permanent bei Instagram zu sehen sind und warum man Menschen nicht einen Führerschein erteilt, damit sie ins Internet dürfen und der hat nicht nur etwas mit dem Intelligenzquotienten zu tun, sondern auch mit Rechtschreibung. Ich werde sicher auch über Sport sprechen, über den Club, warum er jetzt in der zweiten Liga vor sich hindümpelt und es niemals schafft, eine längere Zeit in der ersten Liga zu spielen. Das werden die Nürnberger sehr mögen. Nürnberg als historischer Ort wird eine Rolle spielen, das Reichsparteitagsgelände, die Gedenkstätte, mit der ich seinerzeit auch zu tun hatte, interessieren mich sehr. Aber auch dieses seltsame Gefühl, das man hier hat, in einer sehr großen Stadt zu sein, in der alles aber auch sehr provinziell ist. Nürnberg ist eine der wenigen großen Städte, in der man das Gefühl hat, am Arsch der Welt zu sein. Man ist hier wirklich weit weg von allem. Fürth ist da noch, aber die Nürnberger fahren ja nicht nach Fürth, oder? Höchstens Matthias Egersdörfer. Nein, Franken an sich ist ja schon ein Ballungsgebiet. Aber das Gefühl, das man hat, in einer Stadt zu sein, in der die Läden um 10 Uhr zu machen und man nicht wirklich nochmal auf die Rolle gehen kann in 15 Clubs. Das war auch immer so, wenn ich auf Tour war und wir abends noch essen wollen: No way, 10 Uhr ist Zapfenstreich, da sind die Nürnberger sehr, sehr radikal und dann ist man nicht mehr Großstadt, sondern tiefste Provinz.
 
Das heißt aber, die bereitest dich tatsächlich dezidiert auf deine Auftrittsorte vor?

Ja. Ich komme auch jetzt supergerne hier hin. Wenn du nicht im Kontext eines Auftritts in eine Stadt kommst, bist du viel aufmerksamer und du siehst die Stadt ganz anders. Im Kontext des Auftritts checkst du ein, gehst auf dein Zimmer, schläfst eine Stunde, wirst abgeholt, gehst zum Auftrittsort, du siehst gar nichts von der Stadt. Aber wenn ich wie heute ganz normal in eine Stadt komme und ich gehe im Bahnhof ein Brötchen kaufen, fällt mir auf: Meine Güte, ganz schön asozial hier. Also, der Bahnhof war immer asozial, aber ich habe mich eben sehr gewundert, man sieht viele Dealer und Junkies und der Bahnhof ist ganz anders als in München, wo ich gestern war. Die Atmosphäre in der Stadt ist proletarischer. Ich finde auch die Stadt im inneren ist so zerfasert, es wirkt alles ein bisschen unentschieden, als würde man nicht dazugehören, als wäre es eine tschechische Stadt in Deutschland. Es wäre jetzt gefällig, wenn ich gesagt hätte, es ist die schönste Stadt der Welt, aber es ist mir nicht gelungen. Es gibt aber hässlichere Städte, nur zur Beruhigung, Köln zum Beispiel ist richtig scheiße.       

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SERDAR SOMUNCU: GRÖHAZ – DER GRÖSSTE HASSIAS ALLER ZEITEN.
Am 3. April in der Meistersingerhalle, Nbg. Tickets ab 37,20 Euro.
concertbuero-franken.de

Achtung! curt vergibt 3x 2 Tickets. Einfach eine E-Mail mit dem Betreff “Somuncu” an Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, du musst Javascript aktivieren, damit du sie sehen kannst senden und Daumen drücken. Einsendeschluß ist der 29. März 2020.
 




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